Bundesgericht
K.-o.-Tropfen im Milchshake: Falscher Bauspengler wollte Aargauerin vergewaltigen

Ein falscher Arbeiter schüttete einer Frau K.-o.-Tropfen in ihren Milchshake. Nun hat das Bundesgericht das Urteil des Aargauer Obergerichts wegen versuchter Vergewaltigung bestätigt. Die Beschwerden des Täters und der Oberstaatsanwaltschaft waren damit erfolglos.

Philipp Zimmermann
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K.o-Tropfen oder GHB in Röhrchen.

K.o-Tropfen oder GHB in Röhrchen.

Keystone

Die junge Frau ahnt nichts Böses. In ihrer Parterrewohnung in einer Überbauung in Oftringen müssen im Rahmen von Sanierungsarbeiten dringend Feuchtigkeitsmessungen durchgeführt werden, liest sie auf einem Zettel, den jemand unter das Katzentürchen durchgeschoben hat. Sie soll zurückrufen.

Doch das ist eine Lüge. Die Firma, der Name sich auf dem Zettel fand, weisst denn auch nichts von solchen Arbeiten.

Stattdessen ist es eine hinterhältige Masche eines falschen Bauspenglers. Nach ihrem schnellen Rückruf sucht der damals 25-Jährige an jenem Freitag, 4. Oktober 2013, ihre Wohnung auf. Dort träufelt er in mehreren Räumen Gamma-Butyrolacton (GBL), besser bekannt als Liquid Ecstasy oder K.-o.-Tropfen, auf den Boden.

Die Substanz GBL wirkt schon nach 15 Minuten

GBL ist das eigentlich ein Lösungsmittel, das zum Beispiel in Nagellackentfernern verwendet wird. Bereits fünfzehn Minuten nach der Einnahme macht sich Euphorie breit, die dann in Müdigkeit übergeht. Wird die Substanz überdosiert, kommt es zu Übelkeit, Benommenheit, tiefer Bewusstlosigkeit und Atemnot. Nach dem Aufwachen können sich die Opfer an nichts mehr erinnern.

Bevor er die Messungen vornehmen könne, müsse die Flüssigkeit verdunstet sein. Ein «reines Schauspiel», wie er zwei Jahre später, vor dem Aargauer Obergericht, zugeben sollte. Die Partydroge hatte er mit einem Kollegen im Herbst zuvor selber hergestellt und in Pet-Flaschen abgefüllt.

Als die Frau in die Küche geht, um ihm einen Kaffee zu machen, nutzt er die Gelegenheit: Er schüttet die Partydroge in ihren Milchshake. Im Glas werden später 14,3 Gramm GBL festgestellt.

Nachdem die Frau mehrmals aus ihrem Glas getrunken hat, spürt sie ein Kribbeln in Armen und Beinen. Nimmt Anzeichen einer Bewusstseinsstörung wahr. Ein Glück, gelingt es ihr nach anderthalb Stunden, den falschen Handwerker unter einem Vorwand aus der Wohnung zu komplimentieren.

Das Bezirksgericht Zofingen verurteilte den wegen kleinerer Vergehen vorbestraften Mann am 15. Januar 2015 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 41⁄2 Jahren. Zugleich ordnete es eine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme an und verpflichtete ihn, der Frau eine Genugtuung von 5000 Franken zu zahlen.

Das Aargauer Obergericht dagegen sprach den Täter am 17. Dezember 2015 vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung frei. Es verurteilte ihn aber wegen versuchter Vergewaltigung, versuchter qualifizierter einfacher Körperverletzung sowie Transports und Aufbewahrung von Betäubungsmitteln zu einer Freiheitsstrafe von 21⁄2 Jahren.

Die Richter zeigten sich überzeugt, dass sein Besuch «sicher in irgendeiner Weise sexuell motiviert» gewesen sei. Und: Er habe sie mit dem GBL widerstandsunfähig machen wollen, um sie zu vergewaltigen. Die Massnahme und die Genugtuung bestätigte es.

Sexuelles Motiv verneint

Der falsche Handwerker zog das vor Bundesgericht. Ein sexuelles Motiv bestritt er nach wie vor. Der Frau habe er nichts antun, sondern nur die Wirkung von GBL ausprobieren wollen. «Ich hab mir von ihr nichts erhofft, wollte nur das Experiment machen», hatte er schon vor Obergericht ausgesagt. Er forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von sechs Wochen wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung.

Das Bundesgericht hat seine Beschwerde allerdings abgelehnt. Der Täter habe sich im Laufe des Strafverfahrens mehrmals widersprochen. Es verweist auf zahlreiche Indizien für eine sexuell motivierte Tat. Er habe die Frau gezielt ausgesucht. Dank Internetrecherchen habe er gewusst, dass GBL das Bewusstsein beeinträchtigt. Deshalb sei er davon ausgegangen, sie werde sich nach der Tat an nichts mehr erinnern können.

Inwieweit seine vielen Tatortspuren in der Wohnung und sonstigen Indizien eine sexuelle Motivation der Tat widerlegen sollen, habe er nicht aufzeigt. Das Obergericht habe auch nicht, wie von ihm bemängelt, gegen die Unschuldsvermutung (in dubio pro reo) verstossen. Es nimmt ihm nicht ab, dass er lediglich die Wirkung der Droge habe testen wollen. Aufgrund des regelmässigen Konsums eines Kollegen habe er um die Wirkung der Droge gewusst.

8 Jahre gefordert

In einem zweiten Verfahren blieb auch die Beschwerde der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau zum selben Urteil vor Bundesgericht erfolglos. Diese hatte 8 Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchter vorsätzlicher Tötung gefordert.

Das Bundesgericht verweist im Urteil darauf, dass der Täter davon ausging, dass Liquid Ecstasy erst ab einer wesentlich höheren Menge gefährlich wird. Er habe über die Wirkung auch dank eines Kollegen Bescheid gewusst, der die Substanz regelmässig konsumiert habe. Auf einen Tötungsvorsatz könne nicht ohne weiteres geschlossen werden.

(Urteile 6B_355/2016 und 6B_429/2016)