Prozess
Justiz verschleppt Fall: Sex-Prozess liess Jahre auf sich warten

Der Fall des Bezirkschullehrers, der eine Schülerin brutal missbraucht haben soll, kommt vor Gericht. Eigentlich hätte der Prozess schon 2007 stattfinden sollen. Der Anwalt des mutmasslichen Opfers spricht von einer «überlangen Verfahrensdauer».

Thomas Röthlin
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Der Beschuldigte unterrichtete bis im November 2006 an der Bezirksschule Aarau

Der Beschuldigte unterrichtete bis im November 2006 an der Bezirksschule Aarau

Christoph Voellmy

Die Anklageschrift liest sich wie ein Protokoll des Grauens: Dreieinhalb Jahre lang habe ein Aarauer Bezirksschullehrer eine Schülerin unzählige Male vergewaltigt, sie zu abartigen Sexpraktiken gezwungen, immer wieder geschlagen und massiv bedroht. Der Mann ist geständig, was die sexuellen Handlungen mit der damals Minderjährigen betrifft. Die Anwendung von Gewalt streitet er jedoch ab.

So oder so gilt bis zum 5. September die Unschuldsvermutung. Dann kommt es zum Strafprozess vor Bezirksgericht Aarau. Dieses wird im Gerichtsgebäude in Brugg tagen, wo die technischen Voraussetzungen so sind, dass das Opfer seinem Peiniger nicht über den Weg laufen muss.

Es passierte von 2002 bis 2005

Es wäre eine Begegnung zehneinhalb Jahre nach dem ersten und sieben Jahre nach dem letzten Vorfall. Im November 2006 flog alles auf, der Lehrer wurde verhaftet und fristlos entlassen. Noch im Januar 2007 schloss der damalige Aarauer Bezirksamtmann und Untersuchungsrichter Dieter Gautschi laut az Aargauer Zeitung nicht aus, «dass der Fall noch in diesem Jahr vor Bezirksgericht verhandelt wird».

Doch bis zum Prozess sollte es noch einmal über fünfeinhalb Jahre dauern. Auf Anfrage kritisieren alle Beteiligten – Oberstaatsanwalt, Verteidiger und Opfervertreter – die lange Untersuchungsdauer. Sie werden die Verzögerung ganz unterschiedlich in ihre Argumentationsstrategie vor Gericht einbeziehen.

Die Oberstaatsanwaltschaft will eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren minus anzurechnender Untersuchungshaft erreichen, wie sie auf Anfrage bestätigt. Die Anklage lautet auf mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung und mehrfache Pornografie. Die Maximalstrafe für alle Straftatbestände beträgt Gefängnis. Weitere Auskünfte zum Fall gibt die Behörde unter Berufung auf das Amtsgeheimnis nicht. Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken dürfte in seinem Plädoyer ausführen, das überlange Verfahren sei in seinem beantragten Strafmass berücksichtigt.

Verteidiger baut auf Fairnessgebot

Der amtlich bestellte Verteidiger Urs Oswald betont ausdrücklich, dass er in all den Jahren immer wieder Druck auf die Untersuchungsbehörden ausgeübt habe, das Verfahren zu beschleunigen. «Das ist in der Aargauer Justiz ein absolut einmaliger Fall von Verschleppung», sagt der seit 40 Jahren als Strafrechtler tätige Oswald. Der Beschuldigte leide enorm und sei beruflich völlig blockiert, finde auch in der Erwachsenenbildung keine Stelle mehr.

Andererseits wird Oswald aus der möglichen Verletzung des sogenannten Beschleunigungsgebots in Strafsachen Kapital zu schlagen versuchen. Dieses steht in der Europäischen Menschenrechtskonvention und soll Angeklagten ein faires Verfahren garantieren. Den Strafantrag von 7Jahren jedenfalls bezeichnet Oswald als drakonisch: «Er hat überhaupt nichts mit gesundem Mass zu tun.»

Von einer «nicht zu rechtfertigenden, überlangen Verfahrensdauer» spricht auch der Anwalt der heute 24-jährigen Frau, Patrick Stutz. Diese habe es für seine Mandantin «noch schwieriger gemacht, die Vorgänge zu verarbeiten». Das Opfer, das als Zivilklägerin auftritt, sei «sehr froh, wenn dieses Verfahren endlich abgeschlossen werden kann» und sie nichts mehr damit zu tun habe.

Eine von vielen Pendenzen

Der Fall ist einer der 347 Fälle (Stand Ende Oktober 2011) der ehemaligen Bezirksämter und heutigen Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, die auf dem Pendenzenberg liegen geblieben sind. Für die Abarbeitung von gesamtkantonal 676Verfahren mussten bei der Oberstaatsanwaltschaft vier neue Stellen geschaffen werden. Die Aufsichtsbehörde kann gemäss neuer Strafprozessordnung Verfahren an sich ziehen. Das passierte im vorliegenden Fall auf Antrag des Opferanwalts. Dass es ab Oktober 2011 vorwärtsging, diente laut Stutz «letztlich allen Seiten».

Warum ausgerechnet dieser schwere Fall zuvor nicht beförderlich behandelt worden war, bleibt einstweilen im Dunkeln. Die verschiedenen Meinungen, wer die Überlänge des Verfahrens verursacht habe, werde Gegenstand der Gerichtsverhandlung sein, antwortet Oberstaatsanwalt von Däniken abschliessend. Der damalige Strafverfolger Dieter Gautschi sei inzwischen «in die wohlverdiente Pension gegangen».