In der Westschweiz heissen sie MNA (mineurs non-accompagnés), in der Deutschschweiz UMA (unbegleitete minderjährige Asylbewerber). Ähnlich verschieden wie die Bezeichnungen ist auch der Umgang der Kantone mit Kindern und Jugendlichen, die allein in die Schweiz kommen und hier einen Asylantrag stellen.

Dies zeigt ein Beitrag im Reportage-Magazin «Temps présent» des Westschweizer Fernsehens RTS. So leben die MNA im Kanton Waadt in einer eigenen Unterkunft. Dort werden sie betreut, erhalten Französisch-Unterricht, für sie wird gekocht und es stehen verschiedenste Möglichkeiten für Sport und Freizeitgestaltung zur Verfügung.

Netzwerk Asyl: «Unhaltbar»

Ganz anders stellt das Westschweizer Fernsehen die Situation im Aargau dar. RTS lässt den 15-jährigen Haben aus Eritrea erzählen, der zusammen mit weiteren Jugendlichen im Asylzentrum Casa Torfeld in Buchs lebt. Der junge Afrikaner ist dort zusammen mit Erwachsenen untergebracht – für Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl, ein unhaltbarer Zustand. «Die Kinder und Jugendlichen können keine Deutschkurse besuchen, erhalten keinen Schulunterricht, haben den ganzen Tag keine Beschäftigung und werden auch sonst nicht speziell betreut», kritisiert sie. Haben selber erzählt im Beitrag, er ernähre sich hauptsächlich von Teigwaren und schlafe lange, um eine Mahlzeit pro Tag zu sparen.

Ausschnitt aus der Reportage der RTS-Sendung «Temps présent» vom 19. Februar 2015: Jeden Tag Pasta und manchmal auch Hunger –  Haben (15) und Hermon (17) schildern ihren Alltag im Casa Torfeld in Buchs. Ums Essen müssen sie sich selbstständig kümmern, kochen können sie kaum.

Jeden Tag Pasta und manchmal auch Hunger: Haben (15) und Hermon (17) schildern ihren Alltag im Casa Torfeld in Buchs. Ums Essen müssen sie sich selbstständig kümmern, kochen können sie kaum, wie dieser Ausschnitt aus der Reportage der RTS-Sendung «Temps présent» vom 19. Februar 2015 zeigt.

Grossrätin der Grünen: «Skandal»

Irène Kälin, Co-Präsidentin der Grünen-Fraktion im Grossen Rat, ist empört über die Behandlung der unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber im Aargau. «Die Geschichte des welschen Fernsehen lässt den Kanton und seine Asylpolitik in einem erschreckenden Licht dastehen», sagt sie. Für sie ist es inakzeptabel, dass es für die besonders schutzbedürftigen Minderjährigen keine separaten Unterkünfte gibt, dass sie nicht betreut würden, keine Ansprechpersonen hätten und die Schule nicht besuchen könnten.

«Sie haben laut dem Beitrag zu wenig Geld für eine gesunde Ernährung, für warme Kleidung und Schuhe, erhalten keine gesundheitliche Betreuung, sondern Schlafmittel von der Securitas, ausserdem hat Caritas keinen Zugang zu den Unterkünften – das sind skandalöse Zustände», kritisiert Kälin. Für sie ist deshalb klar: «Trifft auch nur die Hälfte der gezeigten Missstände zu, haben wir ein riesiges Problem im Aargau.»

In einem Beitrag von «Schweiz aktuell» kritisiert auch Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Präsidentin der schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, den Aargau. Dass die UMA in normalen Asylunterkünften zusammen mit Erwachsenen einquartiert seien, widerspreche der UNO-Kinderrechtskonvention, sagt die SP-Nationalrätin aus dem Kanton Bern.

Kanton: «Alle sind versorgt»

Balz Bruder, persönlicher Mitarbeiter von Sozialdirektorin Susanne Hochuli und Sprecher im Departement Gesundheit und Soziales, kennt die Vorwürfe. Bereits im November kritisierte der Verein Netzwerk Asyl den Umgang des Kantons mit UMA. Bruder: «Alle von ihnen haben ein Dach über dem Kopf, alle haben Essen und Kleidung, alle erhalten die nötige medizinische Versorgung». Pro Tag und Person würden 9 Franken (bis 16 Jahre) bzw. 10 Franken (ab 16 Jahre) ausgezahlt, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, dazu komme ein Kleidergeld.

Mit der Kritik der fehlenden Bildungsmöglichkeiten konfrontiert, hält Bruder fest: «Grundsätzlich besuchen alle schulpflichtigen Asylbewerber den Unterricht, dies gilt für Kinder, die mit ihrer Familie in die Schweiz kommen, ebenso wie für unbegleitete Jugendliche.» Wenn dem Kanton vom Bund allerdings in kurzer Zeit eine grosse Zahl an UMA zugeteilt werde, könne es sein, «dass der Deutschkurs oder die Einschulungsvorbereitung für sie nicht gleich nächste Woche starten kann». Problematisch werde es ausserdem, wenn Kinder oder Jugendliche zugeteilt werden, die absolut keine Deutschkenntnisse haben und auch über keine Schulbildung verfügten – «dies insbesondere mit Blick auf einen künftigen Berufseinstieg.»

Auf die Schicksale, die bei «Temps présent» gezeigt werden, geht Bruder nicht ein. Er betont: «Besonders verletzliche Kinder und Jugendliche, zum Beispiel traumatisierte, werden heute schon bei Pflegefamilien oder in speziellen Institutionen untergebracht.» Ziel des Kantons sei es, die Kinderschutzkonvention einzuhalten. «Dabei geht es nicht um den Asylstatus der Betroffenen an sich, sondern darum, für unbegleitete Minderjährige zu sorgen.» Ob es sich um Asylsuchende handle oder nicht, sei im Prinzip nicht entscheidend.