Bei der Elektrizität drängen sich die einschlägigen Metaphern halt geradezu auf. «Unter Strom» geht manchem «ein Licht auf» und dann «findet man auch den Draht» zueinander. Oder wie auch immer. Vor 100 Jahren wurde das Aargauische Elektrizitätswerk (AEW) gegründet – nicht zu vermeiden, dass damals dem Kanton «ein Licht aufging». Elektrischer Strom wurde in den Anfangszeiten fast ausschliesslich zum Beleuchten gebraucht. Er löste die Petroleumfunzeln ab und verlängerte den (Arbeits-)Tag merklich. Bald nutzte man den Strom auch als Kraft – jeder Bauernhof wünschte sich ein «Motörli», mit dem alles betrieben werden konnte, was sonst anstrengende Muskelarbeit erforderte: Gülle pumpen, Holz sägen, Heu auf die Bühne heben.

Klamme Kantone gründen die NOK

1904 wurden bereits die ersten Glühlampen im Aargau produziert, in der EAG in Aarau. Walter Boveri, zusammen mit Charles Brown der Industriepionier in Baden, hatte die «Motor AG für angewandte Elektrizität» schon 1895 gegründet. Die «Motor AG» beherrschte den Strommarkt in der ganzen Nordostschweiz. Da trat Emil Keller auf den Plan. Der ehrgeizige Regierungsrat will die aargauische Stromversorgung verstaatlichen. Boveri ist nicht abgeneigt, besteht aber darauf, dass der Kanton die ganze «Motor AG» – mit dem Speicherkraftwerk «Löntsch» in Netstal – kaufen müsse.

Keller sieht, dass der Kanton Aargau diese finanzielle Last nicht allein stemmen kann. 1914 hat er es geschafft: Zürich, Schaffhausen, Thurgau, Glarus, Zug und Aargau schliessen sich elektrotechnisch zur NOK zusammen. Der Kanton als Aktionär der NOK versorgt den Kanton mit Strom und verdient auch noch Geld. Am 1. Januar 1916 nimmt das Aargauische Elektrizitätswerk seinen Betrieb auf. Erfolgreich, obwohl Krieg ist.

Das waren aufregende Zeiten damals und Keller ein energischer und vorausschauender Politiker. Er stirbt 1965 mit 87 Jahren. Pioniere späterer Generationen sind aber noch da. Und was sie im Zusammenhang mit dem Strom erlebten, war nicht minder spannend. Jubiläen sind bilanzierende Ereignisse, vollgepackt mit Zahlen und Daten.

Aber doch nicht beim Strom! Steven Schneider, der Autor der Jubiläumsschrift, ist ein begnadeter Erzähler und er «kann es» mit den Leuten. Die Zahlen hat er auch in seinem schönen Buch, die Chronik auch, aber er erzählt auch die Geschichten, die der Strom schrieb. Der Propagandafeldzug, den Materialwart Emil Guyer 1924 entfesselte, als die Turnhallen auf dem Land für die Roadshow in Sachen Strom hinhalten mussten, ist erfolgreich: Kocht mit Strom, nicht mit Holz oder Gas! Man muss die Hausfrau gewinnen, das war schon damals das Geheimnis. Emilie Bürli, heute über 90, erlebte, wie die ersten Elektro-Kochherde und Bügeleisen in die Häuser kamen. Die Sensation war aber der Kühlschrank!

Der «eingebettete» Widerständler

An der Vernissage des Jubiläumsbuches ist Emilie Bürli im Element. Aber auch Paul Knecht, der Ende des Zweiten Weltkriegs dabei war, als die Sprengung des Kraftwerks Reckingen durch die Deutschen knapp verhindert werden konnte. Oder Hans Keller, Elektromonteur der ersten Stunde, der in Merenschwand einen Stromunfall überlebte.

Und der Bremgarter Elektroingenieur Alfred Koch, der als Bürger und später als Stadtrat in Bremgarten sich so manchen Strauss mit dem AEW lieferte: Bei der umstrittenen Reusstal-Sanierung zum Beispiel, als er und seine Gruppe vor Gericht verlieren, die Stromwirtschaft aber doch Anregungen aus ihrem Kreis aufnimmt; oder beim Kraftwerk Bruggmühle in Bremgarten. Koch ist ein Musterbeispiel des – nein, nicht des Wutbürgers, wie man ihn heute kennt, – sondern eines Mannes von kritischem, konstruktivem Geist. Aus dem AEW-Gegner wird dann schliesslich noch ein AEW-Verwaltungsrat.