Ein ganzes Jahr lang stehen die Laufschuhe der Joggerin* unbenutzt im Keller. Erst diesen Frühling fängt die 42-Jährige aus Bergdietikon wieder an zu laufen. Den Heitersberg meidet sie jedoch. Dort, auf dem Höhenweg, griff sie am 7. März 2017 ein Mäusebussard an und steckte sie mit der Hasenpest an. Es dauerte mehrere Wochen, bis klar war, woran sie litt. Es waren Wochen, in denen sie unter grossen Schmerzen litt.

Die Lehrerin erinnert sich genau an den Vorfall. Der Tag ist düster, es nieselt. Sie ist unschlüssig, überwindet sich dann aber doch, laufen zu gehen. Vom Hotel Hasenberg rennt sie in den Wald Richtung Egelsee, aus den Kopfhörern dröhnt Musik. Sie sieht und hört nicht, wie der Mäusebussard sie von hinten anfällt: «Es war, als fiele ein Sandsack auf mich. Ich bin wahnsinnig erschrocken.» Sie stolpert, fällt aber nicht hin. Der Vogel stösst sich sofort wieder ab. Sie fährt sich mit der Hand über den Hinterkopf. Blut findet sie nicht. Sie vermutet nichts Böses, kehrt aber um und läuft nach Hause. Was bleibt, ist eine Beule, auf der sich eine Kruste bildet.

Hohes Fieber

Die Schmerzen kommen sechs Tage später: hohes Fieber, starke Gliederschmerzen, dazu ein Schmerz links am Hals im Bereich der Lymphknoten. Sie geht zum Hausarzt, der eine Hirnhautentzündung vermutet. Drei Tage später wird sie ins Regionalspital Limmattal in Schlieren eingeliefert. Der Verdacht der Ärzte: Virusinfektion der oberen Atemwege, geschwollene Lymphknoten hinter dem linken Ohr. Die Patientin erhält Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Nach fünf Tagen verlässt sie das Spital auf eigenen Wunsch. Noch immer ist ihre Krankheit unerkannt. Von Heilung keine Spur.

Erst am 5. April kündigt sich Besserung an. Sie kommt deutlich geschwächt ins Kantonsspital Baden. Noch immer hat sie 40 Grad Fieber und Muskelschmerzen. Erstmals kommen Ärzte ihrem Leiden nun auf die Spur: Sie vermuten eine Tularämie, genannt Hasenpest. Auslöser sind nicht Viren, sondern ein Bakterium mit Namen Francisella tularensis. Die Ärzte scheitern am Nachweis in einer Blutkultur, finden aber trotzdem einen Beweis: Ihr Blut enthält viele Antikörper gegen den Erreger. Sie erhält ein Antibiotikum. Endlich bessert sich ihr Zustand, das Fieber verschwindet. Nur die Lymphknoten schmerzen weiter. Es bildet sich ein eitriges Geschwulst, das die Ärzte aufschneiden. Erst jetzt genest sie komplett. «Ich habe mich recht schnell erholt», sagt sie. Im Herbst klingen auch die letzten Schwellungen ab.

So verarbeitete der Sohn, damals 7-jährig, den Angriff.

So verarbeitete der Sohn, damals 7-jährig, den Angriff.

Krankheit wird häufiger

Die Diagnose Hasenpest ist in der Schweiz selten. 2015 registrierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 50, 2016 56 Fälle. Die Krankheit werde aber häufiger, heisst es auf der BAG-Website. Wird sie nicht behandelt, endet sie in fünf bis 15 Prozent der Fälle tödlich. Mit der richtigen Antibiotikatherapie sinkt die Wahrscheinlichkeit zu sterben unter zwei Prozent.
Den ungewöhnlichen Fall vom Heitersberg schilderte ein Team von Infektiologen und Veterinären kürzlich im Schweizer Archiv für Tierheilkunde. Ungewöhnlich ist er deshalb, weil er fast einmalig ist: Die Wissenschafter wissen von nur einer anderen Übertragung durch einen Mäusebussard-Angriff. Pikant: Dieser passierte am selben Ort. Drei andere Jogger wurden ebenfalls attackiert. Einer erkrankte danach an der Hasenpest. Auch ihm geht es wieder gut. Ob der Angreifer derselbe Vogel war, ist nicht bekannt.

Angriffe von Greifvögeln auf Menschen kommen immer wieder vor: Die Vogelwarte Sempach geht von rund einem Dutzend Fällen pro Jahr aus, wie Livio Rey im Interview sagt. Die «Limmattaler Zeitung» berichtete 2013 über einen damals 22-jährigen Jogger, der in Rudolfstetten Richtung Hasenberg von einem Mäusebussard angefallen wurde.

Hochempfänglich für die Hasenpest sind Feldhasen, Kaninchen und Nagetiere. Aber auch Katzen, Hunde, Rinder, Schafe, Pferde, Vögel und der Mensch können an Tularämie erkranken. Infektionen entstehen meist nach einem Zeckenbiss oder durch blutsaugende Insekten. Auch durch kleine Verletzungen im Umgang mit lebenden oder toten infizierten Tieren kann Hasenpest übertragen werden. Jäger und Metzger können sich etwa beim Abhäuten oder Schlachten anstecken. Bekannt sind auch Übertragungen durch kontaminierte Lebensmittel, Wasser oder Staub, der beim Heuen durch die Luft wirbelt. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt.

Kritik am Jagdaufseher

Ob der Mäusebussard selbst krank ist oder ob er die Erreger bloss äusserlich trug, wissen die Wissenschafter nicht. Sie konnten ihn nicht untersuchen. Bei der Joggerin ist gesundheitlich wieder alles in bester Ordnung. Den Vorfall meldete sie beim stellvertretenden Jagdaufseher des Reviers Bergdietikon, Rudolf Vogel. Dieser habe aber kein offenes Ohr für sie gehabt. Sie moniert, es sei nichts passiert. Dass ein Tier seine Jungen schütze, sei eine Sache. «Dass es aber Krankheiten verbreitet, darf nicht sein.»

Vogel lässt die Kritik so nicht gelten. Er habe nach Rücksprache mit der kantonalen Jagdverwaltung zwei Hinweistafeln aufgestellt. Danach habe es keinen Angriff mehr gegeben. Ausserdem habe er mit Knallpatronen versucht, den Bussard zu verjagen, was nicht gelang. Vogel sagt: «Wenn ein Vogel Junge hat, lässt er sich nicht verjagen.» Ob tatsächlich Junge im Nest sassen, konnte Vogel nicht beurteilen – das angriffige Verhalten lasse aber keinen anderen Schluss zu.

Ein Abschuss des Bussards war keine Option. Das Tier ist durch das Jagdgesetz geschützt. Jagdaufseher dürfen verletzte und kranke Bussarde erlegen. Laut Vogel erfüllte der Bussard diese Kriterien aber nicht. Das kantonale Amt für Verbraucherschutz stützt diese Sicht.

Vogel weiss nicht, ob der Mäusebussard dieses Jahr wieder auf dem Heitersberg nistet. Das Nest hat er jedenfalls nicht mehr gesehen.

Den Fallbericht aus dem Schweizer Archiv für Tierheilkunde finden Sie hier.

*Name der Redaktion bekannt