10 Jahre «Meiereien»

Jörg Meier über seine Kolumne: «Was nicht wahr ist, ist so gut erfunden, dass es wahr sein könnte»

Heute vor 10 Jahren ist die erste Kolumne unter dem Stichwort «Meiereien» erschienen. Zum Jubiläum interviewt Frau Lüscher den Kolumnisten Jörg Meier.

Die «Meiereien» sind am 23. Februar 2009 zum ersten Mal erschienen. Sie erzählten von einer Trauerfeier im Oberfreiamt, während der das Leben im Dorf eine Stunde lang stillstand und in der Kirche ein älterer Mann sein Hörgerät ausschaltete, weil er den traurigen Gesang nicht länger ertrug. Schon diese erste «Meierei» löste unterschiedliche Reaktionen aus. Die Zeitung sei tief gesunken, wenn sie jetzt schon über Beerdigungen in der Provinz berichte, kritisierte ein Leser, man könne gut auf solche Texte verzichten.

Anfänglich erschienen die «Meiereien» sechsmal in der Woche. Im Laufe der Jahre wurde auch hier gespart und die Kadenz nach und nach reduziert. So gibt es heute in der Regel pro Woche eine neue «Meierei». Unverändert seit dem Beginn ist die Länge der Kolumne von 1680 Zeichen; und auch der Schreiber ist seit zehn Jahren der gleiche.

Manchmal wird er von Frau Lüscher assistiert. Das ist gelegentlich hilfreich und oft anstrengend. Frau Lüscher ist es auch, die sich anerboten hat, aus aktuellem Anlass Jörg Meier zu den «Meiereien» zu befragen. Unter einer Bedingung: Sie wollte sich partout nicht fotografieren lassen. Deshalb hat sich Karikaturist Silvan Wegmann in verdankenswerter Weise um die Illustration des Interviews gekümmert.

Herr Meier, trocknen Sie auch nach dem Duschen die Duschkabine mit dem Duschabzieher aus?

Jörg Meier: Dieser Einstieg ist mir zu persönlich. Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Dann versuche ich es anders: Waschen Sie Ihr WC-Bürsteli jeweils auch im Geschirrspüler?

Das geht Sie gar nichts an. Ich dachte, wir reden über die «Meiereien».

Jetzt enttäuschen Sie mich aber, Herr Meier. Sie haben doch den Einsatz des Duschabziehers und das WC-Bürsteli zum Thema gemacht. Sie haben enthüllt, wie kreativ viele Menschen damit umgehen. Aber selber wollen Sie sich nicht outen? Finden Sie das fair?

Den Leserinnen und Lesern ist doch völlig egal, wer ich bin und was ich tue. Die Menschen möchten am liebsten etwas über sich selber lesen. Oder über jemanden, den sie kennen. Über sich selber am liebsten nur Gutes, über die anderen darf es durchaus auch etwas Schlechtes sein.

Und daran halten Sie sich?

Ich halte mich an gar nichts. Ich erzähle meist einfache Geschichten aus dem gewöhnlichen Alltag, die sich mit 1680 Zeichen erzählen lassen. Damit habe ich schon genug zu tun.

Wie viele «Meiereien» haben Sie in den letzten zehn Jahren eigentlich geschrieben?

Ich weiss es nicht. Irgendwann habe ich mit dem Zählen aufgehört. Ich schätze, dass bisher etwa 1750 «Meiereien» erschienen sind.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen eines Tages nichts mehr einfällt?

Nein.

Sind Ihre Geschichten wahr?

Natürlich sind sie wahr. Und was daran nicht wahr ist, ist so gut erfunden, dass es wahr sein könnte.

Dann behaupten Sie also im Ernst, dass es das von Ihnen schon mehrmals beschriebene Jura-Kamuff tatsächlich gibt?

Bisher liegt kein Beweis vor, dass das überaus scheue Tier nicht existiert. Aber es gibt wohl nur noch wenige Exemplare. Deshalb wird das Jura-Kamuff ja auch nur äusserst selten gesichtet.

Was sagen Sie Leuten, die behaupten, mich, also die Frau Lüscher, gebe es nicht wirklich, ich sei eine blosse Erfindung des Kolumnisten?

Allein die Tatsache, dass Sie mich interviewen, beweist doch, dass Sie existieren und kein Hirngespinst sind.

Was ist mit Polderhorn? Früher hat er Sie noch regelmässig auf der Redaktion besucht. Seit einiger Zeit aber ist er verschwunden.

Polderhorn? Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört. Aber ich nehme an, er lebt immer noch im Val Bavona und schreibt an seinem Grundlagenwerk über das Leben an sich. Gelegentlich melden mir treue Leser der «Meiereien», sie hätten Polderhorn im Val Bavona gesichtet; aber sicher kann man da nie sein. Ich muss zugeben: Manchmal vermisse ich ihn. Keiner konnte so ehrlich wütend sein.

Sie schreiben immer wieder über Schwaderloch. Finden Sie das lustig? Das Dorf kann nichts für seinen Namen und kämpft tapfer ums Überleben.

Ich mag Schwaderloch. Die Wertschätzung beruht übrigens auf Gegenseitigkeit. Die meisten Schwaderlocherinnen und Schwaderlocher schätzen, was ich über das Dorf schreibe. Immerhin verdankt Schwaderloch meiner Kolumne auch eine gewisse Bekanntheit. Die Schwaderlocher haben mich deshalb auch als Ehrengast zu ihrem 700-Jahr-Jubiläum eingeladen. Ich durfte dort die Festansprache halten und erhielt als Geschenk ein Taschenmesser mit Schwaderloch-Gravur. Der Kinderchor hat für das Jubiläum das Schwaderloch-Lied zur Melodie von «Waterloo» gesungen. Das war ein tolles Fest, das kann ich Ihnen sagen! (singt zur Melodie von «Waterloo» den Refrain) Schwa-derloch, Schwa-Schwa-Schwa-Schwa-Schwaderloch …

(Foto Alex Spichale)

«Meiereien»-Kolumnist Jörg Meier.

(Foto Alex Spichale)

Danke, das genügt. National bekannt wurde Ihre Kolumne «Büsi und drunder», in der Sie beschreiben, wie die Aargauer genüsslich Büsis verspeisen.

Diese Kolumne ist auch meine grösste Niederlage.

Wie meinen Sie das?

Ich weiss von einem Deutsch-Lehrer, der die Büsi-Kolumne jedes Jahr einer anderen Klasse vorsetzt, wenn es um Satire geht. Ich habe über 1700 «Meiereien» geschrieben, aber dieser Lehrer bespricht immer nur die von den büsifressenden Aargauern. Das ist frustrierend für mich als Autor. Gerade so, als sei nachher nicht mehr viel Brauchbares entstanden.

Wie lange wollen Sie mit den «Meiereien» denn noch weitermachen?

Nächste Frage.

Darf ich Sie weiterhin anrufen, wenn mich etwas beschäftigt. Oder gehe ich Ihnen mit meiner Fragerei auf die Nerven?

Frau Lüscher, Sie sind und bleiben meine Muse.

Ich habe keine weiteren Fragen.

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