Seit der Konflikt zwischen der Transportfirma Dreier und der Gewerkschaft Unia letzte Woche bekannt geworden ist (az vom 11. Dezember), decken sich beide Seiten mit Vorwürfen ein. Nun äussert sich erstmals ein Fahrer: Beat K. (Name geändert) kritisiert Dreier scharf. «Um die Touren fahren zu können, müssen wir Chauffeure gegen die Arbeits- und Ruhezeitverordnung verstossen, anders ist dies gar nicht möglich.»

Die Präsenzzeiten der Fahrer seien mit 12 bis 15 Stunden pro Tag enorm hoch. Bezahlt würden davon bloss 7 bis 9 Stunden.

«Das Problem ist, dass es Pikettzeiten zwischen den einzelnen Fahrten gibt. Diese Bereitschaftszeit, in der ein Fahrer jederzeit zu einer Tour aufgeboten werden kann, wird von Dreier nicht bezahlt. Er betrachtet dies als Pausenzeit, damit verstösst Dreier aus meiner Sicht aber gegen das Arbeitsgesetz», erklärt Beat K.

Fahrer hat viele Überstunden

Beat K. wandte sich mit seinen Fragen an den Disponenten und suchte auch das Gespräch mit dem Personalchef von Dreier. «Ich habe auf die ungesetzliche Praxis mit den Bereitschaftszeiten hingewiesen und verlangt, dass meine Überstunden aufgelistet und ausbezahlt werden.»

K. nannte dabei auch das Beispiel eines Chauffeurs, der von Dreier zu einem anderen Transportunternehmen wechselte: «Als er dort anfangen wollte, schickte ihn die neue Firma zuerst einmal in die Ferien, weil er viel zu viele Überstunden auf seiner Fahrerkarte hatte.»

Dienstweg brachte nichts

Beat K. ging genau so vor, wie es Hans-Peter Dreier von seinen Fahrern verlangt. «Jeder Mitarbeiter, der konkrete Anliegen in Bezug auf die seitens Unia pauschalisierten Themen hat, kann diese bei den bekannten Stellen, sei es bei den Vorgesetzten oder auch beim Personalleiter Marc Mürset, deponieren», heisst es in einer Mitteilung an die Fahrer, die seit Freitag bei Dreier aushängt. Auf Anfrage ergänzt der Geschäftsleiter: «Einzelgespräche, bei denen sich ein Fahrer von der Unia wie von einem Anwalt vertreten lässt, sind überhaupt kein Problem.» Dafür müssten aber konkrete Anschuldigungen vorliegen.

Beat K. entgegnet, er sei von den Vorgesetzten bei Dreier Transport nur vertröstet worden.

Auf die Vorwürfe von Beat K. angesprochen, sagt Hans-Peter Dreier: «Die Schichtzeiten bewegen sich im gesetzlichen Rahmen, und die Personen mit langen Schichten wechseln alle 14 Tage.» Zur unbezahlten Bereitschaftszeit hält Dreier fest: «Bereitschaftszeit ist mit der Zimmerstunde einer Serviertochter vergleichbar und die Zimmerstunde ist auch nicht bezahlt.»

Er betont, dies sei nicht dasselbe wie Pikettzeit im Arbeitsgesetz. «Wir unterstehen der Arbeits- und Ruhezeitverordnung. Darin ist klar geregelt, dass Bereitschaftszeit keine Arbeitszeit ist», betont Dreier. Zudem sei dieser Grundsatz auch in den Arbeitsverträgen der Fahrer enthalten. «Ich habe Mühe damit, wenn ein Chauffeur dies unterschrieben hat, und sich nachher über unbezahlte Bereitschaftszeiten beklagt», sagt Dreier.

Unia will in die Transportbranche

Der Transportunternehmer vermutet, dass Beat K. von der Unia instrumentalisiert wurde.

Tatsache ist: Die Unia hat mit einer Klage beim Regionalgericht Bern versucht, den Beitritt zur Landesvereinbarung zwischen dem Nutzfahrzeugverband Astag und der Transportgewerkschaft Routiers Suisse zu erzwingen. Im August 2012 befand das Regionalgericht, dass die Unia nicht genügend Fahrer als Mitglieder habe und wies die Klage ab. Anfang November 2013 hat das Obergericht eine Beschwerde der Unia gutgeheissen. Nun muss das Regionalgericht den Fall neu beurteilen.

Mit mehr Chauffeuren als Mitglieder würden die Chancen der Unia vor Gericht sicher steigen. Pascal Pfister, Gewerkschaftssekretär der Unia Aargau, hält jedoch fest: «Es kann keine Rede davon sein, dass Fahrer missbraucht oder instrumentalisiert werden.» Vielmehr hätten sich die Chauffeure mit berechtigten Anliegen an die Unia gewandt. Weiterhin fordere man Dreier zum Gespräch auf.

Dieser hält fest: «Wir werden uns auf kein Gespräch mit der Unia einlassen. Zum einen wurden die geforderten Fakten bis heute nicht geliefert, andererseits besteht hierfür schlichtweg keine Rechtsgrundlage.»