Lenzburg
Jetzt ist Holzernte: Im Winter gehts vielen Bäumen an den Kragen

Jetzt, im Winter, ist Holzerntesaison im Wald. Im Winter im Wald arbeiten? Forstleute erklären, warum sie diesen gefährlichen Beruf lieben und ausüben und wie der milde Winter die Holzernte erschwert. Eine Reportage aus dem Forstrevier Lenzia.

Mathias Küng
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Einer der beiden Zangenschlepper der Forstdienste Lenzia im Einsatz
10 Bilder
Aus dem Baum wird ein Keil herausgesägt.
Im Winter gehts den Bäumen an de Kragen - Bilder von der Arbeit der Forstdienste Lenzia
Forstwart bei der Arbeit

Einer der beiden Zangenschlepper der Forstdienste Lenzia im Einsatz

Annika Bütschi

Der Lenzburger Stadtoberförster Frank Haemmerli wird ein bestimmtes Telefonat nie vergessen, das ihn kurz nach dem Jahrhundertorkan Lothar erreicht hat.

Er und seine Leute versuchten gerade, einen Überblick über die riesigen Schäden zu gewinnen. Damals lag fünfmal so viel Holz im Lenzburger Forst kreuz und quer am Boden, wie man sonst pro Jahr erntet.

Da erkundigte sich eine Sekretärin, wann die Lieblings-Joggingstrecke ihres Chefs durch den Wald wieder frei sei. Die Forstleute hatten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ganz andere Sorgen.

Von «Lothar» sind vor allem auffällige Schneisen und Lücken geblieben. Die wird man noch lange sehen.

Und noch etwas fällt im 11 Quadratkilometer grossen Gebiet der Forstdienste Lenzia auf: ausser dort, wo man bewusst Naturwald will, wirkt der Wald ziemlich aufgeräumt.

Ein wichtiger Grund dafür ist die zunehmende Nachfrage nach Holzschnitzeln zu Heizzwecken. Mit vielem, was früher im Wald liegen blieb, könne man heute sogar etwas Geld verdienen, sagt Haemmerli.

Und es gibt viel weniger Reklamationen von Spaziergängern und Joggern, die sich über herumliegende Bäume und Äste ärgern.

Jetzt, im Winter, ist Holzerntesaison im Wald. Untrügliche Zeichen dafür sind gesperrte Wege und kreischende Motorsägen. Zwar beginnen Haemmerlis Arbeitstrupps schon Ende August.

Erst wenn im Frühling alles blüht und spriesst, wird kein Holz mehr geerntet. Doch ideale Bedingungen für die Holzernte wären 5 Grad unter null.

Derzeit ist es zu warm, der Boden zu weich. Deshalb erledigen die Forstleute so viele Arbeiten wie möglich von der Waldstrasse aus. Denn ihre schweren Maschinen würden derzeit auf dem Waldboden tiefe Spuren hinterlassen.

So bleiben beim Warten auf tiefere Temperaturen manche Baustellen halt länger in Arbeit und noch unaufgeräumt, wirbt Haemmerli um Verständnis bei Waldspaziergängern.

Zum Forstrevier Lenzia - so gross wie der Hallwilersee - gehört der Wald der Ortsbürgergemeinden Lenzburg, Ammerswil, Niederlenz, Othmarsingen und Staufen.

Hier sind derzeit zwei Equipen mit zwei Zangenschleppern unterwegs. Auf einem dritten Arbeitsplatz angelt sich Reto Schär mit dem langen Greifarm des neu angeschafften Forwarders die gefällten Bäume und macht sie für den Abtransport bereit.

«Würde Job nie tauschen»

Die Arbeit im Wald erfordert höchste Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit und Kraft. Revierleiter-Stellvertreter Thomas Waltenspühl fällt mit seiner Motorsäge gerade hoch konzentriert einen Baum.

Er warnt nochmals alle und vergewissert sich, dass niemand in der Falllinie steht. Dann lässt er den Baum zu Boden krachen. Dort schlägt er mit voller Wucht auf. Pascal Zaugg, im dritten Lehrjahr, zerkleinert den gefällten Riesen sogleich. Danach ist Kollege Markus Schmid mit dem Zangenschlepper dran.

Thomas Waltenspühl würde die Arbeit im Wald nie mit einem Nur-Büro-Job tauschen. Er arbeitet gern in der Natur und erlebt so die Jahreszeiten besonders intensiv, auch gutes und schlechtes Wetter. Es sei ein Geben und Nehmen, sagt er lachend. Im Wald brauche es Teamarbeit: «Wir müssen einander vertrauen können.»

Dass Waltenspühl voller Elan im Einsatz steht, ist nicht selbstverständlich. Letzten Oktober rutschte seine Säge aus, fuhr ihm in den Oberarm und verletzte ihn mittelschwer. Die Kollegen mussten den Notruf wählen.

Seit Dezember arbeitet Waltenspühl wieder normal. Dieser Unfall war sein erster und laut Frank Haemmerli auch der erste seit über 20 Jahren im Lenzburger Wald, bei dem man den Notruf wählen musste. Dies ist ein Glück, zählt die Waldarbeit doch zu den gefährlichsten Berufen.

Angst darf man nicht haben

Auch Markus Schmid bereut seine Berufswahl keinen Moment. Die Arbeit sei hart, aber abwechslungsreich und man könne viel selbst entscheiden, sagt er. Das hohe Unfallrisiko beim Bäumefällen ist ihm bewusst.

Er hat grossen Respekt, «Angst darf man aber nicht haben», sagt er und schwingt sich behände wieder auf den Zangenschlepper, mit dem er pro Tag 30 bis 40 Kubikmeter Holz bewegt.

Wie kam Pascal Zaugg zu dieser Arbeit? Er wollte nach neun Jahren Schule raus, «nicht mehr den ganzen Tag die Schulbank drücken».

Er war schon als Kind mit den Eltern viel im Wald und suchte eine körperlich anstrengende Arbeit. Die hat er jetzt. Und er sieht jeden Abend, was er gemacht hat.

Dann und wann wenden sich verärgerte Spaziergänger oder Sportler an die Forstarbeiter. Etwa wenn man auf einer Waldstrasse die tiefen Spuren der Arbeit sieht. Man zahle Steuern und könne dafür auch besser unterhaltene Waldstrassen erwarten, wird ihnen entgegengehalten.

Was sie nicht wissen: Es fliesst kein einziger Steuerfranken da hinein. Den Waldstrassenunterhalt bezahlen laut Haemmerli zum Teil die Ortsbürgergemeinden. Die Lenzia-Leute bemühen sich um diese Strassen, fördern den Wald auch als Erholungsraum und machen die Leute mit Flyern auf Besonderheiten aufmerksam.

Holzerlös reicht nicht mehr

Die Forstbetriebe haben seit «Lothar» in den letzten Jahren stark diversifiziert. «Mit den Holzerlösen allein kann heute auch im Mittelland niemand mehr schwarze Zahlen erreichen.

Auch wir nicht, obwohl wir sehr schlank aufgestellt sind», sagt Haemmerli. Der Holzerlös steuert noch etwa 50 Prozent zum Ertrag bei. 40 Prozent kommen aus Dienstleistungen für Dritte, etwa Spezialholzerei für die SBB, sowie über Bestellungen der Ortsbürgergemeinden im eigenen Wald und den Vertragsnaturschutz.

10 Prozent steuert die Sachgüterproduktion bei. Beim Forstrevier kann man beispielsweise einen eigens entwickelten Lenzburger Tisch bestellen.

Haemmerli: «Dank unserem Produktemix und unserer Reorganisation 2002 zu den Forstdiensten Lenzia schreiben wir noch heute schwarze Zahlen.»