Arbeitsplatz

Jedes Jahr werden 10'000 Aargauer psychisch krank – doch die Chefs schweigen

10'000 Neuerkrankungen zählt der Kanton Aargau pro Jahr. Die ganze Grafik sehen Sie unten im Text.

10'000 Neuerkrankungen zählt der Kanton Aargau pro Jahr. Die ganze Grafik sehen Sie unten im Text.

Psychische Erkrankungen von Mitarbeitern sind auch für Arbeitgeber belastend. Das Thema bewegt auf der Chefetage, darüber geredet wird dennoch häufig gar nicht oder zu spät. Dabei gilt: je früher, desto besser.

Die Leistung sinkt, die Zahl der Absenzen steigt. Erkrankt ein Mitarbeiter psychisch, leidet auch sein Arbeitgeber. Die Folgekosten von psychischen Krankheiten in der Schweiz werden auf 20 Milliarden Franken geschätzt. Psychische Probleme am Arbeitsplatz sind häufig: Jeder fünfte Mitarbeiter ist im Verlauf seines Berufslebens betroffen. Doch gesprochen wird darüber nach wie vor selten. Oder erst dann, wenn es schon zu spät ist.

Das Thema, das zu oft noch immer tabu ist, interessiert – bis hoch in die Chefetagen. Das zeigte sich kürzlich beim Arbeitgeber Forum im Aarauer Kultur- und Kongresshaus, wo sich Personalverantwortliche und Chefs aus unterschiedlichen Branchen trafen. 400 Interessierte füllten den Saal – nicht alle, die wollten, konnten teilnehmen. Die Frage von Moderatorin Daniela Lager, wer von den Anwesenden schon mit psychischen Erkrankungen von Mitarbeitern konfrontiert gewesen sei, ergab ein deutliches Ergebnis: Fast alle Hände gingen nach oben.

Die Zeit drängt

Niklas Baer bestätigte den Eindruck: Neun von zehn Chefs oder Personalverantwortlichen hätten Erfahrungen damit machen müssen. Der Psychologe leitet die Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland und hat eine Studie zum Thema verfasst. «Der tägliche Wahnsinn» heisst diese und sie zeigt auf, wie schwer vielen Führungsleuten der Umgang mit betroffenen Mitarbeitern fällt. Nur der kleinste Teil von ihnen ist in diesem Bereich geschult worden. «Mich hat überrascht, dass die Chefs extrem auf sich allein gestellt sind», sagt Baer.

Die Studie zeigt auf: In einem Drittel der Fälle wurde nicht oder zu wenig über die psychischen Probleme des Mitarbeiters geredet. Die meisten der befragten Chefs würden das Problem beim nächsten Mal früher ansprechen oder Hilfe beiziehen, auch das ergab die Untersuchung. Und ein frühes Eingreifen wäre dringend notwendig. «Wird eine Person arbeitsunfähig, sind die ersten vier Wochen entscheidend», sagt Nancy Wayland Bigler, CEO der Sozialversicherung Aargau SVA. Die Chance auf eine Rückkehr sinke, je länger die Abwesenheit vom Arbeitsplatz andauere. «Nach einem Jahr liegt die Wahrscheinlichkeit bereits unter 20 Prozent.» Rund 15'000 Personen beziehen im Aargau eine IV-Rente, bei über einem Drittel ist der Grund dafür eine psychische Erkrankung.

Psychologe Niklas Baer stellt zwar ein gewachsenes Bewusstsein fest. Dennoch würden Hilfsangebote für Unternehmen nach wie vor kaum genutzt. «Es ruft niemand an.» Nur wenige Anrufe gehen auch bei der Arbeitgeber-Hotline der SVA ein. Die Idee hinter der Nummer 062 837 85 15: Fachleute der Invalidenversicherung beraten Arbeitgeber schnell und unkompliziert.

Doch das kostenlose Angebot, das 2012 eingeführt worden ist, wird nur 70 bis 100 Mal pro Jahr genutzt. «Zu wenig bekannt», lautet eine der Erklärungen der SVA. Dazu kommt, was auch die Studie bestätigt: Arbeitgeber suchen oftmals selbst nach Lösungen. Eine Entwicklung, die Nancy Wayland nicht nur Freude macht. «Rufen Sie uns an», bat sie die Teilnehmer am Arbeitgeber Forum. «Die Instrumente, um Arbeitgeber zu unterstützen, sind vorhanden, sie müssen aber auch genutzt werden.»

Arbeitsversuche sind ein Beispiel, bei denen Unternehmen einen Mitarbeiter drei bis sechs Monate testen – ohne Lohn zu zahlen, den übernimmt die IV. Doch eigentlich wäre das Ziel ein anderes: Kranke sollen gar nicht erst aus dem Arbeitsleben fallen.

Gespräche beim Spazieren

Wie das gehen kann, schilderte Nicole Abgottspon auf dem Podium an einem konkreten Beispiel. Die Personalchefin der Stobag AG mit Hauptsitz in Muri ist verantwortlich für ungefähr 700 Angestellte. Augenringe, Gewichtsverlust, lange Arbeitstage – ein langjähriger Mitarbeiter in führender Funktion fiel ihr auf. Als Abgottspon ihn darauf
ansprach, zeigte sich: Die steigenden Ansprüche an seine Aufgabe überforderten ihn. Er nahm sich eine einmonatige Auszeit ohne Handy, ohne Mail-Account. Danach sei er in einem kleinen Pensum zurückgekehrt, doch schnell habe sich gezeigt, in der gleichen Funktion geht es nicht mehr.

Die Personalchefin und der betroffene Mitarbeiter gingen regelmässig auf Spaziergänge, um ausserhalb der Büroatmosphäre in Ruhe über seine Situation sprechen zu können. Inzwischen sei er wieder voll eingegliedert, arbeite nun aber ohne Führungsfunktion. Der Personalchefin habe er gesagt, es sei ihm noch nie so gut gegangen. Doch längst nicht alle Fälle finden ein erfreuliches Ende. Die Studie hat ergeben, dass rund 80 Prozent der Betroffenen inzwischen nicht mehr in den Unternehmen arbeiten. Baer: «Das ist das Resultat von Überforderung.»

Das Dilemma der Betroffenen

Auf die Frage von Moderatorin Lager, ob sie eine Person trotz psychischer Probleme einstellen würde, antwortete Abgottspon unverblümt mit Nein. Der Zeitaufwand sei schon gross genug, um alle Mitarbeiter im Job zu halten. Damit ist sie nicht allein. Die Studie kommt zum Schluss: Zwar finden 90 Prozent der befragten Arbeitgeber Offenheit von Mitarbeitern in Bezug auf ihre Krankheit hilfreich, zugleich gaben jedoch fast 60 Prozent an, einen Bewerber nicht anzustellen, der im Vorstellungsgespräch psychische Probleme erwähnt.

Ein Dilemma, das auch der Badener Psychiater Christian Jenny zu spüren bekommt: Er sei zwar grundsätzlich für Ehrlichkeit, doch er rate angesichts der drohenden Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt zuweilen davon ab, die volle Wahrheit zu sagen – «mit einem unguten Gefühl». Jenny schätzt, nur gerade ein bis zwei von zehn Patienten würden ihm erlauben, mit ihren Arbeitgebern über die Situation zu sprechen. Bei seinen Patienten stelle er oftmals Schamgefühle fest. Der Psychiater betont: «Es braucht einen Abbau der Vorurteile.»

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