Spargeln

Jeder Spargelbund vom Brynerhof ist polnische Handarbeit

Im Laden liegen die ausländischen oft neben den Schweizer Spargeln. Geerntet haben die Schweizer Spargeln meist ausländische Arbeiter. Was für ein Durcheinander. Gemeinsam mit fünf Polen bewältigt die Familie Bryner die Grünspargelernte.

Urs Bryner aus Othmarsingen ist Gemüseproduzent. Lauch, Bohnen und Spargeln sind sein Business. Er sagt: «Ohne ausländische Arbeiter gäbe es kein Schweizer Gemüse.» Auf seinem Hof arbeiten fünf Polen. Man weiss nicht viel übereinander. Die Polen suchen hier keine Freunde. Sie wollen arbeiten. Mehr nicht. Urs Bryner ist ihr Chef. Mehr nicht.

Bryner ist aber auch dreifacher Familienvater, Ehemann einer Frau, die keinen Bauer heiraten wollte und jetzt trotzdem glücklich ist.

Wie ein Käfer

Der Tag beginnt früh in der Spargelzeit. Um sechs Uhr setzen sich die polnischen Arbeiter in die kleinen Karren auf dem Feld. Wie Käfer bewegen sie sich darin vorwärts –  unterschiedlich schnell, aber immer langsam, hin und her und hin und her. Auf der Hauptstrasse donnert Auto um Auto vorbei. Manche sind wohl zu spät dran – wie die Spargeln. Drei Wochen länger als üblich haben sie unter der Erde gewartet. Es war zu kalt zum Wachsen.

«Normal wäisch»

Im Aargau gibt es sechs Grünspargelproduzenten. Bryner ist der grösste. Die Anbaufläche von Grünspargel hat sich im Kanton seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Rund zehn Hektaren sind es heute. Der Spargelanbau ist aufwendig, aber lukrativ – obwohl vom Anbau bis zur ersten Ernte drei Jahre verstreichen. Nur zwei Prozent der in der Schweiz gekauften Spargeln kommen auch aus der Schweiz. Die anderen sind aus Deutschland, Spanien, den USA, sogar aus Togo, wenige Tonnen Spargeln kommen aus Polen – von wo die meisten Arbeitskräfte kommen, die Schweizer Spargeln ernten.

Bei Urs Bryner arbeiten die vier Brüder Marian, Adam, Grezegorz und Marek Brzuzan und ihr Schwager Macies Chimielovicz. Sie arbeiten 52 Stunden pro Woche, haben fünf Wochen Ferien und verdienen zwischen 3300 und 4000 Franken – je nach Erfahrung. Marek ist der Jüngste. Der 24-Jährige sagt, er sei hier, weil sein Bruder ihm vorgeschlagen hatte, in die Schweiz zu kommen. Nun spare er für Ferien und eine Familie. «Normal, wäisch.»

In Polen liegt der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn bei 1600 polnischen Zlotys. Das sind 475 Franken. Urs Bryner erhält pro Woche zwei bis drei Blindbewerbungen aus Polen, Rumänien oder Tschechien.

Bald werden die ersten Kisten voll grüner Spargeln im Raum neben dem Hoflädeli abgeliefert. Jetzt ist Kathrin Marti, die Tante von Urs Bryner, am Zug. Einzeln legt sie die Spargeln auf ein Förderband, damit eine Maschine sie wäscht und den untersten Teil abschneidet. Zack, zack muss das gehen. Kathrin Marti ist pensioniert. Sie hilft in der Spargelsaison mit, weil alle Hände gebraucht werden. Was sie mag: Spargeln, die von der Sonne ein bisschen aufgewärmt sind.

Urs Bryner schneidet unterdessen auf dem Feld Salat und sammelt immer wieder die vollen Spargelkisten ein. Um neun gibt es Kaffee und Brot mit dicken Käsescheiben.

Neben dem Kühlraum hängen die Hygieneanweisungen auch in polnischer Sprache. Nur der älteste der Brüder spricht Deutsch.

Spinat statt Spargel

Wenn Urs Bryners Mutter Christine die Spargeln in die Hände bekommt, sind sie nass, dafür sauber. Sie sortiert dicke, dünne und von Schnecken angefressene in separaten Kisten. Die Migros will nur die schönsten Exemplare. Obwohl sehr streng, sei die Spargelsaison die schönste Zeit im Jahr, sagt Christine Bryner, die schon zweimal an Hochzeiten langjähriger Mitarbeiter in Polen war. Schön sei es gewesen. Aber das Essen: so viel! «Ich musste irgendwann aufhören», sagt sie – auch mit dem Wodka. Christine Bryner und ihr Mann Werner sind weit gereist, kennen fremde Kulturen. Aus den polnischen Mitarbeitern wird sie aber nicht schlau. An der Hochzeit habe man es schön zusammen. «Hier grüssen sie mich manchmal kaum.»

Sehr lustig und lebhaft ist es dafür am Mittagstisch der Familie Bryner. Es gibt keine Spargeln, dafür Spinat. Die Polen essen lieber allein.

Nach der Mittagspause werden die Spargeln gewogen, gebündelt und etikettiert. Um halb sechs ist Feierabend. Die polnischen Brüder kehren in ihr Haus in Niederwil zurück. Sie kochen, skypen mit der Mutter und der Freundin. Vielleicht gamen sie noch eine Runde. Geschlafen wird früh – Spargeln machen müde.

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