Brittnau
«Jeder Humpen hat seine Geschichte»

Der Brittnauer Bier-Sammler Wolfgang Dietrich besitzt mehr als 700 Krüge, 200 Flaschenöffner und Tausende Bierdeckel.

Erik Schwickardi (Text) und Mario Heller (Fotos)
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Bierhumpen sind die Leidenschaft von Wolfgang Dietrich.

Bierhumpen sind die Leidenschaft von Wolfgang Dietrich.

Mario Heller

Mein erstes Bier trank ich wohl mit 16 oder 17», sagt Wolfgang Dietrich (70) und lacht. Damals verdiente Dietrich als Maurer-Lehrling 70 Rappen in der Stunde – genauso viel kostete eine Flasche Bier. «Und auf dem Bau wurde in den 60er-Jahren kein Eistee oder Orangina getrunken.» Das erste Bier sei wohl ein «Langenthaler Bier» gewesen, erinnert sich Dietrich, der im bernischen Langenthal aufgewachsen ist. Jahrelang war der Brittnauer als Ausbildner bei den Maurerlehrhallen, der Ausbildungsstätte des Schweizerischen Baumeisterverbandes, in Sursee tätig. Maurermeister und Experte Wolfgang Dietrich machte sich einen Namen als Autor des «Taschenbuchs für Maurer». Dieses Standardwerk für Bauführer und Poliere ist in allen Landessprachen bis heute vielerorts geschätzt als wichtiges Nachschlagewerk.

Die Sammelleidenschaft rund ums Bier erwachte beim pensionierten Gewerbeschullehrer erst spät. «Per Zufall kam mir ein Set mit Bierdeckeln aller grossen Schweizer Brauereien in die Hand.» Wie bei vielen Sammlern hat sich «das alles irgendwie ergeben», es kam immer mal ein Stück dazu. Heute besitzt Wolfgang Dietrich 700 verschiedene Bierhumpen, 200 Flaschenöffner diverser Brauereien sowie zigtausend Bierdeckel. In vielstöckigen Vitrinen schlummern die Bierkrüge, fein säuberlich nach Jahrgängen und Marken geordnet – vom Adler Bräu (Schwanden GL) über die Birreria Nazionale (Locarno) bis zur Brauerei Ziegelhof (Liestal). «Die Tonkrüge dürften heute aus hygienischen Gründen gar nicht mehr verwendet werden.» Vom 0,5-Liter- bis zum 5-Liter-Humpen sind die imposanten Krüge Zeugen aus einer Zeit, als man Atemtests und Alkoholkontrollen nicht mal vom Hörensagen kannte.

«Ich habe natürlich immer Freude, wenn jemand auf einem Estrich oder in einem Keller etwas findet, und mir vermacht», meint Dietrich. Sein Traum wäre es, die komplette Sammlung irgendwo auszustellen. «Zum Beispiel in einem originellen Bierlokal oder einer Brauerei.» Als begeisterter Bier-Liebhaber braut Dietrich, zusammen mit seinem Freund Ruedi Lienhard, ein- bis zweimal im Jahr sogar sein eigenes Bier. Seine Hausmarke nennt der Brittnauer «Männerobe-Bier». Der neuste Sud ist das «Pharaonen-Bier» mit fünf Alkoholprozent. «Es schmeckt herb und würzig, ähnlich einem Pils.»

Bierartikel-Sammler sind wie Biertrinker heimatverbunden und traditionsbewusst. «Wer Bierartikel sammelt, muss unweigerlich einiges über die Geschichte der Schweizer Brauereien wissen. Viele sind ja leider von der Bildfläche verschwunden.» Älteren Aargauern noch in Erinnerung sind das Rheinfelder Salmenbräu, die Brauerei Falken in Baden oder das Zofinger Bier. Während es Anfang des 19. Jahrhunderts in der Schweiz rund 150 Brauereien gab, waren es vor 20 Jahren nur noch 30. Der Bier-Boom in den letzten Jahren löste jedoch ein regelrechtes Revival der Bierkultur aus. Mittlerweile gibt es in der Schweiz rund 400 Brauereien, darunter auch viele kleinere, trendige Bier-Brands wie das «Erusbacher Bräu» aus Villmergen, das «Lägerebräu» aus Wettingen oder das «Turbinenbräu» Zürich. «Für uns Bierartikel-Sammler natürlich ein Eldorado. So gibt es immer wieder Nachschub für die Sammlung.»

«Ein Bierdeckel für 140 Stutz kann mal vorkommen – aber das ist äusserst selten.» Wer Bierdeckel, Flaschenöffner, Bier-Dosen, Gläser und Humpen sammelt, dem geht es nicht darum, einen Wert anzuhäufen. «Das ist kaum möglich in diesem Sammelgebiet. Reich werden mit dem Sammeln von alten Bierdeckeln und Humpen kann man nicht – eher im Gegenteil», sagt Dietrich lachend. «Im Mittelpunkt steht vielmehr die Freude an der Bierkultur.» Der Brittnauer Bier-Spezialist legt grossen Wert darauf, dass bei den Bier-Fans alles kultiviert zu und her geht. «Wir sind kein Saufklub.»

Vereinigt sind die Bier-Sammler seit 1972 im Verein «Gambrinus». Dieser Verein der Schweizer Sammler von Brauereiartikeln ist in mehrere Stammtische gegliedert. Wolfgang Dietrich ist Mitglied der Sektion Mittelland, der die Kantone Aargau, Bern und Solothurn angeschlossen sind. Gemeinsam werden Brauereien besucht, Bier-Artikel getauscht oder verkauft. «Beim Samichlaus-Höck geht es immer besonders hoch zu und her», erzählt Wolfgang Dietrich. Manche Bier-Fans präsentieren im Kofferraum ihrer Autos die halbe Sammlung und bieten seltene Bier-Trouvaillen wie historische Bier-Emailschilder und andere Raritäten zum Kauf an. «Wir freuen uns immer auch über junge Bier-Sammler. Der Nachwuchs fehlt leider etwas.»

Chlaus-Höck des Vereins Gambrinus mit Börse am 21. November 2015 (10 bis 17 Uhr) im Restaurant Sonne in Brittnau. Anmeldung bei Wolfgang Dietrich (062 752 28 47).