Eine Studie des Bildungsdepartementes hat vor einigen Jahren ergeben: 20 Prozent der im Aargau angestellten Lehrerinnen und Lehrer leiden unter einem Burnout oder unter Burnout-ähnlichen Symptomen. Bestätigt wird dieser Befund durch die Taggeldversicherungs-Statistik: Die Zahl der Lehrpersonen, die mehr als ein halbes Jahr krankgeschrieben sind, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Was führt bei Lehrerinnen und Lehrern zu emotionalen und körperlichen Erschöpfungszuständen?

Eine 59-jährige Lehrerin aus dem Bezirk Baden hat sich bereit erklärt, die Hauptgründe für ihre Erkrankung zu schildern. Ihren Namen möchte sie indes nicht in der Zeitung lesen – sie fürchtet nicht zuletzt Repressionen aus der Schulleitung oder dem Kollegium. Diesen Punkt erwähnt sie denn auch als ersten unter den Belastungsfaktoren: «Dem Schulleiter gelang es nicht, ein Klima des Vertrauens im Kollegium zu schaffen. Er liess es zu, dass es zu Mobbing und gegenseitigen Bespitzelungen im Kollegium kam – ja, er spielte sogar noch eine aktive Rolle dabei.» Die Schulpflege habe die ungute Situation nicht im Detail untersucht, sondern habe einfach den Schulleiter gedeckt.

Nebenberufliches wird fast zum Hauptjob

Als zweiten Grund nennt die Lehrerin die ständig gestiegene Arbeitslast: «Es gab immer mehr Aufgaben und ‹Ämtli› neben dem eigentlichen Unterricht zu erfüllen. Diese Arbeiten können gut und gern gleichviel Zeit ausmachen wie das Unterrichten.» Auch die Belastung durch die Elternarbeit sei stark gestiegen. Und: «Der Papierkram hat ständig zugenommen, zum Beispiel bei der Schülerbeurteilung. Früher gab es ein Zeugnis, heute wird für jedes Kind ein aufwendiges Dossier geführt, alles muss beschrieben und belegt werden. Die Individualisierung, das heisst angepasste Lernziele für viele Kinder, macht es auch nicht einfacher.»

Schliesslich ein dritter Grund: «Die Arbeiten im Kollegium und das Teamteaching haben grosses Gewicht. Man ist als Lehrer praktisch nie mehr allein mit der Klasse, immer sind noch Spezial- und Fachlehrer im Schulzimmer. Ich war mir das nicht gewohnt.»

Grosse Unzufriedenheit

«Ich habe in meiner Praxisin letzter Zeit nicht eine einzige Lehrperson getroffen, die mit ihrem Schulumfeld zufrieden war», bestätigt Kurt Kaspar, Allgemeinmediziner und Hausarzt in Fislisbach. Die Zahl der Burnout-Patienten aus dem Lehrberuf habe stark zugenommen. «Dabei kehrte eine Aussage immer wieder: ‹Mit den Schülern ginge es eigentlich gut, aber das ganze Drumherum ist frustrierend und belastend.› Meine Patienten erzählen von endlosen Diskussionen, von Evaluationen, von drei bis vier Lehrpersonen im Schulzimmer – da frage ich mich schon, nicht nur als Arzt, auch als Staatsbürger: Werden in der heutigen Schule gute Berufsleute verheizt mit Tätigkeiten, die mit ihrem Hauptauftrag nichts zu tun haben?»

Vor allem das Teamteaching, Preis der Integration, werde als Belastung empfunden. Kaspar: «Da lanciert die Bildungsdirektorin im Kanton Zürich für viel Geld ein Projekt, es sollen künftig nur noch zwei Lehrpersonen zusammen im Klassenzimmer stehen. Das hätte man auch billiger haben können: Dass eine solche Verantwortungs-Aufteilung und der ganze Koordinationsaufwand belasten und nicht entlasten, ist klar.» Kaspar glaubt zu erkennen: «Viele Lehrer sind von öffentlichen Respektspersonen zu ‹Man kann ja doch nichts machen›-Kopfnickern geworden. Dass dies mit der Zeit krankmacht, erstaunt nicht.»

Mehr Weiterbildung für Schulleiter

Auch der Geschäftsführer des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv), Manfred Dubach, begegnet bei seiner Beratertätigkeit solchen Nöten von Lehrpersonen. «Bei gesundheitlichen Problemen weisen wir sie an entsprechende Fachpersonen weiter», betont Dubach, «unsere Beratungen betreffen mehr die Arbeitsorganisation, die Situation im Kollegium oder rechtliche Fragen.» Dubach kann nicht bestätigen, dass Probleme ausschliesslich durch das «Drumherum» entstehen. Auch schwierige Kinder und Jugendliche könnten Lehrpersonen sehr wohl an Grenzen führen.

«Tatsache ist einfach, dass die Aufgaben, die heute auf eine Lehrperson zukommen, verglichen mit früher stark zugenommen haben. Das spüren vor allem Ältere mit langer Berufspraxis. Mehr Administration, mehr Konfliktfelder mit den Eltern oder der Schulleitung, mehr Teamarbeit.» Er könne und wolle die neu hinzugekommenen Aufgaben nicht verurteilen, so Dubach. Die meisten dienten in einer guten Art der Unterrichtsentwicklung und den Anforderungen an die Schule von heute. «Das Problem ist nur: Es ist nichts weggefallen, nur immer dazugekommen! Das Resultat ist eine Aufgabenfülle, die innerhalb des geltenden Berufsauftrags fast nicht mehr erfüllt werden kann. Und das Gefühl, es fehle die Zeit für das Kerngeschäft, das Unterrichten.»

Auch Manfred Dubach ortet Konflikte zwischen Schulleitung und Lehrpersonen – und fordert eine bessere Ausbildung und Auswahl von Schulleitungspersonen. «In der Wirtschaft durchlaufen Führungsaspiranten ein aufwendiges Assessment. Da hat die Schule noch einiges zu lernen und aufzuholen.»