Zuwanderung

Jede Woche ziehen 120 Zürcher in den Aargau – und 64 Ausländer mit Studienabschluss

Jeder vierte Zuzüger im Aargau kommt aus Zürich. Die Zuwanderung aus Deutschland ist rückläufig.

Jeder vierte Zuzüger im Aargau kommt aus Zürich. Die Zuwanderung aus Deutschland ist rückläufig.

Eine neue Statistik zeigt, woher die Zuwanderer in den Aargau kommen und welche Ausbildung sie haben. Der Aargau ist für Zuwanderer nach wie vor attraktiv.

Der Kanton Aargau wächst seit der Personenfreizügigkeit mit der EU Jahr für Jahr um 8000 bis 9000 Einwohnerinnen und Einwohner. Ende 2016 zählte man 662'000 Aargauerinnen und Aargauer – wiederum rund 9000 mehr als im Vorjahr. Damit wächst der Aargau in jeweils knapp zwei Jahren um die Bevölkerung des Kantons Appenzell-Innerrhoden.

Geht es so weiter? Schon nach der Veröffentlichung der Bevölkerungsprognose 2009 hat die Kantonsregierung eine vom Leiter der Abteilung Raumentwicklung, Daniel Kolb, präsidierte Arbeitsgruppe eingesetzt. Die ging der Frage nach, wie viele Menschen von wo nach wo ihren Wohnort wechseln.

Bekannt ist, dass die Zahl der Geburten zunimmt, doch dies erklärt das Wachstum nur zum Teil. Der andere Teil kommt aus der Zuwanderung. Zwar verliessen im Jahr 2015 rund 18'000 Menschen den Aargau, fast 22'500 nahmen aber neu hier Wohnsitz. Diese Differenz und der Geburtenüberschuss machen das Wachstum aus. Unter dem Strich, sagt Andri Gieré, Leiter von Statistik Aargau, «blieb die Zuwanderung in den letzten Jahren relativ stabil». Doch für wen ist der Aargau so attraktiv, wo kommen all die Menschen her? Das will auch die Regierung genau wissen. Deshalb erhebt Statistik Aargau in ihrem Auftrag ein Zu- und Abwanderungsmonitoring. Brandneu liegen jetzt die Ergebnisse für 2015 vor (die Zahlen für 2016 sind noch nicht verfügbar).

Für Zürcher sehr attraktiv

Mit Riesenabstand stammen am meisten Binnen-Zuwanderer aus dem Kanton Zürich. Der Hauptgrund für diese Zuzüge ist augenscheinlich das tiefere Immobilienpreisniveau im Aargau und dessen gute verkehrstechnische Erreichbarkeit. Rund zwei Drittel des Zuzugs im Aargau stammt aus anderen Kantonen – wovon etwas mehr als ein Drittel Ausländer. Und mehr als ein Drittel aller Zuwanderer überhaupt reist direkt aus anderen Ländern ein.

Viele Deutsche kehren zurück

Das kantonale Monitoring zeigt: Knapp jeder vierte ausländische Zuwanderer kommt aus Deutschland. Schaut man einige Jahre zurück, sinkt ihr Anteil allerdings: 2011 wanderten 2517 Menschen direkt aus Deutschland ein, 2015 noch 2028. Die Gründe liegen darin, dass sich die Arbeitsmarktsituation in Deutschland massiv verbessert hat, und dass die Behörden gerade im süddeutschen Raum inzwischen sogar aktiv die Abwanderung von Spitzenkräften (Ärzte etc.) in die Schweiz und andere Länder zu verhindern versuchen, beziehungsweise sich um Rückwanderer bemühen.

Offensichtlich mit Erfolg: Inzwischen kehren nämlich dreimal so viel Deutsche wie noch 2011 dem Aargau den Rücken und gehen nach Hause zurück. 2015 war mit 1237 Personen gar ein neuer Rekord an Rückwanderern festzustellen. Gründe können Enttäuschung über die Schweiz und Animositäten ihnen gegenüber, aber auch die bessere Arbeitsmarktsituation in Deutschland oder eine Stelle in einem anderen Kanton sein. Andri Gieré betont aber, dass unter dem Strich immer noch mehr Deutsche zu- als abwandern. «Ersetzt» werden diese Rückwanderer vorab durch Italiener, für die die Schweiz und der Aargau in der aktuellen Krisenzeit ihrer Heimat wieder deutlich an Anziehungskraft gewonnen haben. Natürlich wandern auch Schweizer nach Deutschland aus. Es sind über die letzten Jahre zwischen 235 und 279 Personen jährlich.

Noch etwas hat sich in den Wanderungsbewegungen verändert. Noch 2011 und ganz knapp auch noch 2012 wanderten mehr Schweizerinnen und Schweizer als Ausländer in den Aargau ein. Seither hat sich das Verhältnis umgekehrt. Es sind jetzt mehrheitlich Menschen mit ausländischen Pässen, die in den Aargau zuwandern – sei es aus anderen Ländern oder aus anderen Kantonen.

Beliebter Wohnkanton

Vor wenigen Jahren hat eine Studie der Neuen Aargauer Bank (NAB) gezeigt, dass sich der Aargau zum beliebtesten Wohnkanton gemausert hat. Schaut man aufgrund aktueller Zahlen auf die Kantone, zeigt sich nun, dass Appenzell-Ausserrhoden gemessen an der Einwohnerzahl am meisten Zuwanderer aus anderen Kantonen und dem Ausland ausweist. Der Aargau folgt hier an fünfter Stelle. In absoluten Zahlen folgt der Aargau bezüglich Zuwanderung aber gleich nach Nachbar Zürich.

Uniabschluss: Ausländer vorn

Und welches Bildungsniveau bringen die Zuwandererinnen und Zuwanderer mit? Vor Jahrzehnten holte die Schweiz sehr viele Hilfsarbeitskräfte herein. Die Hoffnung bei der Personenfreizügigkeit war, dass möglichst viele gut qualifizierte Ausländerinnen und Ausländer kommen, da in der Schweiz viele Fachkräfte gesucht werden. 2015 stellten tatsächlich 3347 Ausländerinnen und Ausländer mit Uni- oder Fachhochschulabschluss die grösste Zuwanderergruppe im Aargau, was 64 pro Woche entspricht. Für den Statistik-Aargau-Leiter ist dies frappant, allerdings, so Gieré: «Der Anteil von schweizerischen und ausländischen Zuwanderern mit Hochschulabschluss oder höherer Berufsbildung ist in den Kantonen Basel-Stadt, Zürich und Zug deutlich höher als im Aargau.» Das bedeutet letztlich, dass der Aargau seine Bemühungen um mehr Höchstqualifizierte weiterführen muss.

Den Ausländern mit Studienabschluss stehen rund halb soviele im selben Jahr zugewanderte Schweizerinnen und Schweizer mit demselben Bildungsniveau gegenüber. Rund 1800 Schweizer und 1500 zugewanderte Ausländer weisen eine höhere Fach- und Berufsausbildung mit eidgenössischem Fachausweis, Diplom, Meisterdiplom oder Technikerschule aus. In der nächsten Kategorie der allgemeinbildenden Schule (gymnasiale Maturität, Berufs- oder Fachmaturität, Lehrkräfte-Seminar etc.) stehen etwa 2000 Ausländer rund 750 Schweizern gegenüber. Je rund etwa 3000 Schweizer und Ausländer haben eine berufliche Grundbildung (Anlehre, Lehre, Vollzeitberufsschule, Handelsdiplom). Lediglich die obligatorische Schule, eine Vorlehre oder ein Brückenangebot absolviert haben unter den zugewanderten knapp 1000 Schweizer und rund 2200 Ausländer. Aus Sicht des Arbeitsmarktes ein Problem sein dürften aber die rund 300 Schweizer und 500 Ausländer, die gar keine oder höchstens eine siebenjährige Schulbildung genossen zu haben.

Mehrzahl arbeitet woanders

Besonders interessant findet Gieré den Teil der Statistik, der Auskunft darüber gibt, wo die Zuwanderer arbeiten. Das Ergebnis ist verblüffend: Rund zwei Drittel von ihnen arbeiten nämlich weder im Aargau noch im Herkunftskanton, sie vergrössern das Heer der kantonsübergreifenden Berufspendler. Lediglich rund ein Drittel hat im Aargau auch eine Arbeitsstelle (gesucht und) gefunden. Gieré: «Besonders viele aus dem Kanton Zürich Zugewanderte lassen sich im Ostaargau nieder und pendeln von dort an ihren bisherigen Arbeitsort.»

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