Rettungsflugwacht

Jede Sekunde zählt – Wenn selbst der Rega-Notarzt machtlos ist

Die Rettungsflugwacht (Rega) fliegt nebst dem «gelben Heli» im Aargau jährlich über 100 Einsätze. Meist kommt Rega 1 aus Dübendorf, für Einsätze im Fricktal kommt der Rettungshelikopter aus Basel. Die AZ begleitete eine dreiköpfige Rega-Crew einen Tag lang, und erlebte ein Wechselbad der Gefühle.

Es ist herbstlich kühl, recht bewölkt, es verspricht aber, noch etwas aufzuhellen. Um Punkt acht Uhr trifft der Journalist für eine Reportage bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) auf der Basis von Rega 1 in Dübendorf ein. Hier fand gerade die Ablösung eines Teils der Crew statt. Rega-Kommunikationschefin Karin Hörhager macht den Journalisten mit Notarzt Axel Knauth, Rettungssanitäterin Veronika Gerber und Pilot Frank Krivanek bekannt, dann fasst er seine Rega-Arbeitskleidung. Er schliesst grad den Reissverschluss der Jacke, da kommt ein Alarm.

Herzstillstand bei einem Patienten in einer Rehaklinik

«Mathias, komm!», tönt es. Schnell zum Heli, alle klettern rein, Helm auf und anschnallen, die Rotorblätter drehen bereits. Der Heli hebt ab. Jede Sekunde zählt, kann man hier wirklich sagen. Ziel ist eine Reha-Klinik im Kanton Zürich. Die Crew weiss bereits, dass sie zu einem Patienten mit Jahrgang 1963 gerufen wird. Grund: Reanimation bei Verdacht auf Herzinfarkt.

Unterwegs mit der Rega: Notarzt Axel Knauth über seine Einsätze und wie er sich darauf vorbereitet

Unterwegs mit der Rega: Notarzt Axel Knauth über seine Einsätze und wie er sich darauf vorbereitet

Schon auf dem Flug überlegt die Crew, in welches Spital man den Mann bringen soll, beurteilt auch die örtlichen Sichtverhältnisse. Der Helikopter fliegt mit einer Geschwindigkeit von rund 240 Kilometern pro Stunde, und etwas mehr als 400 Meter über Boden. Von oben sieht man jedes Haus, jeden Weiler unten vorbeiziehen. Zehn Minuten nach dem Start zieht der Heli eine kurze Schleife über der Klinik, Pilot und Rettungssanitäterin checken, ob der mit einem grossen H gekennzeichnete Landeplatz hindernisfrei ist. Er ist frei.

Notarzt und Sanitäterin werden erwartet. Sie gehen mit ihrem Equipment los. Nachdem der Heli gesichert ist, folgen der Pilot, der Journalist und die in Wettingen wohnhafte Rega-Kommunikationschefin Karin Hörhager. Auf sie wartet niemand mehr. Sie fragen sich intern durch und kommen schliesslich zum Trakt, wo im Zimmer des Patienten ein halbes Dutzend Personen alles unternimmt, um diesen ins Leben zurückzuholen. Die anderen Patienten bleiben pietätvoll in ihrem Zimmer. Ein Patient, der plötzlich mit seinem Rollator aus einem anderen Flur auftaucht, macht kehrt, als er erfasst, dass wenige Meter weiter um das Leben eines Menschen gekämpft wird. Aus dem Zimmer hört man kein lautes Wort, nur jeweils den kurzen Austausch zwischen den Helfenden über die Wirkung einer Massnahme, dann wieder klare Anweisungen von Rega-Notarzt Axel Knauth.

Der 40-minütige Kampf um ein Leben geht verloren

Die Rega-Crew weiss inzwischen über die Erkrankung des Patienten Bescheid. Der diensttuende Arzt untersuchte ihn gerade, als das Herz des Patienten zu schlagen aufhörte. Arzt und Pflegende leiteten sofort Wiederbelebungsmassnahmen ein. Praktisch noch in derselben Minute wurde die Rega aufgeboten.

Jetzt bemühen sich alle zusammen hoch konzentriert um den Patienten. Selbst als Laie draussen im Flur realisiert man aber zunehmend, dass es gar nicht gut aussieht. Die Geräte schlagen nicht aus, nicht die geringste Herztätigkeit ist feststellbar. Nach 40 Minuten werden die Massnahmen einvernehmlich abgebrochen, der Arzt stellt den Totenschein aus. Einer nach dem andern verlässt in gedrückter Stimmung das Patientenzimmer. Kein Wort fällt.

Ein schwerer Start in den Sonntag

Die Crew geht zurück zum Helikopter, Rega 1 ist wieder verfügbar. Die Maschine hat genug Kerosin im Tank, um gegebenenfalls direkt zum nächsten Einsatzort zu fliegen. Doch im Moment ist es ruhig, Rega 1 kehrt zur Basis zurück. Der Pilot erklärt nach der Landung, wie er ab- und anfliegt, damit möglichst wenig Menschen mit Lärm beschallt werden. Denn leise ist so ein Helikopter nicht, auch nicht die erst ein Jahr alte, rund acht Millionen Franken teure Maschine vom Typ Airbus H-145 auf der Basis in Dübendorf.

Zurück auf der Basis gibt es ein Debriefing, man geht gemeinsam den Einsatz durch, der Notarzt füllt seine Bestände auf. Es war für alle ein schwerer Start in den Sonntag. Gleichwohl und um auf andere Gedanken zu kommen, wird gemeinsam Frühstück gemacht und der Tisch gedeckt. Die Basis hat eine kleine Küche, die Crew kocht auch selbst. Sie muss aber damit rechnen, jede Sekunde für einen neuen Einsatz alles stehen und liegen zu lassen. Einmal mussten sie einen Elsässer Flammkuchen dreimal in der Mikrowelle aufwärmen, bis sie ihn tatsächlich essen konnten, erinnert sich Karin Hörhager.

Jetzt ist Zeit für Pilot und Basisleiter Frank Krivanek, dem Journalisten stolz den Heli und das zugehörige Equipment zu erklären. Auf besonderes Interesse stösst bei Letzterem die Trage für Schwerlasttransporte. Gemeint ist damit eine überbreite Bahre mit Zubehör für bis 400 Kilogramm schwere Patienten. Der Umbau dafür dauert jeweils zehn Minuten. Der schwerste Patient, den er je geflogen hat, wog 280 Kilo, so Krivanek.

Unterwegs mit der Rega: Pilot Frank Krivanek zeigt den neuen Helikopter

Unterwegs mit der Rega: Pilot Frank Krivanek zeigt den neuen Helikopter

Sechs Feuerwehrleute für über 200 Kilo schwere Patienten

Ihr sei klar, was für Fragen sich hier viele Menschen stellen, klinkt sich Karin Hörhager ein: «Für uns ist nicht relevant, warum jemand so schwer ist, sondern was wir tun können, damit dem Patienten schnellstmöglich die beste Behandlung zuteilwird.» Solche Rettungs- einsätze sind kompliziert und zeitaufwendig. Erst recht dann, wenn der Patient in einem mehrstöckigen Gebäude wohnt. Um die Bahre zu tragen, braucht es sechs Feuerwehrleute. Karin Hörhager betont, dass die Rega solche und andere komplexe Einsätze (etwa Rettung in unwegsamem Gelände mit der Winde) nur dank ihren über 3,5 Millionen Gönnerinnen und Gönnern durchführen kann.

Verlegung von einer Intensivstation in eine andere

Dann folgt ein nächster Alarm. Rega 1 fliegt diesmal ins Triemli in Zürich, für einen Verlegungsflug (vgl. Hauptbild). Auf der Intensivstation wartet ein Patient mit Jahrgang 1951 auf die Überführung ins Inselspital Bern. In der Klinik ist alles vorbereitet. Der zuständige Arzt erklärt Axel Knauth alles Notwendige. Parallel dazu werden die zahlreichen Geräte, an die der Patient angeschlossen ist, umgehängt, der Mann behutsam auf die Helitrage gebettet, und es geht durch mehrere Gänge und mit dem Lift zurück aufs Dach.

Der Mann ist bei vollem Bewusstsein, sieht und weiss, was mit ihm geht. Im Rettungshelikopter beobachtet der Notarzt (alle tragen Gesichtsmasken) aufmerksam den Patienten. Der Flug verläuft problemlos. Erst wenige Minuten vor der Landung wird der Patient unruhig. Auf Nachfrage des Arztes sagt er leise, ihm sei schlecht. Der Arzt reicht ihm eine Tüte und injiziert ein Medikament, um das Übelkeitsgefühl zu bekämpfen. Das gelingt, die Tüte bleibt unbenutzt. Schliesslich entschuldigt sich der Patient (er trägt wie alle einen Kopfhörer mit Mikrofon) für die Umstände. Die Crew ist gerührt. Dafür sind sie doch da.

300 Liter Kerosin auf eine Flugstunde

Nach gut 30 Minuten Flug über das Freiamt und das Bernbiet landet der Heli sicher auf dem Dach des Inselspitals. Auch hier sind die Wege vom Landeplatz aus lang. Weil man erst Dutzend Meter draussen unterwegs ist, wird der Patient erst sorgfältig zugedeckt, damit er warm hat. Niemand muss die Crew abholen, sie weiss, wo die Intensivstation ist. Dort findet dasselbe Prozedere wie vorher in Zürich statt, einfach umgekehrt. Alles will sehr genau gemacht sein, so dauert es seine Zeit. Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Man wünscht dem Patienten von Herzen alles Gute. Ob man sich später nach seinem Befinden erkundigen dürfe? Man darf. Dann desinfiziert die Crew die benutzten Geräte und es geht wieder los. Vorerst aber nur bis Bern-Belp. Bei der dortigen Rega-Basis wird aufgetankt. Auf eine Flugstunde verbraucht der Heli nämlich 300 Liter Kerosin.

Die Rega fliegt im Aargau jährlich über 100 Einsätze

Zurück in Dübendorf kommen wir auf das Thema «Rettungswinde». Das führt zu einer Diskussion. Denn die Rega- Helikopter fliegen im Aargau zwar jährlich immer noch mehr als 100 Einsätze, werden aber nur aufgeboten, wenn der im Birrfeld stationierte Rettungsheli- kopter (der «gelbe Heli») der Alpine Air Ambulance (AAA) nicht verfügbar ist oder nicht über die geeignete Ausrüstung verfügt. Wenn es um eine Rettung im Aargau etwa auf der Lägern geht, wo jemand mit der Winde gerettet werden muss, oder wenn medizinisches Spezialgerät wie etwa ein Transportinkubator für Frühchen gefragt ist, kommt die Rega. «Die Rega ist im Aargau oft Lückenbüsser», sagt Hörhager.

Unterwegs mit der Rega: Rettungssanitäterin Veronika Gerber über das navigieren, funken und die Rettungswinde

Unterwegs mit der Rega: Rettungssanitäterin Veronika Gerber über das navigieren, funken und die Rettungswinde

Der gelbe Heli im Birrfeld wird nicht von der Rega aufgeboten

Ärgern sich die Rega-Crews, dass im Aargau jetzt meist der gelbe Heli aufgeboten wird? Er ist schneller vor Ort, das ist doch richtig? Damit, dass der nächste und geeignetste Helikopter aufgeboten wird, habe sie überhaupt keine Mühe, sagt Karin Hörhager. Die Rega mache es genauso: «Im Zentrum steht der Patient.» Sie versteht aber nicht, dass der gelbe Heli im Birrfeld nicht ins Rega-Dispositiv eingebettet werden will. Im Unterschied dazu sei ein anderer Heli derselben Firma in Balzers eingebunden. Er wird von der Rega aufgeboten. Hörhager: «Wenn ein Patient oder eine Patientin mit diesem von uns aufgebotenen Heli gerettet wird, greift unser Gönnerversprechen. Im Aargau will die Politik das anscheinend nicht.» Da ist allerdings ein politischer Vorstoss hängig, der in diese Richtung geht.

Im Aargau bietet die Kantonale Sanitätsnotrufzentrale den gelben Heli auf. Der Kanton will die Rettungsmittel in einer Hand haben. So kann er sofort entscheiden, ob Heli, Ambulanz, Polizei oder Feuerwehr aufgeboten wird. Das wiederum versteht Hörhager nicht. Wenn das alle Kantone so machen wie der Aargau und Zürich, habe am Schluss niemand mehr den Überblick: «Luftrettung kennt keine Kantonsgrenzen. Deshalb ist es die beste Lösung, wenn sie alle von einer nationalen Zentrale aufgeboten und koordiniert werden. Das bringt den höchsten Nutzen.»

Windentraining mit dem Notarzt in Fischingen

Da es grad ruhig ist, entscheidet sich die Crew, das monatliche Training mit der Rettungswinde durchzuführen. Krivanek: «Das machen wir nicht, weil ein Journalist da ist, das steht ohnehin auf dem Programm.» Minuten später schwebt der Heli etwa 70 Meter über einer Wiese in Fischingen, dem südlichsten Thurgauer Dorf. Rettungssanitäterin Veronika Gerber lässt Notarzt Axel Knauth am Windenseil zu Boden gehen. Dort angekommen, klinkt er sich aus, die Winde wird hochgezogen, der Heli entschwindet, kommt zurück, lässt die Winde runter, Knauth klinkt sich ein und wird wieder hochgezogen.

Danach wird das Prozedere auf einem nahen Waldsträsschen wiederholt. Das Ganze dauert wenige Minuten. Die Präzision des Vorgangs bei Pilot, Rettungssanitäterin und Arzt ist beeindruckend. Das Team harmoniert hervorragend. Die können das. Rega 1 ist einsatzbereit.

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