Kanton schiebt Riegel

Javelwasser als Medizin? Websites eines Wunderheilers müssen weg

Umstrittene Substanzen, falsche Heilversprechen: Einem Aargauer Quacksalber wird das Handwerk gelegt (Symbolbild).

Umstrittene Substanzen, falsche Heilversprechen: Einem Aargauer Quacksalber wird das Handwerk gelegt (Symbolbild).

Ein Aargauer verkaufte übers Internet Chemikalien mit angeblich heilender Wirkung. Die Inhaltsstoffe seines Wundermittels versprechen jedoch eher noch mehr gesundheitliche Probleme als eine Heilung– nun muss er den Handel aufgeben.

Aids, Krebs, Malaria – kaum eine Krankheit, die sich mit «Miracle Mineral Supplement (MMS)» nicht behandeln liesse. Das versprechen jedenfalls der Amerikaner Jim Humble und seine Anhänger. Unter ihnen ein Aargauer, der nach eigenen Angaben von Humble ausgebildet und als «Minister of Health» zertifiziert worden ist.

Über das Internet verkaufte er MMS, machte Therapievorschläge für Beschwerden von A wie Abszess bis Z wie zystische Fibrose, bot Beratungen auf einer eigens eingerichteten Telefonnummer an: erste Minute gratis, jede weitere Fr. 2.50.

Sein Trick: Er betrieb zwei Websites. Auf der einen pries er die Heilkräfte der Produkte an, auf der anderen wickelte er den Online-Handel ab, ohne MMS mit Heilungsversprechen in Verbindung zu bringen. So hoffte er offenbar, die Behörden auszutricksen, um das Geschäft weiterbetreiben zu können.

Seit Kurzem allerdings sind die auf seinen Namen registrierten Websites ausser Betrieb. Nach einer monatelangen Untersuchung gingen die Aargauer Behörden nun gegen den Online-Handel vor. Das kantonale Amt für Verbraucherschutz hat eine entsprechende Verfügung erteilt.

Deren Inhalt: Die zur missbräuchlichen Verwendung angebotenen Produkte dürfen nicht mehr angepriesen, angeboten oder abgegeben werden. Das hat zur Folge, dass die Websites in dieser Form nicht weiterbetrieben werden können. «MMS ist nicht zur Einnahme geeignet, deshalb wollen wir dem Handel einen Riegel schieben», begründet Adrian Lüscher, Leiter der Abteilung Chemiesicherheit, den Entscheid.

Zwar sind die chemischen Bestandteile von MMS in der Schweiz nicht verboten, sie können aber dennoch gefährlich werden. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) rät «dringend» vom MMS-Konsum ab.

Diese Produkte dürfen in der Schweiz weder als Heilmittel noch als Nahrungsergänzungs- oder Desinfektionsmittel verkauft werden. «Werden dennoch solche Produkte auf dem Markt angeboten, entspricht dies nicht den legalen Vorgaben. Ein zusätzliches Verbot ist nicht notwendig», teilt das BLV mit.

Das angebliche Wundermittel setzt sich aus zwei Chemikalien zusammen: einerseits aus einer dreissigprozentigen Natriumhypochloritlösung – auch bekannt als Javelwasser –, andererseits aus Wein-, Zitronen- oder verdünnter Salzsäure. Zusammengemischt entsteht daraus Chlordioxid, ein sehr aggressives und toxisches Gas.

Hugo Kupferschmidt, Direktor von Tox Info Suisse, spricht von einer «in höheren Konzentrationen reizenden bis ätzenden Substanz». Die Flüssigkeit werde dann gefährlich, wenn sie unverdünnt getrunken werde. Das BLV warnt: Der MMS-Konsum könne «bis hin zur Hospitalisation wegen lebensbedrohlicher Zustände führen». Vergiftungsfälle hat es hierzulande bereits gegeben. 2012 etwa erlitt eine Frau deswegen Verätzungen innerer Organe.

Toxikologe Hugo Kupferschmidt kritisiert das Geschäft mit MMS aus einem weiteren Grund: «Die Gefahr besteht, dass kranke Leute auf eine wirksame Therapie verzichten und stattdessen auf Scharlatan-Methoden setzen.»

Einen wissenschaftlichen Nachweis einer positiven Wirkung gebe es nicht. «Die Anbieter werben stattdessen mit Behauptungen und Erfahrungsberichten», sagt Kupferschmidt. «Sie preisen heilende Wirkungen an, die sie nicht nachweisen können.»

Obschon die Websites des Aargauers inzwischen offline sind, ist das Verfahren gegen ihn noch nicht rechtskräftig abgeschlossen. Insbesondere ist die Frage offen, was mit den bisher unverkauften Produkten geschehen wird. «Wir gehen davon aus, dass er sie verkaufen will», sagt Adrian Lüscher. «Wir werden die Entwicklung deshalb weiterhin beobachten.» Bei wiederholtem Vergehen drohe ihm eine Strafanzeige.

Der Aargauer MMS-Händler teilt auf Anfrage mit, angesichts des laufenden Verfahrens könne und möchte er keine konkreten Angaben machen. «Aus verschiedenen Gründen», habe er die Seite abgeschaltet, schreibt er auf einer der beiden vom Netz genommenen Seiten. In seiner schriftlichen Antwort hält er fest: Er habe diese «aus eigener Veranlassung» und nicht aufgrund der Verfügung des Kantons abgeschaltet. Die Frage, ob er auch in Zukunft MMS verkaufen wird, lässt er genauso offen wie die anderen Fragen.

Den Handel vollständig zu unterbinden, dürfte schwierig werden. Als Reinigungsmittel etwa können die für MMS benötigten Chemikalien legal verkauft werden.

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