Arnold Huber ist verärgert und enttäuscht. «Es frustriert und deprimiert mich, dass in einem staatlichen Zeughaus einfach Sachen verschwinden können», sagt er, der seit 34 Jahren als Gemeindeschreiber akribisch dafür sorgt, dass in Jonen alles seine Ordnung hat.
Hubers Ärger und Frust hängen auch damit zusammen, dass er vor wenigen Monaten entdeckt hat, dass eine Uniformmütze seines Grossonkels im Internet für sage und schreibe 10 000 Franken angeboten und dann auch verkauft worden ist.

Arnold Huber, Grossneffe des früheren Generalstabschefs Jakob Huber.

Arnold Huber, Grossneffe des früheren Generalstabschefs Jakob Huber.

Wobei man wissen muss, dass Arnold Hubers Grossonkel nicht irgendwer war, sondern Jakob Huber (1883–1953) war Oberstkorpskommandant und Generalstabschef von 1940 bis 1945. Und Huber war damit die rechte Hand von General Guisan und die Nummer 2 in der militärischen Hierarchie der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg.

Uniform als Leihgabe

Doch zurück zur Feldmütze. Sie war Teil der Generalstabs-Uniform, die Jakob Hubers Nachkommen 1989 dem Zeughaus Aarau als Leihgabe überlassen hatten. Die Leihgabe bestand aus zahlreichen Kleidungsstücken wie Mantel, Poncho, Hosen, Rock, dazu Dolch, Säbelhalter samt Säbelgurt, ein Paar Stiefel und drei Mützen.

Die Familie Huber glaubte, die Uniform sei im Zeughaus gut aufgehoben, und man hatte den Hubers auch in Aussicht gestellt, die Leihgabe in einer Vitrine auszustellen. Immerhin war Jakob Huber ein Aargauer, er hatte viel für sein Land geleistet und wurde noch immer verehrt. Doch aus der Vitrine wurde nichts; und die Uniform des Generalstabschefs verschwand irgendwo im Innern des Zeughauses.

Die Jahre gingen ins Land. Und die Uniform schien vergessen. Doch da meldete sich Arnold Huber im Jahre 2007 beim Zeughaus Aarau. Er erkundigte sich nach dem Verbleib der Uniform. «Es gab dafür keinen konkreten Grund», erinnert er sich, «dass ich nachgefragt habe, war wohl eher eine Art Eingebung.»

Uniform ging vergessen

Die Nachfrage sorgte für eine gewisse Unruhe im Zeughaus. Denn die Uniform konnte erst nach langem Suchen überhaupt wieder gefunden werden; sie war in schlechtem Zustand und Teile wurden restauriert. Und ob sie auch vollständig war, konnte nicht eruiert werden. Mit grösster Wahrscheinlichkeit fehlten schon damals die drei Mützen und die Stiefel.

Man gab aber Entwarnung und versicherte Arnold Huber, die Uniform sei eingelagert und man werde mit dem Museum Lenzburg die fachgerechte Aufbewahrung absprechen. Mit dieser Auskunft gab sich Arnold Huber zufrieden. «Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht hätte ich schon damals alles kontrollieren sollen», sagt er rückblickend.

Der 1883 geborene Jakob Huber stammte aus Jonen und war als Chemiker und Vermessungstechniker tätig, bevor er 1911 zum Instruktionsoffizier gewählt wurde. Am 23. März 1940 ernannte General Guisan Oberstdivisionär Huber zum Chef des Generalstabes. Ende 1940 wurde Huber zum Oberstkorpskommandanten befördert.Der dynamische und kontaktfreudige Guisan und der wortkarge, distanzierte und vorausdenkende Huber ergänzten sich hervorragend. Huber war neben Guisan der bedeutendste Militär der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er leistete wichtige Führungsarbeit und zeichnete sich durch Willenskraft, Selbstbeherrschung und Bescheidenheit aus. Huber starb 1953 und wurde in Jonen bestattet, wo er seine Kindheit als einfacher Bauernbub erlebt hatte. (az)

Generalstabschef

Der 1883 geborene Jakob Huber stammte aus Jonen und war als Chemiker und Vermessungstechniker tätig, bevor er 1911 zum Instruktionsoffizier gewählt wurde. Am 23. März 1940 ernannte General Guisan Oberstdivisionär Huber zum Chef des Generalstabes. Ende 1940 wurde Huber zum Oberstkorpskommandanten befördert.Der dynamische und kontaktfreudige Guisan und der wortkarge, distanzierte und vorausdenkende Huber ergänzten sich hervorragend. Huber war neben Guisan der bedeutendste Militär der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er leistete wichtige Führungsarbeit und zeichnete sich durch Willenskraft, Selbstbeherrschung und Bescheidenheit aus. Huber starb 1953 und wurde in Jonen bestattet, wo er seine Kindheit als einfacher Bauernbub erlebt hatte. (az)



2014 stösst Arnold Huber zufällig auf eine Mitteilung des Militär- und Festungsmuseums Full-Reuenthal. Das Museum gibt bekannt, dass es aus den Beständen des ehemaligen Zeughauses Aarau die Uniform des Generalstabschefs Jakob Huber als Legat erhalten habe und man sich sehr darüber freue.

Arnold Huber fällt aus allen Wolken und will wissen, warum die Uniform seines Grossonkels sich nun plötzlich in Full-Reuenthal befindet. Man teilt ihm mit, dass es das Zeughaus Aarau nicht mehr gibt und man deshalb die Uniform nach Full-Reuenthal weitergereicht habe; es folgt auch eine Entschuldigung, dass dies geschah, ohne dass der Kanton Huber darüber informiert hatte.

Wo sind die drei Mützen?

Jetzt macht Huber mobil. Er nimmt Kontakt auf mit dem Armeemuseum in Full-Reuenthal und lässt überprüfen, ob die Teile, die man ihm zeigt, mit der 1989 bei der Übergabe ans Zeughaus angefertigten Liste übereinstimmen. Es bewahrheitet sich, was Huber insgeheim befürchtet hatte: Die Uniform ist nicht mehr vollständig. Es fehlen drei Mützen und ein paar Stiefel.

Den Fachleuten ist sofort klar, was da geschehen ist: Die drei Mützen sind gestohlen worden. Denn Hüte und Mützen von bekannten Schweizer Militärs, besonders aus Kriegszeiten, sind bei Sammlern sehr gefragt. Doch wer hat die Mützen gestohlen? Und wann ist dies geschehen? Klar ist einzig, dass die Mützen zwischen 1989 und 2014 verschwunden sind. In dieser Zeit hatten rund 160 Angestellte des Zeughauses Zugang zur Uniform.

Arnold Huber reicht im April 2015 bei der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau Strafanzeige gegen unbekannt ein. Doch die Strafuntersuchung bleibt ohne Ergebnis und wird im Februar 2016 sistiert. «Dass die Staatsanwaltschaft nicht alle infrage kommenden ehemaligen Zeughausangestellten befragt, das scheint mir vernünftig», räumt Arnold Huber ein.

Und trotzdem hätte er sich gewünscht, die Untersuchungsbehörde hätte etwas hartnäckiger recherchiert. Denn offensichtlich weiss man in der Militaria-Sammlerszene genau, wo sich mindestens zwei der drei Mützen befinden. Dabei sind die heutigen Besitzer keinesfalls die Diebe. Sondern es handelt sich anscheinend um Sammler, die für teures Geld die Mützen erworben haben. Aber, so mutmasst Huber, über die heutigen Besitzer liesse sich allenfalls zurückverfolgen, wer zuerst die Mützen auf dem Markt zum Kauf angeboten hat. Und dann wäre man wohl schon ganz nah bei den Dieben.

Hoffnung auf Rückgabe

Aber weil das Verfahren sistiert ist, wird man wohl nie erfahren, wer die Mützen gestohlen hat. Arnold Huber weiss zwar, dass mindestens zwei der drei Mützen bei Sammlern gelandet sind. Aber er wird sie nicht zurückerhalten. Denn wenn die Käufer die Mützen in gutem Glauben erworben haben, also nicht gewusst haben, dass die Mützen gestohlen sind, dann haben sie nichts Unrechtes getan und dürfen die Mützen behalten.

Dennoch hegt Arnold Huber die leise Hoffnung, dass einer der neuen Besitzer reagiert und vielleicht eine der Mützen des Generalstabschefs eines Tages wieder bei den Hubers in Jonen eintrifft. «Es geht nicht ums Geld», sagt Huber. «Die Uniform hat für mich immateriellen Wert. Es geht um Ethik und Moral. Und es geht um Respekt gegenüber der Familie und dem Andenken eines Mannes, der viel für die Schweiz geleistet hat.»