Wildtiere im Aargau
Jährlich über 2000 Wildunfälle: Wer sich nicht meldet, macht sich strafbar

2200 Wildtiere sind im vergangenen Jahr auf den Strassen im Aargau gestorben. Wer ein Reh oder ein anderes Tier anfährt, muss dies umgehend melden. Weil ein Mann dies nicht tat, hat ihn das Bezirksgericht Muri verurteilt.

Fabian Hägler
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Eine Rotte Wildschweine überquert eine Strasse im Kanton Aargau. (Archiv)

Eine Rotte Wildschweine überquert eine Strasse im Kanton Aargau. (Archiv)

Keystone

Deutlich mehr als 2000 Tiere sind im vergangenen Jahr im Aargau überfahren worden. «Es fehlen noch ein paar Rückmeldungen, aber die Zahlen aus rund 90 Prozent der Jagdreviere liegen vor», sagt Reto Fischer von der kantonalen Sektion Jagd und Fischerei auf Anfrage. Die bisherigen Daten ergeben beim Strassenfallwild rund 2200 Tiere, davon knapp 800 Rehe, gut 700 Füchse und etwas über 300 Dachse. «All diese Zahlen sind leicht tiefer als im Vorjahr. Berücksichtigt man die fehlenden Meldungen, wird das Strassenfallwild 2015 wahrscheinlich sehr ähnlich wie jenes von 2014 ausfallen.»

Der junge Sachbearbeiter beim Kanton ist selber Jäger, seit Herbst 2014 hat der das entsprechende Patent. Ausrücken zu einem Wildunfall musste Fischer noch nie. «Jedes Jagdrevier hat zwei Jagdaufseher, die in erster Linie zum Einsatz kommen. Ich wäre erst im Notfall zuständig, dieser ist bisher glücklicherweise noch nie eingetroffen.» Fischer hat aber schon mehrfach tote Tiere am Strassenrand gefunden. «Konkret ein Reh, einen Fuchs und einen Steinmarder, diese Unfälle hat sicher niemand gemeldet.»

Wildunfall-Meldungen fast jeden Tag

«Bei uns gehen fast täglich Meldungen zu Wildunfällen ein», sagt Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei. Dass die Polizei selber ausrückt, kommt allerdings nur selten vor. «Wenn es keine verletzten Personen gibt, informieren wir möglichst rasch den Jagdaufseher, der für das Gebiet zuständig ist.» Dieser sucht vor Ort das verletzte Tier und regelt die Formalitäten mit dem Autofahrer direkt mit dem entsprechenden Schadenformular. Oft würden Wildunfälle vom Verursacher aber nicht gemeldet, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Wie hoch die Dunkelziffer bei den nicht gemeldeten Unfällen ist, kann der Polizeisprecher nicht angeben. «Wir bekommen jedoch relativ häufig am Morgen einen Anruf, wenn jemand auf dem Arbeitsweg ein totes oder verletztes Tier auf der Strasse sieht», sagt Graser.

Klar ist aber: Wer einen Wildunfall nicht meldet, und stattdessen einfach weiterfährt, macht sich strafbar. Ein solcher Fall kann vor Gericht enden, wie gestern Montag, als sich ein 48-jähriger Mann vor dem Bezirksgericht Muri verantworten musste. Er war im Sommer 2015 auf der Kantonsstrasse zwischen Oberrüti und Sins mit einem Rehbock kollidiert. Nach dem Unfall hielt der Mann zwar an, sah das Tier aber nirgends und fuhr weiter. Erst rund drei Stunden später meldete sich der Automobilist bei der Kantonspolizei. Inzwischen war der Rehbock verendet, das Tier konnte nur noch tot geborgen werden.

Tierschutzgesetz verlangt Meldung

Für die Staatsanwaltschaft sind damit zwei Tatbestände erfüllt: Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz und Nichtgenügen der Meldepflicht bei Unfällen. Sie forderte eine bedingte Geldstrafe von 3400 Franken und eine Busse von 1000 Franken für den Mann aus dem Kanton Luzern. Dieser sagte vor Gericht, er habe einen Knall gehört und ein Rumpeln unter dem Auto gespürt. Bei nächster Gelegenheit habe er angehalten und festgestellt, dass sein Auto am Kotflügel eine Beule habe und Tierhaare dort klebten.

Er sei zur Unfallstelle zurückgelaufen und habe nachgesehen, ob dort ein totes oder verletztes Reh liege. «Da war aber nichts, deshalb habe ich angenommen, dass das Tier nicht schwer verletzt ist.» Er habe nicht gewusst, dass er den Unfall sofort hätte melden sollen und habe kein Handy dabei gehabt. «Wenn ich ein verletztes Tier gefunden hätte, wäre ich zum nächsten Bauernhof gelaufen oder hätte ein Auto angehalten, um dies zu melden.» So entschied er sich aber, weiterzufahren zu einer Sitzung. Inzwischen hatte
eine Frau, die an der Unfallstelle vorbeifuhr, das Reh gesehen und gemeldet. Der aufgebotene Jagdaufseher stellte fest, dass dieses tot war und wohl nicht lange leiden musste.

«Leiden in Kauf genommen»

Dennoch folgte Gerichtspräsident Michael Plattner weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Autofahrer zu einer Busse von 800 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 3400 Franken. «Es ist nicht glaubhaft, dass Sie nach einer Kollision auf einer Ausserortsstrecke annehmen, das Tier sei nicht schwer verletzt», sagte der Gerichtspräsident. «Stellen Sie sich vor, es wäre ein Unfall mit einem Menschen gewesen, da würden Sie bei einer Geschwindigkeit von rund 80 Stundenkilometern auch nicht davon ausgehen, dass nur leichte Verletzungen vorliegen.» Dass er an der Unfallstelle kein Reh gesehen habe, entbinde den Autofahrer nicht von seiner Pflicht, die Kollision sofort zu melden. Weil der Mann dies nicht tat, sondern der anstehenden Sitzung eine höhere Priorität einräumte, habe er ein langes, unnötiges Leiden des angefahrenen Tieres in Kauf genommen.