Wer im Frühling junge, vermeintlich allein gelassene Wildtiere auf den Feldern und Wiesen entdeckt, muss sich nicht sorgen. Die Muttertiere entfernen sich oft kurz von ihren Jungen, um sie vor Fressfeinden zu schützen. Gut gemeinte Berührungen oder «Rettungsaktionen» durch Menschen schaden den Tieren mehr, als sie ihnen nützen.

Wildtiere wie Rehe, Gämsen und Hasen bringen ihre Jungen im Frühling oder im Frühsommer zur Welt – meistens in der Zeit von April bis Juni. Häufig kommt es in diesem Zeitraum zu ähnlichen Szenen: Spaziergänger entdecken ein allein gelassenes Jungtier und glauben, es retten zu müssen. Die Hilfe ist zwar gut gemeint, aber nicht notwendig, da die Jungen in den seltensten Fällen in Not sind. Die menschliche Berührung hingegen kann gravierende Folgen haben, da sich der Fremdgeruch sofort auf das Jungtier überträgt und es dadurch riskiert, von der Mutter verstossen zu werden.

In den ersten Monaten sind junge Wildtiere besonders stark an Leib und Leben gefährdet. Insbesondere bei Rehen und Hasen gelten die ersten drei bis sechs Lebenswochen als kritisch, weil sie bis dann noch kein eigenes Fluchtverhalten entwickelt haben und der Mutter nicht folgen können. Junge Gämsen hingegen sind wesentlich schneller auf den Beinen.

Um ihren Nachwuchs zu schützen, verfolgen Hasen und Rehe eine ganz spezielle Strategie. Sie suchen ruhige Stellen in waldnahen Wiesen, legen ihre Jungen dort ab und suchen sie nur zum Säugen auf. Was auf den ersten Blick rücksichtslos erscheint, ist eine wirksame Vorsichtsmassnahme. Weil die Jungen klein sind und nahezu über keinen Eigengeruch verfügen, sind sie im hohen Gras vor ihren natürlichen Feinden geschützt. Eine Wiese ist somit eine perfekte Kinderstube.

Neben den natürlichen Feinden droht den Jungtieren durch die Zivilisation Gefahr – durch Menschen, Hunde und Landwirtschaftsmaschinen. Hunde spüren die Kitze und Hasen besser auf als der Mensch; bereits das Beschnuppern oder Belecken der Jungtiere kann zu einer Verstossung führen. Im Kanton Solothurn herrscht daher im Mai und Juni in den Wäldern und genau bezeichneten öffentlichen Orten Leinenpflicht. Viele Bauern wissen, dass sich der qualvolle Mähtod mit einfachen Mitteln verhindern lässt, zum Beispiel in Absprache mit der lokalen Jagdgesellschaft, die die Wiesen absucht und verblendet. Andere wirksame Massnahmen sind die Regulierung der Schnitthöhe, das Mähen von innen nach aussen oder die Erhaltung eines Rückzugsstreifens.