Vor 150 Jahren war der Rothirsch in der Schweiz ausgerottet. Doch inzwischen haben sich die Bestände erholt, so dass es heute laut Pro Natura Schweiz wieder rund 35 000 Tiere bei uns geben soll. Auch im Kanton Aargau nimmt die Population des «Königs des Waldes» seit den 1960er Jahren wieder zu – doch das bringt auch Probleme mit sich. Denn auf der Suche nach Futter beschädigt das imposante Tier nicht nur Felder und Zäune, sondern entrindet auch Bäume und frisst junge Pflanzentriebe.

Darum gab der Aargau letzten Sommer neun Rothirsche zum Abschuss frei – fünf im Kelleramt und vier in der Region Zofingen. Tatsächlich geschossen wurde in beiden Regionen je ein Hirsch, wie das Regionaljournal Aargau/Solothurn von SRF am Freitag meldete.

Hirschjagd ist anspruchsvoll

Dass das Abschusskontingent von neun Tieren bei weitem nicht ausgeschöpft wurde, macht Erwin Osterwalder, der Fachbereichsleiter Jagd im kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt, an der anspruchsvollen Jagd der Tiere fest. «Der Rothirsch hat ein sehr grosses Streifgebiet und ist sehr empfindlich», erklärt er gegenüber dem Regionaljournal. Man könne sich dem Tier kaum auf 100 Meter nähern, ohne dass es das Weite suche.

Dass nun trotz der neun bewilligten Abschüsse nur zwei erfolgten, ist laut dem Jagdspezialisten des Kantons kein Problem: «Wir stehen erst am Anfang der Bejagung, wir haben noch keinen Druck.» Man kann daher davon ausgehen, dass der Aargau auch in der kommenden Jagdsaison wieder Rothirsche zum Abschuss freigeben wird.

Zurückhaltung bei der Jagd

Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, machte sich vergangenen Herbst an einer Infoveranstaltung zum Rothirsch für das Tier stark und verlangte ein Abschuss-Moratorium. Dass nun im Aargau dennoch zwei Rothirsche abgeschossen wurden, nimmt Jenny zur Kenntnis, bittet auf Anfrage dieser Zeitung aber weiter um Zurückhaltung.

Der Geschäftsführer von Pro Natura hat durchaus Verständnis dafür, dass einzelne Tiere, die Schäden anrichten, abgeschossen werden müssten. «Schiessen die Jäger zu viele Tiere, werden andere vorsichtig und verlassen den Kanton wieder», erklärt Jenny und fügt an: «Wir wollen aber, dass der Rothirsch im Aargau bleibt.»

Rainer Klöti, der Präsident von Jagd Aargau, sprach sich an der Infoveranstaltung im Herbst für grosse Zurückhaltung bei der Hirschjagd aus. «Mit den zwei Abschüssen haben die Aargauer Jäger diesen Grundsatz erfüllt», sagt Klöti auf Anfrage.

Hirsch mit Reh verwechselt?

Einer der beiden geschossenen Hirsche wurde aber offenbar irrtümlich erlegt, wie Johannes Jenny sagt. «Der Jäger verwechselte den Rothirsch wohl aufgrund der grossen Distanz mit einem Reh», bedauert Jenny. Ob es sich dabei um den Abschuss im Kelleramt oder jenen in der Region Zofingen handelt, konnte der Pro Natura-Geschäftsführer nicht beantworten.

Der kantonale Jagdspezialist Erwin Osterwalder war für eine Klärung des Sachverhalts am Freitag bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. Gemäss einer groben Schätzung leben im Aargau derzeit zwischen 30 und 40 Rothirsche. Die Jagdzeit für das Tier dauert vom 1. August bis 31. Januar.