Alstom
«Ja, ich habe Angst, meinen Job zu verlieren»

Wird Alstom vom US-Industrieriesen General Electric übernommen? Es stehen Tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Mitarbeiter von Alstom fürchten um ihre Jobs – und der Kanton Aargau um den Wegzug seines grössten Arbeitgebers. Eine Reportage.

Aline Wüst
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Die Angst verbirgt sich hinter Anzügen, versteckt sich hinter geschäftigen Gesprächen an Smartphones und wird hastig hinuntergeraucht. Doch sie ist da. Ein ungarischer Ingenieur sprach sie gestern Nachmittag vor dem Hauptgebäude von Alstom in Baden offen aus: «Ja, ich habe Angst, meinen Job zu verlieren.»

Diese Angst geht um die Welt. Denn der Alstom-Sitz in Baden, der ist international. Was auf dem Spiel steht im Aargau, das wissen deshalb auch Menschen in Ägypten, Amerika, Malaysia oder Ungarn. Sie erfahren es am Telefon, per Skype oder in den Kurzmitteilungen, die von den ausländischen Fachkräften zwischen zwei Meetings in ihre Smartphones getippt werden.

Ein Alstom-Mitarbeiter am Telefon - ob er über den möglichen Wegzug spricht? Zumindest ist es bei den Mitarbeitern das Hauptthema.

Ein Alstom-Mitarbeiter am Telefon - ob er über den möglichen Wegzug spricht? Zumindest ist es bei den Mitarbeitern das Hauptthema.

Alex Spichale

Der Grund für die Angst: Der US-Industrieriese General Electric bietet 13,5 Milliarden Dollar für die Übernahme des Energiegeschäfts vom französischen Konzern Alstom.

Und er verspricht dem französischen Staatspräsidenten François Hollande vieles. Zum Beispiel eine steigende Zahl von Arbeitsplätzen in Frankreich.

Ein zuckersüsses Angebot für einen Präsidenten, der um sein Image kämpft und versprochen hat, die Arbeitslosenzahlen zu senken.

Doch damit nicht genug: Auch der deutsche Konzern Siemens überlegt sich ein Übernahmeangebot.

Es ist ein Pokern der Giganten. Der Standort im Aargau ist mittendrin - eine Karte unter vielen, die gespielt wird.

Auf dem Spiel steht viel. Würde Alstom seinen Sitz in Baden und seine zwei weiteren Produktionsstätten im Aargau aufgeben, würden 6400 Menschen ihre Stellen verlieren. Rechnet man die Zuliefererbetriebe dazu, könnten es im ganzen Kanton bis zu 15 000 Stellen sein, die gefährdet sind.

Beim Rauchen in der Pause werden unter den Mitarbeitern mögliche Szenarien diskutiert

Beim Rauchen in der Pause werden unter den Mitarbeitern mögliche Szenarien diskutiert

Alex Spichale

Alstom ist der grösste privatwirtschaftliche Arbeitgeber im Aargau. Damit steht auch für den Kanton viel auf dem Spiel - viel Steuergeld und viel Image.

Vor dem Alstom-Gebäude in Baden steht ein Kadermitarbeiter in der Sonne. Er sagt nicht, dass die geplante Übernahme ein Thema sei.

Er sagt: «Es ist das einzige Thema. Wir sind seit zwei Wochen wie paralysiert.» Und während andere von Spekulationen reden und davon, dass noch nichts sicher sei, ist sich dieser Mann ganz sicher: «Der Deal mit General Electric ist so gut wie gemacht.»

Dass bei einer Übernahme der Sitz in Baden verloren gehen würde, glaubt er allerdings nicht. «Das technologische Know-how entsteht hier und sitzt hier in den Köpfen in Baden.» Und das wisse General Electric sehr wohl.

Obwohl der Kadermitarbeiter schon sehr lange bei der ABB und nach der Übernahme bei Alstom arbeitet, scheint ihn das erstaunlich wenig zu berühren. «Ich habe schon wesentlich lieber hier gearbeitet», sagt er nur.

Die Alstom-Bürogebäude sind eine Welt, zu der nur Zugang hat, wer einen gültigen Badge besitzt. Dem Aussenstehenden bleibt der Blick von aussen ins Glasgebäude - kleine Kaffeemaschinen auf den Schreibtischen, Pappbecher, da ein Plüsch-Panda auf dem Tisch und dort eine dürftige Topfpflanze, in die jemand ein Schweizerfähnchen gesteckt hat.

«Die Unsicherheit ist das Schlimmste», sagt einer - mehr will er nicht sagen. Und diese Unsicherheit hat viele erfasst. Auch den langjährigen Badener alt Stadtammann Josef Bürge, der gestern Abend nach einer Operation im Krankenbett vor seinem Laptop sass und versuchte, sich ein Bild über die beunruhigenden Spekulationen aus Baden zu machen. Er sagt, dass sich die Politiker einmischen müssten. Wie 1988 bei der Fusion von BBC und Asea.

Sich einmischen - das tun die Politiker. Und zwar vom Badener Stadtammann Geri Müller bis zu Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Sie versprechen zu weibeln, Kontakte zu nutzen und alles zu geben. Doch wer weiss schon, was in den Sitzungszimmern der drei involvierten Konzerne soeben passiert?

Den betroffenen Mitarbeitern von Alstom bleibt also nur die Spekulation. Und die Gerüchteküche brodelt. Setzte man sich gestern Nachmittag einen Moment auf die Treppe vor dem Alstom-Gebäude, hörte man solche Gespräche: «General Electric ... möglich ist alles ... immerhin noch zwei Milliarden Umsatz ... nur nicht die Nerven verlieren.»

Ein Alstom-Mitarbeiter beweist, dass er die Nerven keineswegs verloren hat. Er wolle nichts wissen von alledem, sagt er.

Das seien doch alles nur Spekulationen der Presse. Bevor ihn das Gebäude verschluckt, sagt er noch: «Den Medien glaube ich ebenso wenig wie den Aussagen unseres CEO.»