Bauboom
Ist der Traum vom eigenen Haus bald ausgeträumt?

Auf Aargauer Boden steht jedes zehnte Einfamilienhaus der Schweiz. Seit 1980 hat sich die Zahl der Häuser im Kanton von 50 000 auf knapp 100 000 verdoppelt. Doch nun stockt der Bauboom.

Manuel Bühlmann
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Der Bau eines Einfamilienhauses (Symbolbild)

Der Bau eines Einfamilienhauses (Symbolbild)

Keystone

Jahr für Jahr kommen neue Einfamilienhäuser dazu. 2013 sind im Kanton 678 Neubauten gemeldet worden, wie die jüngst veröffentlichte Baustatistik zeigt. Auch wenn die Zahl wohl noch nach oben korrigiert werden muss: Die Marke von 1115 Neubauten aus dem Vorjahr wird dennoch deutlich unterschritten. Ein Trend, der sich seit längerem abzeichnet. Trotz stark wachsender Bevölkerung stockt der Boom beim Häuserbau. Das ist umso bemerkenswerter, weil die Hypozinsen auf einem so tiefen Stand wie noch nie sind.

Zum Vergleich: Noch 1998 bauten die Aargauer knapp 1700 Einfamilienhäuser. Robert Weinert von der Immobilienberatungsfirma Wüest und Partner sagt: «Wir gehen nicht davon aus, dass es in Zukunft zu einem starken Anstieg kommt.» Ist der Traum vom Einfamilienhaus bald ausgeträumt?

Gerne mit Ja beantworten würde die Frage Pro-Natura-Aargau-Geschäftsführer Johannes Jenny. «Natürlich wäre ich dafür, dass möglichst bald keine Einfamilienhäuser mehr gebaut werden. Doch das ist ein frommer Wunsch.» Zwar werde das Bauland immer rarer und teurer, aber bis sich das Handeln der Menschen wandle, dauere es lange. «Jeder ist letztlich sich selbst am nächsten», sagt Jenny.

Nein lautet auch die Antwort von Joris Van Wezemael. «Der Traum ist ungebrochen», sagt der Privatdozent an der Architekturabteilung der ETH Zürich, der die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt seit Jahren verfolgt. Wohneigentum entspreche nach wie vor der bürgerlichen Vorstellung von Familie und Erfolg und sei auch deshalb ein Wunsch vieler Menschen. «An einen Gesinnungswandel glaube ich nicht», sagt Van Wezemael. Den Rückgang bei den Neubauten erklärt er sich anders: Einerseits habe Stockwerkeigentum massiv zugenommen.

Andererseits wirkten sich die nach der Finanzkrise verschärften Bedingungen für den Vorbezug von Pensionskassengeldern hemmend aus. «Heute ist es deutlich schwieriger, die Eigenkapitalvorschriften zu erfüllen. Deshalb können sich weniger Leute ein Haus leisten.»

Mit einer Trendumkehr rechnet Van Wezemael dennoch nicht. Ein Grund dafür: Die bereits eingezonten Gebiete sind enorm gross. Die Rückzonung von Bauland hält er für unrealistisch. «Das wäre sehr teuer, weil die Eigentümer entschädigt werden müssten.» Van Wezemael geht denn auch davon aus, dass der Umgang mit Einfamilienhäusern Politik und Gesellschaft noch länger beschäftigen wird – besonders im Aargau. «Der Kanton ist ideal gelegen und sehr dynamisch.» Der Preis der eigenen Attraktivität: ein hoher Bodenverbrauch.

Die Zersiedelung und Zubetonierung der Landschaft sorgen vor der Ecopop-Abstimmung für hitzige Diskussionen. Die Idee hinter der Initiative: Zuwanderung begrenzen, Zersiedelung bremsen. Welche Rolle Ausländer bei den Einfamilienhäusern spielen, lässt sich aus der kantonalen Statistik nicht ablesen: Die Staatszugehörigkeit der Besitzer wird im Aargau nicht erhoben. Andere Statistiken zeigten, dass Ausländer unter den Hausbesitzern deutlich weniger stark vertreten seien als Schweizer, sagt Robert Weinert von Wüest und Partner. Das bestätigt auch Joris Van Wezemael: «Die Wohneigentumsquote ist bei der Schweizer Bevölkerung viel höher als bei der ausländischen.» Die Entwicklung der Landschaft lasse sich nicht mit einer übermässigen Einwanderung, sondern mit dem Wohlstandswachstum erklären.

Bei der Debatte über Zersiedelung und Landverbrauch gehe ein zentraler Punkt vergessen, sagt Van Wezemael. Die Anbindung der verstreuten Häuser an die Infrastruktur wie etwa an das Kanalisationsnetz verursache bei der Erschliessung, aber auch bei der Sanierung hohe Kosten. «Das ist alarmierend und eine unglaubliche Hypothek für die nächste Generation.»

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