Mit dem Wechsel zu einem neuen Spitexanbieter will die Gemeinde Aarburg 50 Prozent der Restkosten sparen, die sie für die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu Hause zahlen muss. Eine erste Auswertung nach drei Monaten zeigte: Die Einsparungen sind höher als budgetiert.

Dies sorgt beim Spitex-Verband Aargau für Stirnrunzeln. In einer Mitteilung hält der Verband fest, die isolierte Betrachtung der Spitexkosten greife zu kurz. Die Ausgaben der Gemeinden liessen sich auf Dauer nicht markant senken, ohne hohe Folgekosten in anderen Bereichen zu generieren, argumentiert der Verband.

Zudem sieht der Spitex-Verband Aargau, der 48 kleine bis mittlere Organisationen vertritt, ein Problem in der schwachen Datenlage in Aarburg. Drei Monate seien zu kurz für eine aussagekräftige Auswertung, sagt Geschäftsführer Max Moor. Eine fundierte Aussage über die echten Kosten lasse sich frühestens nach drei, besser nach fünf Jahren machen. Erst dann seien die Auswirkungen der Einsparungen bei der Spitex auf den kostenintensiveren stationären Bereich messbar.

Das sagen die Beteiligten: 

Kosten steigen mit der Menge

Seit 2013 sind die Vollkosten pro Pflegestunde der nicht profitorientierten Spitex-Organisationen im Aargau konstant. Dies sei der Fall, obwohl Anpassungen der kantonalen Pflegeverordnung sowie gesundheitspolitische Entwicklungen einen Leistungsausbau verlangten. So sind heute zum Beispiel zusätzliche Angebote in den Bereichen Psychiatrie und spezialisierte Palliative Care vorgeschrieben.

Die Kostensteigerung ergebe sich aus dem erhöhten Bedarf an Spitex-Leistungen. Die starke Zunahme lasse sich auf die alternde Bevölkerung, die vielen alleinstehenden Personen ohne pflegende Angehörige und den gesundheitspolitischen Grundsatz «ambulant vor stationär» zurückführen.

Der Verband erklärt, dass Krankenkassen und Klienten je einen fixen Beitrag an die Spitex-Kosten leisten. Das Gesetz sieht vor, dass die Gemeinden die Restkosten übernehmen. Genau bei diesem Posten, der in Aarburg bisher rund eine halbe Million Franken pro Jahr betrug, will die Gemeinde 50 Prozent sparen.

Ralph Bürge, Geschäftsführer der Spitex Lindenpark, hält fest, diese Einsparungen gingen nicht auf Kosten der Qualität. Es gebe keine Quersubventionierung seiner Spitex aus dem Altersheimbetrieb, das Personal sei gut ausgebildet und die kantonalen Vorgaben würden eingehalten.

Sparen bringt Folgekosten

Rund 85 Prozent der Kosten einer Spitex mit Leistungsauftrag sind laut dem kantonalen Verband Personalaufwand. Mit der Umsetzung von «ambulant vor stationär» würden die Pflegesituationen zu Hause immer anspruchsvoller, so würden zum Beispiel komplexes Wundmanagement, die Pflege von dementen Menschen oder Palliative Care vermehrt verlangt.

Um die Betroffenen zu Hause in guter Qualität pflegen zu können, brauche es genug und gut ausgebildetes Fachpersonal. Aus- und Weiterbildung hätten daher einen hohen Stellenwert in der nicht profitorientierten Spitex. Wenn die Spitexleistungen infolge Personalmangel oder schlechter Pflegequalität fehlten, habe das Konsequenzen: «Das führt zu verfrühten Heimeintritten oder Wiedereintritten ins Spital, was wiederum hohe Kostenfolgen hat», teilt der kantonale Spitexverband mit.

In diversen Regionen hätten Gemeinden erkannt, dass mit der Stärkung der Spitex Pflegeheimplätze gespart werden könnten. So wurden in den Regionen Heitersberg, Suhrental, Brugg und Fricktal schon 2013 bzw. 2014 grössere, professionelle Spitex-Organisationen gegründet, die ihren Auftrag in guter Qualität und wirtschaftlich erfüllen.

2019 nimmt die Spitex Region Zofingen – allerdings ohne Aarburg, das sich für den Alleingang entschlossen hat – ihren Betrieb auf. In der Region Baden ist ein Zusammenschluss der Spitex von sieben Gemeinden geplant. Die Leistungen der Spitex und damit auch die Kosten würden in diesen Regionen mit der Professionalisierung zwar steigen, im Gegenzug gebe es allerdings weniger stationäre Aufenthalte.

Mit privaten Anbietern

Die öffentliche Spitex sei ein wichtiges Element der Gesundheitsversorgung, das stark kontrolliert werde, schreibt der Verband. Die Verantwortlichen seien sich bewusst, dass sie mit Steuergeldern arbeiten, und gingen verantwortungsbewusst damit um. Die nicht profitorientierte Spitex Aargau arbeite vielerorts mit privaten Spitex-Organisationen zusammen.

Der Verband betont, dass man diese Mitbewerber schätze. «Innovative Geschäftsmodelle beleben den Markt und spornen uns an, unsere Prozesse laufend zu überprüfen», sagt Präsidentin Rebekka Hansmann. Es sei ihr aber wichtig, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit auf vergleichbaren Fakten aufbaue.

Ziel sei es, die professionelle Pflege zu Hause in guter Qualität zu sichern und die Kosten der Langzeitversorgung positiv zu beeinflussen. «Die isolierte Betrachtung der Spitex-Kosten greift dafür definitiv zu kurz», sagt die Präsidentin.