Rund 2500 Stimmen fehlten Irène Kälin. Eigentlich wollte sie 2015 für die Grünen den Sitz von Geri Müller im Nationalrat verteidigen. Als Zugpferd kandidierte sie nicht nur für den National-, sondern auch für den Ständerat. Kälin, roter Jupe, schwarzes Oberteil, wartete im Keller des Grossratsgebäudes in Aarau auf die Wahlresultate. Aber nicht sie zog in den Nationalrat ein, sondern ihr Parteikollege Jonas Fricker.

Es war die erste grosse Niederlage für Kälin, die Grünen hatten allgemein schlecht abgeschnitten. «Eine Katastrophe», so beschrieb sie die Wahlresultate im Aargau. Damit meinte sie aber nicht ihre eigene Niederlage, sondern den Rechtsrutsch im Kanton. Im Interview wirkte sie damals wie immer: selbstbewusst und leidenschaftlich.

Über zwei Jahre später, auf der Terrasse der Vogelweid in Aarau. Kälin hat den Treffpunkt vorgeschlagen. Es ist warm, sie hat einen Platz im Schatten ausgesucht. Vieles hat sich verändert seit dem Wahlkampf 2015. Kälin hat ihr Masterstudium der Islamwissenschaft abgeschlossen, erwartet ihr erstes Kind.

Und sie ist jetzt doch Nationalrätin: Als Jonas Fricker nach einem Auschwitz-Vergleich zurückgetreten war, rutschte sie nach. Mit dem Wechsel vom Grossen Rat in den Nationalrat hatte sie keine Schwierigkeiten. «Politik ist Politik. Egal ob auf kommunaler, kantonaler oder nationaler Ebene.» Wenn man mit ihr spricht, kann Kälin knallhart wirken. Sie ist keine Interviewpartnerin, die unüberlegt ins Plaudern kommt. Wo andere vertraulich weiterreden, bricht sie ab und wartet auf die nächste Frage. Offen und freundlich ist sie, aber keinen Moment schwatzhaft.

«Frauen haben es schwerer»

Für ihre politischen Positionen wird sie häufig angefeindet. «Das lässt mich natürlich nicht kalt, Hasskommentare treffen auch mich.» Mittlerweile könne sie aber damit umgehen. Was sie am meisten ärgert: Wenn sie über ein politisches Anliegen spricht, im Gegenzug aber auf persönlicher Ebene angegriffen wird. So wie nach ihrem ersten Fernsehauftritt bei Tele M1. Es ging um ein mögliches Burkaverbot im Aargau. Kälin als Studentin der Islamwissenschaft nahm dazu Stellung und erhielt keine einzige inhaltliche Rückmeldung. Dafür aber viele frauenverachtende. Sie gebe sich zwar Mühe, als Politikerin auf alle Nachrichten zu reagieren, sagt Kälin. «Aber bei solchen Kommentaren habe ich wirklich Schwierigkeiten, eine Antwort zu formulieren.»

Frauen haben es im Politikbetrieb schwerer, davon ist sie überzeugt. «Man braucht eine dickere Haut.» Es mache ihr nichts aus, für Inhalte kritisiert zu werden. Aber als Frau werde sie auch häufig auf ihr Aussehen reduziert, was einem Mann nicht passiere. «Es spielt doch keine Rolle, ob jemand findet, dass ich scheisse aussehe. Ich will keine Modelkarriere machen, ich bin Politikerin. Darum sind diese Kommentare so frustrierend.»

Wie ist das eigentlich für ihre Eltern, wenn die eigene Tochter schon relativ früh in der Öffentlichkeit steht und dafür auch angefeindet wird? Kälin neigt den Kopf etwas zur Seite. «Für meine Eltern sind negative Kommentare wohl schwieriger, als sie mir sagen. Aber ich finde, sie machen das gut. Sie haben mich immer unterstützt.»

Selbstbewusst sei sie zum Glück schon immer gewesen. «Selbst wenn ich auch eine sehr schüchterne Seite habe.» Und als Rudolf-Steiner-Schülerin war sie es sich von klein auf gewohnt, vor Publikum zu stehen. In die Politik rutschte sie nebenbei, sie wollte sich engagieren. «Ich hatte schon immer ein Problem mit Ungerechtigkeiten, ich wollte etwas dagegen tun.»

Wermuth als Hahn im Korb

Und warum sind es die Grünen geworden und nicht die Juso? «Daran war glaube ich Cédric Wermuth schuld. Als Jugendliche war er für mich zu sehr Hahn im Korb.» Sie muss lachen. «Heute verstehen wir uns gut. Die Jungen im Bundeshaus haben allgemein einen lockereren Umgang untereinander, interessieren sich für die gleichen Themen.» Dass sie politisches Talent hat, war ihr lange nicht klar. «Die Menschen in dieser Branche sind gut darin, die Ellbogen auszufahren, nicht darin, Komplimente zu machen.»

Wenn sie zurückdenkt, fallen Irène Kälin trotzdem einige Frauen ein, die für sie ein Vorbild waren, nachdem sie mit 22 Jahren in den Grossen Rat nachrückte. «Gertrud Häseli und Monika Küng haben mich immer machen lassen und mich unterstützt, dafür bin ich ihnen heute extrem dankbar. Und Susanne Hochuli hat mir gezeigt, dass es okay ist, wenn man nicht immer stramm nach Parteiprogramm geht.»

Aber nicht nur grüne Kolleginnen haben sie beeindruckt, sondern auch eine freisinnige Politikerin. «Christine Egerszegi musste sich häufig durchkämpfen, das finde ich stark.» Sie überlegt kurz. «Ich habe diesen starken Frauen glaube ich gar nie gesagt, dass sie mich inspiriert und ermutigt haben.»

Kampf für Gleichstellung

Kälin beschäftigt sich als Politikerin vor allem mit Themen, die mit Gleichberechtigung zu tun haben. Lohngleichheit und die Gleichstellung von Mann und Frau gehören dazu. Sie wuchs mit einem Vater auf, der viel daheim war, und einer Mutter, die in ihrem selber aufgebauten Architekturatelier viel arbeitete. «Ich habe meinen Vater mehr in der Küche erlebt als meine Mutter. Erst später wurde mir klar, dass dieses Modell nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach.»

Jetzt wird sie selber Mutter. Kälin und ihr Partner Werner de Schepper – Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» – wollen die Kinderbetreuung so gut als möglich aufteilen. Er wolle wenn möglich einen bis zwei Tage in der Woche daheim bleiben und sie während der ersten Session nach Bern begleiten. «Unsere Arbeitsteilung soll so ausgeglichen wie möglich sein. Heute ist es ja einfacher, wenn auch noch lange nicht gleichberechtigt», sagt Kälin.

Vorwürfe gegen ihren Partner

Auch bei der Debatte um #MeToo bezog sie Position und sprach sich gegen Sexismus in der Gesellschaft aus. In ihrem Blog schrieb Kälin: «Ich wünsche uns den Mut, hinzustehen, sexuelle Gewalt vorbehaltlos zu melden und sexuelle Belästigung laut und deutlich zu benennen.» Später wurde ihrem Partner in einem Artikel im «Tages-Anzeiger» vorgeworfen, in seinem beruflichen Umfeld früher Frauen belästigt zu haben. «Das war keine einfache Zeit für uns», sagt Kälin heute. «Persönlich hat mich die auf anonymen Quellen und haltlosen Anschuldigungen fussende Medienberichterstattung getroffen und auch etwas ratlos gemacht.»

Die «Basler Zeitung» warf Kälin später Doppelmoral vor, weil sie sich nicht zu den Vorwürfen äusserte. Sie wehrt sich: «Es waren anonyme Anschuldigungen gegen meinen Partner, dazu kann ich ja gar nichts kommunizieren.» Kälin selber sieht keinen Widerspruch. «Es wäre dann Doppelmoral, wenn ich jemanden sexuell belästigt hätte.» Aber für die angeblichen Taten Dritter könne sie unmöglich potenzielle Verantwortung übernehmen. «Und ohnehin», so Kälin wieder kämpferisch, «war es genau wieder ein typisches sexistisches Beispiel, dass ich als Frau auf meinen Partner reduziert wurde.»

Bis ihr die Ideen ausgehen

Unter anderem wegen dieser Mechanismen glaubt Kälin nicht, dass die Ziele, die sie als Nationalrätin hat, bald erreicht werden. «Ich bin manchmal schon etwas desillusioniert, aber ich will weiterkämpfen. Dinge wie Vaterschaftsurlaub oder Lohngleichheit werden im aktuellen politischen Schneckentempo wohl noch lange nicht Realität. Dabei wäre es schön, wenn die nächste Generation nicht mehr über die Gleichstellung zwischen Mann und Frau diskutieren müsste.»

Wie lange will sie denn im Amt bleiben? «Bis ich keine Ideen mehr habe», sagt Kälin bestimmt. «Es ist ein Privileg, politisch aktiv zu sein und zu gestalten. Irgendwann hat jeder seine Ideen auf den Tisch gelegt. Dann sind andere dran.»