Interview
Bundesrätin Sommaruga zu einem Gaskraftwerk in Birr: «Es ist klar, dass bestehende Anlagen einen Vorteil haben»

Energieministerin Simonetta Sommaruga wirbt vor 200 Teilnehmenden am Stadtwerkekongress in Aarau für mehr einheimische erneuerbare Energie. Im Gespräch mit der AZ äussert sich die Bundesrätin zu einem Gaskraftwerk in Birr und zum russischen Uran in Aargauer Atomkraftwerken.

Fabian Hägler
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Eniwa-CEO Hans-Kaspar Scherrer am Stadtwerkekongress in Aarau.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Eniwa-CEO Hans-Kaspar Scherrer am Stadtwerkekongress in Aarau.

ZVG

«Niemand hätte sich vor ein paar Wochen einen derart schrecklichen Krieg in Europa vorstellen können, wie er nach dem russischen Angriff nun in der Ukraine herrscht». Das sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga am Stadtwerkekongress in Aarau, zu dem sich 200 Vertreterinnen und Vertreter von städtischen Energieversorgern, Behörden und Politik sowie Wirtschaft und Wissenschaft am Freitag trafen.

«Vielleicht wollte man das Risiko und die Abhängigkeiten in ihrer ganzen Tragweite auch nicht wahrhaben», ergänzte die Bundesrätin, die für mehr erneuerbare einheimische Energien warb. Hans-Kaspar Scherrer, CEO der Eniwa, die Aarau und umliegende Gemeinden mit Energie versorgt, wollte von Sommaruga wissen, wie sie zum Ausbau von Flusskraftwerken stehe. Die Eniwa plant den Ersatz ihres alten Kraftwerks an der Aare, dank neuer Maschinen soll die Produktion dort um 20 Prozent gesteigert werden – dies sei auch bei anderen Wasserkraftwerken möglich, sagte Scherrer.

Sommaruga sagte, es brauche bei Ausbauprojekten der Wasserkraft von Beginn weg einen Dialog zwischen Umweltorganisationen, Energieversorgern und Kantonen. Zudem müssten die Kraftwerksbetreiber auch Hand bieten für Ausgleichsmassnahmen, dann könnten die Naturschutzverbände auch Ja sagen zu solchen Projekten. Nach ihrem Auftritt konnte die AZ ein kurzes Interview mit Sommaruga führen.

Frau Bundesrätin, Sie waren am Stadtwerke-Kongress in Aarau – wie sinnvoll ist es, dass jede Stadt und fast jede grössere Gemeinde ihr Elektrizitätswerk hat? Und wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben dieser Werke?

Bundesrätin Simonetta Sommaruga: Die grosse Zahl der Elektrizitätswerke hat historische Gründe, aus meiner Sicht ist das positiv und gibt eine gewisse Nähe zur Bevölkerung. Die Werke spüren die Bedürfnisse der Menschen, und im Moment ist klar: Sehr viele Leute wollen weg vom russischen Gas. Ganz grundsätzlich ist der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit da, die Bevölkerung möchte mehr einheimische Energie und dafür weniger Öl und Gas importieren. Diese Umstellung fordert die Stadtwerke. Die Kundinnen und Kunden rufen an, wollen an das Fernwärmenetz angeschlossen werden oder auf ihrem Hausdach eine Fotovoltaikanlage installieren. Da können die Werke sie gut unterstützen.

Sie haben in Ihrem Referat auch die Sicherung der Energieversorgung angesprochen. Der Aargauer Energiedirektor Stephan Attiger fragte im letzten Herbst, wer für die Stromversorgungs-Sicherheit verantwortlich sei – was können Sie ihm sagen?

Die Aufgaben sind klar verteilt: Wenn es um die Rahmenbedingungen für die künftige Energieversorgung geht, ist die Politik gefordert. Wir haben in den letzten drei Jahren die Weichen gestellt, unter anderem mit dem neuen Energiegesetz. Damit haben wir dafür gesorgt, dass bis 2030 rund 11,7 Milliarden Franken zur Verfügung stehen, um einheimische Energien auszubauen. Dabei ist die Wasserkraft das Rückgrat, aber auch Fotovoltaik, Windenergie und Biomasse tragen dazu bei. Zugleich stehen 4 Milliarden Franken zur Verfügung, um Häuser energetisch zu sanieren und alte Öl- und Gasheizungen zu ersetzen.

Aber wer ist verantwortlich dafür, eine Stromlücke im Winter oder einen Gasmangel zu verhindern?

Beim Gas ist die Branche zuständig für den Einkauf. Wenn es zu einer Mangellage kommt, muss das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung im Wirtschaftsdepartement für die notwendigen Massnahmen sorgen. Beim Strom beaufsichtigt die Elektrizitätskommission den Markt. Die stark schwankenden Preise machen mir Sorgen, denn sie können bei den Stromunternehmen zu Liquiditätsengpässen führen. Das haben wir vor Weihnachten erlebt. Deshalb habe ich schon damals eine Task Force eingesetzt.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga im AZ-Interview.

Interview: Fabian Hägler / Video: Sergio Lüthi

Um eine Stromlücke im Winter zu verhindern, sind auch Gaskraftwerke im Gespräch. Die Aargauer Regierung hat heute einen Vorstoss zu einem möglichen Gaskraftwerk in Birr beantwortet. Dort steht schon eine Anlage, ist das ein Vorteil, wenn es um mögliche Standorte geht?

Der Bundesrat schlägt zwei Versicherungslösungen vor für einen Notfall. Einerseits soll in Speicherwasserkraftwerken eine gewisse Menge Wasser zurückgehalten werden, die dann im Notfall turbiniert und zu Strom gemacht werden kann. Diese Wasserkraftreserve steht bereits im kommenden Winter zur Verfügung. Dazu kommen Gaskraftwerke, die ebenfalls nur im Notfall eingesetzt werden sollen. Das Konzept dafür hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission erarbeitet, nun wird ein Betriebsplan erstellt. Es ist klar, dass bestehende Anlagen einen Vorteil haben, weil diese rascher einsatzfähig sind und die Baukosten entfallen. Das Bundesamt für Energie steht im Kontakt mit den möglichen Standortkantonen, auch mit dem Aargau.

Die SP Aargau fordert den Energiekonzern Axpo auf, kein Uran mehr aus Russland zu beziehen – wie stehen Sie zu einer solchen Forderung?

Zuerst müssen wir festhalten, dass wir nicht nur bei Öl und Gas zu 100 Prozent von ausländischen Importen abhängig sind, sondern auch beim Uran für die Atomkraftwerke. Die Vorstellung, dass wir mit dem Kauf von Gas und Uran den russischen Krieg mitfinanzieren, ist für viele fast unerträglich. Wie schnell ein Umstieg auf andere Uranlieferanten möglich ist, kann ich nicht einschätzen, diese Frage muss die Energiebranche beantworten. Auch dieses Beispiel zeigt aber, dass wir die Ausland-Abhängigkeit reduzieren müssen. Wir müssen stärker auf einheimische, erneuerbare Energie setzen. Das stärkt unserer Versorgungssicherheit und ist auch ein Beitrag gegen den Klimawandel.

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