Ein Spiel mit dem hungrigen Herzen. So umschreibt Markus Gisin, Abteilungschef Kriminalpolizei, jene Delikte, bei denen verliebte Männer und Frauen online um beträchtliche Geldsummen betrogen werden. Eines davon wird «Romance Scam» genannt. Die Zielgruppe sind vor allem Menschen, die sich online auf Kontaktplattformen anmelden, um andere Personen kennen zu lernen. Oft sind es Menschen, die sich seit langem nach einer Partnerschaft sehnen.

Die Strafanzeigen in diesem Bereich haben sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt, im Schnitt geht im Aargau alle ein bis zwei Wochen eine Anzeige ein. Dies sagte Gisin an der Medienkonferenz zur Jahresbilanz der Kantonspolizei. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, denn die Betroffenen empfinden oft Scham. Männer und Frauen seien gleichermassen betroffen, sagte Gisin. Die Betrugsmasche zahlt sich aus, allein im Jahr 2018 betrug die Deliktsumme 1,5 Millionen Franken.

Das Vorgehen ist dabei immer ähnlich: Die Betrüger bauen mit ihren späteren Opfern online so lange Kontakt auf, bis sie deren Vertrauen und Herz gewinnen. Wenn der Betrüger oder die Betrügerin sicher ist, dass die emotionale Abhängigkeit beim Opfer erreicht ist, machen sie eine plötzliche Notlage geltend. Sie schildern vermeintliche Unfälle, Krankheiten, Familienprobleme oder Schwierigkeiten mit Behörden. Die Opfer werden gebeten, so schnell wie möglich eine grosse Geldsumme zu überweisen. Zurück bleiben leere Konten und gebrochene Herzen.

Cyberkriminalität nimmt immer mehr zu

Cyberkriminalität nimmt immer mehr zu

Die Fälle steigen rasant an und es sind fast unendlich viele Betrüger. Die Fantasie der Betrüger scheint blühend zu sein.

Auf Enttäuschung folgt Erpressung

Selbst bei aufgeflogenem Schwindel und abgebrochenem Kontakt finden die Liebesbetrüger noch Wege, um ihre Opfer um hohe Geldsummen zu erpressen. Nicht selten werden die vermeintlichen Angebeteten vor dem Vertrauensbruch überredet, intime Fotos oder anzügliche Videos zu schicken. Brechen die Opfer den Kontakt schliesslich ab, drohen ihnen die Betrüger mit der Veröffentlichung dieser Dateien, sollte der verlangte Betrag nicht beglichen werden.

Den Strafverfolgungsbehörden sind bei dieser Art von Internetbetrug meist die Hände gebunden. «Da die E-Mails, Telefonnummern und Profile alle gefälscht, respektive anonymisiert sind und Zahlungen über Geldtransfer-Dienste wie Money-gram oder Western Union erfolgen, kann der Geldfluss nicht nachverfolgt werden», heisst es auf einem Informationsblatt der Schweizerischen Kriminalprävention. Der einzige Ratschlag: Man solle niemals Geld an Menschen überweisen, die man nicht persönlich kennt – egal, wie herzerwärmend deren Geschichte klingt.

Der «CEO-Betrug»

Auch Aargauer Firmen und Vereine wurden 2018 zum Ziel von Onlinebetrügern. Beim sogenannten «CEO-Betrug» ergaunerten diese letztes Jahr in sieben bis acht erfolgreichen Fällen 405 000 Franken. Dabei kontaktiert die Täterschaft – die meistens aus dem Ausland agiert – insbesondere Mitarbeitende aus der Finanzabteilung oder Vereinskassiere und gibt sich mit einer gefälschten Emailadresse als Direktor der Firma oder Präsident des Vereins aus. Unter einem Vorwand wie zum Beispiel der ausserplanmässigen Zahlung einer Rechnung wird der Mitarbeiter mit einer Überweisung ins Ausland beauftragt. In zwei Fällen gelang es den Ermittlern, Zahlungen von 200 000 Franken zu blockieren. Als Gegenmassnahme haben die Cyberermittler der Kantonspolizei gezielt Vereine aus dem Kanton Aargau angeschrieben und sie vor den Betrugsmaschen gewarnt.

Auch die Betrugsmasche des Microsoft-PC-Supports hat im 2018 zugenommen. Dabei melden sich vermeintliche Mitarbeiter einer IT-Firma um ein angebliches Problem zu lösen. Sie verlangen Zugriff auf den PC, wobei eine Schadsoftware installiert wird. Sobald die angerufene Person ihr E-Banking öffnet, setzt die Täterschaft zu illegalen Transaktionen an. Die Kantonspolizei Aargau war letztes Jahr mit 180 solchen Fällen konfrontiert, zirka jeder dritte war erfolgreich. Dabei wurden Summen von einigen hundert, bis zu zehntausenden von Franken gestohlen.

Der Enkeltrick

Jeden zweiten bis dritten Tag ging im letzten Jahr bei der Kantonspolizei eine Meldung über einen Enkeltrick-Betrugsversuch ein – also einen Fall, in dem vermeintliche Enkel oder sonstige Angehörige von Senioren diese überreden wollten, ihnen Geld zu schicken. Die registrierten Fälle hätten markant zugenommen, sagt Gisin. Dank der hohen Sensibilisierung in der Bevölkerung hätten die Täter selten Erfolg – dann sei die Schadensumme aber jeweils entsprechend hoch. Am meisten würden Menschen aus dem öffentlichen Telefonbuch angerufen, deren Vornamen «alt» klingen. Dabei seien Elisabeth, Ursula und Erika besonders beliebt.

Dass sich die Kriminalität ins Internet verschiebt, hat Auswirkungen auf die Rekrutierung bei der Polizei: «Wir suchen gezielt IT-Spezialisten, die eine Ausbildung auf Hochschulniveau mitbringen», sagt Kommandant Michael Leupold. Die Wahrscheinlichkeit, im Netz von Kriminellen angegangen zu werden, sei mittlerweile höher, als auf der Strasse angegriffen zu werden, bestätigt Kriminalpolizei-Chef Markus Gisin. Auch Regierungsrat Urs Hofmann sieht Handlungsbedarf: «Delikte im Cyberraum nehmen rasant zu. Auch die Aargauer Polizei muss hier aufrüsten, wollen wir nicht vor diesen neuen Kriminalitätsformen kapitulieren.»