Coronavirus
Intensivstationen fast voll, entkräftetes Personal – die Aargauer Spitäler haben die Katastrophe vor Augen

Die Aargauer Spitäler sind voll, viele Mitarbeitenden sind mit den Kräften am Ende – und die Zahlen steigen weiter.

Noemi Lea Landolt
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Die Betreuung von Covid-Patienten auf der Intensivstation braucht viel Personal.

Die Betreuung von Covid-Patienten auf der Intensivstation braucht viel Personal.

Alex Spichale

Am Wochenende haben Chefärzte verschiedener Schweizer Spitäler Alarm geschlagen. Das Gesundheitssystem sei überlastet und die Politik habe noch nicht verstanden, wie dramatisch die Situation in den Spitälern sei. Die Aargauer Spitäler unterschreiben diese Warnungen. Die Situation sei «dramatisch, weil die Personalsituation prekär ist», meldet das Kantonsspital Aarau (KSA).

Das Spital sei «rappelvoll mit Patientinnen mit komplexen Krankheitsbildern», meldet das Kantonsspitals Baden (KSB). «Wir betreiben aktuell neun Betten auf der Intensivstation, die allesamt belegt sind», meldet die Hirslanden Klinik Aarau. Und das Spital Muri teilt mit: «Am Montagmorgen waren vier der sechs Intensivbetten belegt – alle mit Covid-Patienten.»

Das KSB hat die Kapazität auf der Intensivstation wegen Covid bereits Anfang November von zehn auf 14 Betten erhöht. Aktuell sind alle belegt – zehn davon mit Covid-Patienten. Auch auf der Überwachungsstation liegen in allen 13 Betten Patienten. Dass die Betten voll sind, ist keine Momentaufnahme. KSB-Sprecher Omar Gisler sagt:

In den vergangenen Tagen hatten wir höchst selten freie Kapazitäten auf der Intensiv- oder Überwachungsstation.

Benötigt eine Patientin trotzdem ein Intensivbett, muss auf andere Spitäler im Aargau oder ausserhalb ausgewichen werden. «Solche Verlegungen werden zunehmend schwieriger, weil die Situation in anderen Spitälern ähnlich ist», sagt Gisler.

KSA musste zwei Intensivbetten stilllegen

KSA-Sprecher Ralph Schröder sagt, die Personalsituation sei aktuell die grösste Herausforderung. «Das medizinische Personal ist teilweise erschöpft und arbeitet seit Wochen an der Belastungsgrenze.» Dazu kämen krankheitsbedingte Ausfälle. Das Spital musste deshalb zwei Betten auf der Intensivstation vorübergehend stilllegen.

Am Montag waren 20 von 24 Intensivbetten am KSA belegt. In 14 Betten lagen Covid-Patienten. Auf der Überwachungsstation waren zehn von 21 Betten besetzt. Die Betten- und Belegungszahlen seien jedoch immer in Relation zu den verfügbaren Mitarbeitenden zu sehen, die diese Betten auch betreiben können müssten, sagt Ralph Schröder. Das unterstreicht Hirslanden-Sprecher Philipp Lenz:

Betten gibt es genug, limitierender Faktor ist das Spitalpersonal.

Auch Hirslanden musste wegen Ausfällen drei Intensivbetten stilllegen. Aktuell sehe die Personalsituation leicht besser aus als in den letzten zwei Wochen, sagt Lenz.

Das KSB musste wegen Personalausfälle noch keine Betten stilllegen. Gisler sagt aber: «Wir müssen damit rechnen, dass krankheitsbedingte Ausfälle zunehmen werden. Viele Mitarbeitende sind mit ihren Kräften am Ende.»

Im Kantonsspital Baden sind alle Betten auf der Intensivstation belegt.

Im Kantonsspital Baden sind alle Betten auf der Intensivstation belegt.

Alex Spichale

Keine Diskriminierung von Nicht-Covid-Patientinnen

Unbefriedigend für alle Spitäler ist, dass Operationen verschoben werden müssen. Gisler sagt: «Die grösste Herausforderung besteht darin, allen Patientinnen und Patienten – egal ob Covid oder Nicht-Covid – eine adäquate Behandlung bieten zu können.» Lenz von der Hirslanden sagt:

Es gilt, die vielen schwerkranken Nicht-Covid-Patienten, die ebenfalls dringend unsere Hilfe benötigen, nicht zu diskriminieren.

Die Spitäler hofften auf einen Rückgang der Fallzahlen vor den Festtagen. Doch die Ansteckungen steigen weiter. Am Wochenende sind im Aargau 992 neue Coronafälle registriert worden. Das sind mehr als letzte Woche, als der Kanton am Montag 839 Neuansteckungen meldete und deutlich mehr als vor zwei Wochen, als 720 neue Fälle registriert wurden.

Die konstant hohen Zahlen spüren die Spitäler. Das Gesundheitssystem sei trotz zusätzlichen Ressourcen an die Belastungsgrenze gelangt, sagt Gisler vom KSB. Einziger Lichtblick: Die letzte Eskalationsstufe ist noch nicht erreicht: «Wir befinden uns nicht im Katastrophenmodus», sagt er. «Noch nicht.»

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