Intensivstation
Kantonsspital Aarau muss wieder Operationen verschieben: «Nicht damit gerechnet, dass die vierte Welle so schnell kommt»

Schon während der ersten und zweite Welle der Coronapandemie mussten die Spitäler im Aargau zahlreiche Operationen verschieben, um Platz für Covid-Patienten zu schaffen. Nun wird dies am Kantonsspital Aarau erneut nötig: Viel schneller als erwartet, hat sich die Intensivstation mit schweren Coronafällen gefüllt.

Fabian Hägler
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Die Hälfte der Intensivbetten am Kantonsspital Aarau ist mit Covid-Patienten belegt.

Die Hälfte der Intensivbetten am Kantonsspital Aarau ist mit Covid-Patienten belegt.

Bild: Key / Montage: kob

Innerhalb einer Woche hat sich die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen der Aargauer Spitäler mehr als verdoppelt: Am Donnerstag waren laut Angaben des Kantons insgesamt 19 Betroffene in Intensivpflege. Zehn davon werden derzeit am Kantonsspital Aarau (KSA) behandelt, dem grössten Spital im Aargau.

Diese starke Zunahme hat Auswirkungen auf den Spitalbetrieb: das KSA muss zum dritten Mal seit Ausbruch der Pandemie wieder Operationen verschieben. In der ersten Welle im Frühling 2020 verbot der Kanton den Spitälern nicht dringliche Operationen, um genügend Plätze für Covid-Erkrankte freizuhalten. Im November 2020, auf dem Höhepunkt der zweiten Welle, verschob das Kantonsspital Aarau erneut nicht dringliche Eingriffe.

Coronapatienten belegen die Hälfte der Intensivbetten

Nun ist dies wieder nötig, wie Mathias Nebiker, Chefarzt Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau, im Gespräch mit der AZ sagt: «Derzeit werden zehn Coronapatienten bei uns auf der Intensivstation behandelt, sie belegen die Hälfte der Intensivbetten.» Bis auf eine Person sind alle ungeimpft. Das KSA sei für die vierte Welle vorbereitet und habe verschiedene Phasen definiert, sagt Nebiker.

Mathias Nebiker, Chefarzt Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau.

Mathias Nebiker, Chefarzt Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau.

Zvg / Aargauer Zeitung

«Allerdings haben wir nicht damit gerechnet, dass die vierte Welle so schnell kommt und so stark ausfällt. Deshalb sind wir jetzt bei der zweiten Eskalationsstufe angelangt. Das heisst, wir schaffen zwei zusätzliche Intensivbetten und verschieben zusätzlich einen Teil der nicht dringlichen Operationen.»

Laut Nebiker sagten mehrere Patienten, es sei ein grosser Fehler gewesen, sich nicht gegen Corona impfen zu lassen. «Die meisten haben sich nicht rechtzeitig um eine Impfung gekümmert. In den Sommermonaten herrschte womöglich eine gewisse Sorglosigkeit, zudem ist die Sensibilisierung für die Gefahren von Covid bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung offenbar nicht gelungen», sagt er.

Anästhesisten helfen auf Intensivstation und fehlen im OP-Saal

Lorenz Theiler, Chefarzt Anästhesie, erklärt das Problem, das sich bei der Aufstockung der Intensivstation ergibt. «Für die pflegerische Betreuung der zusätzlichen Intensivbetten wird das Anästhesiepersonal eingesetzt.» Dieses ist dafür nach den Intensivpflegekräften am besten ausgebildet. «Wenn wir Anästhesiepersonal für Intensivbetten verschieben müssen, fehlt dieses aber im Operationssaal und wir müssen deshalb nicht dringliche Eingriffe verschieben», sagt Theiler.

Lorenz Theiler, Chefarzt Anästhesie am Kantonsspital Aarau.

Lorenz Theiler, Chefarzt Anästhesie am Kantonsspital Aarau.

Zvg / Aargauer Zeitung

Ein weiteres Problem sieht Theiler darin, dass die vierte Welle mit grosser Wahrscheinlichkeit sehr lange dauern wird. «Wir können unser Personal, das jetzt schon stark belastet ist, nicht über Monate weiter stark belasten.» Schweizweit haben die Auswirkungen der zweiten und dritten Welle Pflegefachkräfte bewogen, aus dem Beruf auszusteigen. «Wir müssen unseren Pflegefachkräften deshalb Sorge tragen», sagt Theiler.

Am Donnerstag wurde am KSA entschieden, dass Operationen verschoben werden müssen. «Die betroffenen Patientinnen und Patienten werden von uns allen direkt kontaktiert, wir versuchen für sie möglichst rasch einen Ersatztermin zu finden», sagt Theiler weiter. Die Spitalverantwortlichen sind froh, dass viele mit Verständnis auf die Situation reagieren.

Kantonsspital Baden: Angespannte Lage, aber noch keine Verschiebungen

Auch im Kantonsspital Baden (KSB) hat die Zahl der Covid-Patienten und damit die Auslastung der Intensivstation zugenommen, wie Sprecher Omar Gisler auf Anfrage bestätigt.« Die Lage ist angespannt, das Personal stark ausgelastet, aber bisher müssen wir noch keine Operationen verschieben», sagt Gisler.

Die Spitalverantwortlichen beobachten die Lage laut dem Sprecher aber stetig und prüfen, ob ähnliche Schritt nötig seien wie in Aarau. «Wir hoffen, dass die vierte Welle bald etwas abflacht und keine Überlastung eintritt, aber auszuschliessen ist dies nicht», sagt Gisler

Andrée Friedl, Infektiologin am Kantonsspital Baden.

Andrée Friedl, Infektiologin am Kantonsspital Baden.

Zvg / Aargauer Zeitung

Andrée Friedl, Chefinfektiologin am Kantonsspital Baden (KSB), äusserte sich im Interview mit dem Regionaljournal von Radio SRF über die Patientinnen und Patienten, die momentan mit Corona im KSB liegen.

Sie sagte: «Der allergrösste Teil ist ungeimpft. Es sind jüngere Patienten als in der zweiten Welle.» Neun von zehn Covid-Patienten seien nicht geimpft. Die Altersspannweite dieser Patienten liegt im Kantonsspital Baden bei 40 bis 65 Jahren. Oft seien es Ferienrückkehrer oder auch Personen mit Migrationshintergrund.

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