Aktionswoche im Aargau

Integrationsexpertin Lelia Hunziker: «Niemand ist vor dem alltäglichen Rassismus gefeit»

Lelia Hunziker ist Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau.

Lelia Hunziker ist Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau.

Lelia Hunziker von der Anlaufstelle Integration sagt, in welcher Form Rassismus im Aargau häufig vorkommt, was sich dagegen tun lässt und warum uns das Thema alle angeht.

Eine ganze Woche gegen Rassismus, braucht es das? Hier, bei uns im Aargau? Auf jeden Fall, findet Lelia Hunziker. Die Leiterin der Anlaufstelle Integration sagt: «Alltagsrassismus ist verbreitet, niemand ist davor gefeit.» Auch sie nicht, wie sie sich immer mal wieder eingestehen müsse. Etwa dann, wenn sie einen dunkelhäutigen Mann automatisch mit Hochdeutsch anspricht. Oder dann, wenn sie eine Frau mit Kopftuch im ersten Moment mit Rückständigkeit und Unterdrückung in Verbindung bringt.

Hunziker beobachtet solche Tendenzen in ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft, an Schulen beispielsweise: «Kinder mit Migrationshintergrund werden unbewusst schlechter eingestuft als ihre Klassenkollegen. Wir wissen, dass viele der gängigen Stereotype nicht zutreffen, aber trotzdem sind sie tief in unseren Köpfen verwurzelt, durch rassistische Bilder, Kinder- und Schulliteratur – es ist eine soziale Prägung.» Den Betroffenen würden in diesen Momenten die persönlichen Merkmale abgesprochen. «Sie werden nicht als Individuen betrachtet, sondern alle in einen Topf geworfen.»

Die Bevölkerung zu sensibilisieren für die verschiedenen Formen rassistischer Diskriminierung ist denn auch das Hauptziel der schweizweit stattfindenden Aktionswoche gegen Rassismus. Auch im Aargau gibt es – rund um den internationalen Tag gegen Rassendiskriminierung vom Mittwoch – verschiedene Veranstaltungen. In mehreren Bibliotheken sind «Living Libraries» geplant. Die Idee: Menschen aus sieben verschiedenen Nationen lassen sich von Interessierten für kurze Zeit ausleihen, um aus ihrem Leben zu erzählen und Fragen zu beantworten (siehe Text unten). Dazu kommen das Forum Integration vom Mittwochabend im Roten Turm Baden und der Filmsonntag im Stadtmuseum Aarau.

Gespräche beim Znacht

Doch erreichen die Organisatoren mit der Aktionswoche nicht nur jenes Publikum, das ohnehin schon sensibilisiert ist? Ein Einwand, den Lelia Hunziker zumindest für das Forum vom Mittwoch in Baden nicht ganz zurückweisen will. «Dort bekehren wir wohl die Bekehrten, das stimmt.» Die «Living Libraries», die in der Vergangenheit jeweils sehr gut besucht gewesen seien, führten aber immer wieder zu Begegnungen zwischen Menschen, die sonst kaum je miteinander ins Gespräch kommen würden. Und zentral sei auch das Vermittlungsangebot für Schulen. «Wenn die Schülerinnen und Schüler danach das Gehörte nur kurz zu Hause beim Znacht ansprechen, haben wir schon viel erreicht.»

Die Anlaufstelle für Integration ist im Kanton Aargau zugleich die Anlaufstelle für Opfer rassistischer Diskriminierungen. Leiterin Lelia Hunziker spricht von stabilen Zahlen. Letztes Jahr waren es sechs Fälle, bei denen es ausschliesslich um rassistische Diskriminierung ging, in vielen Fällen handle es sich dabei um ein Unterthema. Am häufigsten sind Vorfälle bei der Wohnungs- und Jobsuche; ein ausländisch klingender Name kann da schnell einmal zum Handicap werden. Was Diskriminierungen bei den Betroffenen auslösen können, weiss Hunziker aus ihrem Beratungsalltag: «Frust, Trauer, Groll.» Dazu komme eine gewisse Resignation, weil der Eindruck entstehe, ohnehin nie ganz dazu zu gehören – egal, was sie tun. «Das ist fatal, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die ganze Gesellschaft.»

Mehr rassistische Vorfälle online

Seit 1995 gilt in der Schweiz die Rassismus-Strafnorm, wonach mit Geld- oder Freiheitsstrafe bestraft wird, wer öffentlich gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion zu Hass oder Diskriminierung aufruft. Die eidgenössische Fachstelle für Rassismusbekämpfung hält in ihrem Bericht fest: «Eine starke Zunahme von rassistischen Vorfällen lässt sich im Internet feststellen, insbesondere in den sozialen Medien, in Blogs oder in Online-Kommentarspalten von Zeitungen.» Ein Blick in die Datenbank der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus zeigt: Viele der kantonalen Entscheide aufgrund der Rassismus-Strafnorm gehen auf Facebook-Posts zurück. Die Hasskommentare richteten sich gegen Muslime, Juden, Dunkelhäutige.

Lelia Hunziker beobachtet auf der Facebook-Seite der Anlaufstelle Integration eine ähnliche Entwicklung. «Für mich ist schockierend, was online zum Teil geschrieben wird.» Regelmässig müssten Einträge gelöscht werden, die Anonymität führe zu einer Enthemmung. «Online schreiben gewisse Leute, was sie sonst nie sagen würden.» Hunziker betont aber auch: Im Aargau seien die schweren, strafrechtlich relevanten Fälle die Ausnahme. «Verstösse gegen die Rassismus-Strafnorm sind sehr selten.» Vielleicht liege dies auch daran, dass die Ratsuchenden bei der Anlaufstelle immer sorgfältig aufgeklärt würden, was es heisst diesen Weg zu gehen. Das sei anstrengend und aufreibend, sagt Hunziker. «Man muss bereit sein, sich zu exponieren. Das trauen sich nicht alle zu.»

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