Flüchtlinge im Aargau

Integrationsbeauftragte: «Wir haben sehr viele Anfragen von Leuten, die sich engagieren wollen»

Sie freut sich über die grosse Hilfsbereitschaft im Kanton.

Lelia Hunziker

Sie freut sich über die grosse Hilfsbereitschaft im Kanton.

Die Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau über die «neuen Wilden», einfache Fragen, die manchmal gar nicht so einfach zu beantworten sind, und darüber, wie im Aargau die Flüchtlingshilfe noch verbessert werden kann.

Die Frau, die den besten Überblick hat, was Freiwillige im Aargau für Flüchtlinge tun, heisst Lelia Hunziker. Die amtierende Aarauer Einwohnerratspräsidentin ist Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau. «Wir haben momentan sehr viele Anfragen von Leuten, die sich engagieren wollen», sagt Hunziker im Gespräch mit der az in ihrem Büro in der Altstadt Aaraus.

Da gibt es etwa die junge Aarauer Lehrerin, die angefragt hat und jetzt mithilft, Spielnachmittage für Flüchtlingskinder zu organisieren. Den Pensionär aus Baden, der anrief und jetzt unbegleitete Minderjährige begleitet. Die Pfadiabteilung, die jungen Afghanen, Syrern und Eritreern den Wald zeigen will.

Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Auch Kirchgemeinden, Vereine oder Nachbarschaftsgruppen melden sich. «Zuerst müssen wir jeweils herausspüren, was jemand will und kann», sagt Lelia Hunziker. Der Entschluss, «etwas für die Geflüchteten tun zu wollen», sei schnell gefasst – herauszufinden, was für einen das Richtige ist, daure hingegen seine Zeit.

Nicht jede Hilfe ist legal
Ging es in den letzten Monaten um Flüchtlinge im Aargau, ging es meistens nur um eines: deren Unterbringung. Ob der grossen Zahl von Asylsuchenden, die in Gasthäusern, Zivilschutzanlagen, Notspitälern und bald wohl auch in Containern auf ihren Entscheid warten – 4700 waren es Ende Februar –, gingen jene, die schon länger hier sind, in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unter. Gut 2000 Personen wurden im Aargau vorläufig aufgenommen, weil ihre Rückführung nicht zumutbar ist; 1700 wurden als Flüchtlinge anerkannt und erhielten Asyl.

Die Flüchtlingswelle löste zwei Reaktionen aus: Viele Aargauer wollen die Fremden nicht vor ihrer Haustür haben – und viele andere wollen sich freiwillig für sie engagieren. Dabei hat Lelia Hunziker eine neue Gruppe festgestellt: die «neuen Wilden», wie sie sie nennt. «Sie sind gut vernetzt und helfen sehr selbstständig. Sie wollen sich aber nicht langfristig verpflichten», charakterisiert Hunziker diesen Helfertyp.

Auf ihrer Homepage führt die Anlaufstelle Integration Aargau jetzt eine Liste, in der sie alle ihr bekannten Projekte zusammenträgt, bewährte und neue. Ziel wäre eine ausführlichere Datenbank – um eine solche zu erstellen, hat aber bislang die Zeit gefehlt. Denn: Flüchtlinge gehören eigentlich nicht zum Kernauftrag der Fachstelle, die als politisch und konfessionell neutraler Verein organisiert ist und von Kanton und Gönnern finanziert wird. Das Gesetz besagt, dass nur integriert werden darf, wer sich nicht mehr im Asylprozess befindet, wer also mindestens einen F-Ausweis hat (vorläufig aufgenommen).

Gleichzeitig haben Lelia Hunziker und ihr Team offiziell den Auftrag, alle Schweizer Bürger, die sich mit Fragen an sie wenden, zu beraten – und zwar auch dann, wenn es sich um Fragen zu einem Asylsuchenden ohne Entscheid handelt. «Es ist deshalb für uns manchmal schwierig, eine klare Trennung zu machen», sagt Hunziker.

Darf die Pfadi Zvieri offerieren?
Die, die helfen wollen, haben viele Fragen, und oftmals sind es ähnliche. Es geht um vermeintlich Einfaches wie: Darf die Pfadi ihrer Flüchtlingsgruppe einen Zvieri offerieren? Wenn ja: was für einen? Sind die Teilnehmer ausreichend versichert, falls im Wald etwas passieren sollte? Manchmal wird es aber auch komplizierter: Familiennachzug, Diplomanerkennung, Zwangsheirat. In diesen Fällen sind die Freiwilligen auf professionelle Fachberatung angewiesen.

Die Fachleute der Anlaufstelle und auch der Kanton haben inzwischen bemerkt, dass es bei aller Euphorie über die grosse Hilfsbereitschaft auch Regeln braucht. Hunziker kann sich etwa eine Liste mit anerkannten Initiativen vorstellen – auf der Liste würde dann nur aufgeführt, wer festgelegte Aufnahmebedingungen erfüllt. Es gehe nicht darum, «unkomplizierte Hilfe zu verkomplizieren», sondern darum, für alle Beteiligten Verlässlichkeit zu schaffen.

Viele, die helfen wollten, würden sich etwa nicht mit den Grundlagen unseres Asylsystems und den verschiedenen Aufenthaltsbewilligungen auskennen. «Hier könnte es beispielsweise sinnvoll sein, Helferinnen und Helfern eine Schulung zu geben, in der sie solche Fakten und die wichtigsten Grundlagen zu Themen wie Geschlechterrollen, Trauma oder Deutschvermittlung erhalten», sagt Hunziker. Bedenken müsse man aber, dass man damit den Kanton nicht aus der Pflicht nehmen dürfe: «Freiwillige können nicht alles übernehmen.»

20 Massnahmen vorgeschlagen

Derzeit berät die Ende 2015 gegründete Task-Force Flüchtlingswesen, bestehend aus Vertretern von Kanton und Gemeinden, Verbesserungen in fünf Themenbereichen: Betreuung, Bildung, Beschäftigung, Arbeitsmarkintegration – und eben Freiwilligenarbeit. Die Arbeitsgruppe Freiwilligenarbeit prüft derzeit, «wie man das zivilgesellschaftliche Engagement im Flüchtlingsbereich verstärken kann», wie Barbara Cavelti vom Aargauer Amt für Migration und Integration erklärt.

Recherchen der az zeigen: Diskutiert wird auch die Einrichtung einer externen Koordinationsstelle. Peter Buri, Sprecher der Task-Force, bestätigt: «Im Bereich der Freiwilligenarbeit wird unter anderem auch die Idee einer zentralen Koordinationsstelle geprüft.» Die Task-Force habe «in den letzten Wochen Vorschläge zuhanden des Regierungsrats für rund 20 Massnahmen erarbeitet».

Ein Teil davon könnte rasch umgesetzt werden, andere bräuchten mehr Zeit. Buri erklärt: «Der Regierungsrat wird die Vorschläge nun beraten. Anschliessend wird die Öffentlichkeit informiert.»

Nach wie vor melden sich bei der Anlaufstelle Integration Aargau fast täglich Personen und Gruppen, die sich für die Geflüchteten engagieren wollen. «Es macht extrem Freude, das zu sehen», sagt Lelia Hunziker – und hofft, dass sie vor lauter Hilfsbereitschaft nicht bald den Überblick verliert.

Verwandte Themen:

Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

Meistgesehen

Artboard 1