Integration
«Wenn der Wille spürbar ist, dann freu ich mich» – darum gibt ein Wettinger Unternehmer Flüchtlingen Lehrstellen

Lehrstellen sind für Flüchtlinge oft der einzige Weg, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und von der Sozialhilfe weg zu kommen. Doch viele Betriebe tun sich schwer damit, Flüchtlinge einzustellen. Nicht so Daniel Huser aus Wettingen.

Raphael Karpf
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Daniel Huser mit noch Lehrling Mahdi Davoodi. Fürs Bild haben sie Ihre Masken kurz abgenommen.

Daniel Huser mit noch Lehrling Mahdi Davoodi. Fürs Bild haben sie Ihre Masken kurz abgenommen.

Foto: Sandra Ardizzone

Die Lehre zum Spengler EBA gibt es weder im Iran noch in Afghanistan. Dort ist Mahdi Davoodi aufgewachsen, zuletzt arbeitete er im Iran in einer Steinfabrik, zwischendurch auf Baustellen.

Vor sechs Jahren kam der heute 29-jährige Davoodi in die Schweiz. Er fand ein Zuhause in Klingnau. Er besuchte Deutschkurse und schnitt für die Gemeinde die Büsche in der Badi oder half beim Aufräumen.

Doch um wirklich im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, musste eine Ausbildung her. Denn was er in seiner Heimat gemacht hatte, zählt in der Schweiz nicht. Mit der Lehre wollte es aber einfach nicht klappen. 20, 30 Bewerbungen schickte Davoodi ab. Als Logistiker, als Pfleger im Altersheim. Nur Absagen.

Einiges hat sich getan, um Integration zu erleichtern

Dabei hat sich gerade bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren extrem viel getan, sagt Michele Puleo, Geschäftsleiter von Integration Aargau.

Verschiedene Hürden wurden abgebaut: Arbeitgeber brauchen keine Bewilligung mehr, um einen Flüchtling einzustellen. Eine Anlaufstelle beim Kanton wurde geschaffen. Diese klärt für Betriebe ab, welche Lücken ein Flüchtling für eine Lehre noch schliessen muss und organisiert gleich die entsprechenden Kurse. Auch sonst kümmert sich diese Stelle um sämtlichen Papierkram. Und nicht zuletzt beginnen Geflüchtete dank der abgekürzten Asylverfahren viel früher damit, Deutsch zu lernen.

Trotzdem gibt es immer noch diese Hürde. Viele Flüchtlinge bekommen gar nie die Chance, sich in einer Lehre zu beweisen. Puleo:

«Es braucht weitere Sensibilisierung. Wir müssen aufzeigen, wie wichtig es ist, Geflüchteten eine Chance zu geben.»

Um Arbeitgebende genau dafür zu sensibilisieren, lautet das Thema am Flüchtlingstag diesen Samstag «Lehre statt Leere». Über 40 Freiwilligenorganisationen und Private werden mit Standaktionen, Gottesdiensten und Podien im ganzen Kanton auf das Thema aufmerksam machen.

«Wenn der Wille spürbar ist, ist es mir egal»

Davoodi bekam schliesslich Unterstützung einer Freiwilligen. Sie machte ihn darauf aufmerksam, dass er mit seinen Deutschkenntnissen nach einer EBA Lehre suchen müsse, nicht nach einer EFZ. Und sie war es, die den Kontakt zu der Huser Gebäudetechnik AG in Wettingen und zu Geschäftsinhaber Daniel Huser herstellte.

Mühe damit, seine Lehrstellen zu besetzen, hat Daniel Huser eigentlich keine. Die Gebäudetechnik boomt, die Nachfrage ist auch bei Jungen konstant. Doch er sah die Sache pragmatisch:

«Wenn die Fähigkeiten vorhanden sind und der Wille spürbar ist, dann freue ich mich, dass jemand diesen Beruf lernen will. Egal ob Schüler oder Flüchtling.»

Andere Branchen suchen händeringend nach Nachwuchs. Tausende Lehrstellen bleiben jedes Jahr unbesetzt. Und gerade für Branchen mit Nachwuchsproblemen seien Flüchtlinge eine riesige Chance, sagt Puleo von Integration Aargau.

Dann seien Lehrstellen für Flüchtlinge in dreifacher Hinsicht sinnvoll: für die Flüchtlinge, wegen der besseren Integration, für den Sozialstaat, weil die Person auf eigenen Beinen steht, und nicht zuletzt auch für die Betriebe. «Anstatt Leute aus dem Ausland zu engagieren, würden wir besser das Potenzial im Inland ausschöpfen», so Puleo.

Davoodi wurde schliesslich von seiner freiwilligen Unterstützung gefragt, ob er eine Lehre als Spengler machen würde. «Ich wusste nicht, was ein Spengler ist. Aber ich dachte mir, ich gehe hin und schaue es mir an.»

Es folgte eine Woche Schnuppern. Davoodi gefiel die Arbeit mit den Blechen auf der Baustelle, und für Huser wurde schnell klar: Das manuelle bei Davoodi passt, darauf kann man aufbauen. Er bietet ihm ein Praktikum und schliesslich die EBA Lehre an. Diesen Sommer hat Davoodi erfolgreich abgeschlossen.

Die Sprache ist eine der grössten Hürden

Die grösste Hürde war zu Beginn die Sprache. Trotz Deutschkursen: Die Verständigung war zu Beginn schwierig. Nun, zwei Jahre später und sehr zur Freude des Chefs, versteht Davoodi praktisch jedes Wort und kann sich gut ausdrücken.

Das war aber mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Davoodi war nebst einem Tag in der Schule noch einen zusätzlichen Halbtag in einem Deutschkurs. Ein zusätzlicher Halbtag, an dem er im Betrieb fehlte. Darum sagt Huser auch: «Es wäre falsch, würde ich sagen, jeder könne einfach kommen und eine Lehre machen.» Es müsse schon passen: vom Menschlichen, von den Fähigkeiten, das Zusammenspiel mit den Arbeitskollegen. Und vor allem das Interesse müsse vorhanden sein.

Um genau solche Fragen zu klären, gibt es Schnupperlehren und Praktika. Doch wenn alles passe, so Huser: «Dann empfehle ich es jedem Betrieb, einen Flüchtling einzustellen.»

Davoodi kann nach seinem Abschluss im Betrieb bleiben. Er könnte aber auch noch eine EFZ Lehre als Spengler anhängen. Die Deutschkenntnisse dazu hat er mittlerweile. Entschieden hat er sich noch nicht. Die Möglichkeiten stehen ihm offen.

Weitere Infos zum Flüchtlingstag finden Sie hier.

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