Das Jahr 2017 mit einem Rekorddefizit von 724 673 Franken war das bisher schwierigste für die Stiftung Frauenhaus Aargau-Solothurn. Es stellte sich die Frage, ob es der Stiftung 2018 gelingen würde, das Steuer herumzureissen. Als die beiden Trägerkantone Aargau und Solothurn Anfang 2019 mitteilten, dass die Leistungsvereinbarung mit der Stiftung nur befristet verlängert werde, war das nicht gerade ein Vertrauensbeweis und kein Zeichen für eine sichere Zukunft des Frauenhauses.

Die befristete Leistungsvereinbarung war an Auflagen geknüpft: Die Stiftung unter neuer Führung musste den Kantonen beweisen, dass sie trotz negativer Schlagzeilen in den letzten Jahren wegen unzufriedener Mitarbeiterinnen, häufiger Wechsel in der Geschäftsleitung und Rekorddefizits eine verlässliche Partnerin ist.

Trotz guter Auslastung resultierte ein Defizit

Der Stiftungsrat, der nach den Turbulenzen der Vergangenheit bis auf ein Mitglied neu und breiter aufgestellt ist, hat die geforderten Belege innert der vorgegebenen Frist vorgelegt. «Wir haben ein 200-seitiges Dokument eingereicht», sagt die neue Stiftungsratspräsidentin Janine Sommer. Das erste halbe Jahr sei arbeitsintensiv gewesen, habe aber gezeigt, dass der Stiftungsrat funktioniert und als Gremium das gleiche Ziel verfolgt: das Frauenhaus so aufzustellen, dass es als Institution eine Zukunft hat.

Einen ersten Erfolg konnte der Stiftungsrat bereits verzeichnen. Im Juli habe ein Gespräch mit Vertretern beider Kantone stattgefunden. «Sie waren zufrieden und wollen mit uns weiterarbeiten», sagt Sommer. Gesichert ist die Zukunft der Stiftung damit aber nicht. Das Defizit betrug letztes Jahr 150 002 Franken.

Im Vergleich zu 2017 ist das zwar fast eine halbe Million Franken weniger, aber immer noch weit entfernt von einer schwarzen Null. «Es ist uns nicht gelungen, das Frauenhaus kostendeckend zu betreiben, obwohl es das ganze Jahr gut ausgelastet war», sagt Sommer. Mit den heutigen Tarifen, die das Frauenhaus pro Frau beziehungsweise Kind erhält, sei ein kostendeckender Betrieb aber schlicht nicht möglich.

«Unsere Kalkulationen, die wir auch den Kantonen vorgelegt haben, zeigen klar, dass es eine Tarifanpassung braucht», sagt sie. «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und die Anforderungen erfüllt, die uns die Kantone auferlegt haben. Deshalb sind wir jetzt in einer Position, in der wir auf Augenhöhe mit den Kantonen verhandeln können.»

Tarife für die Kinder sind halb so hoch wie jene für die Frauen

Der Stiftungsrat verlangt nicht nur höhere Tarife, sondern auch gleich hohe Tarife für Kinder und Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht finden. Im Moment sind die Tarife für Kinder halb so hoch wie jene für die Frauen. Der Kanton Aargau bezahlt für eine erwachsene Person 310 Franken und für ein Kind 147 Franken. Der Kanton Solothurn 307 Franken für Erwachsene und 146 Franken für Kinder. Diese Rechnung gehe nicht auf, sagt Sommer. «Auch Kinder belegen einen Platz und auch sie müssen während der Zeit im Frauenhaus intensiv betreut werden.»

Im September kommen die Verantwortlichen noch einmal zusammen, um über neue Tarife zu verhandeln. «Damit wir weiter wirtschaften können, müssen die Tarife erheblich erhöht werden», sagt Sommer. «Passiert das nicht, ist der Fortbestand des Frauenhauses ungewiss.» Ungewiss bedeute nicht, dass das Frauenhaus gleich geschlossen werde. «Er heisst aber, dass wir nicht einfach im gleichen Umfang wie bisher weitermachen können, wenn der Betrieb Jahr für Jahr defizitär ist.»

Das sei in der Privatwirtschaft auch nicht möglich. «Man kann nicht an etwas festhalten, das rein wirtschaftlich betrachtet nicht funktioniert.» Eine Institution müsse gesund sein, um eine Zukunft zu haben und sich entwickeln zu können. Sommer zählt darum auch auf die Unterstützung der Bevölkerung. «Wir hoffen, dass wir durch Spendengelder Projekte des Frauenhauses finanzieren können.»

Die Stiftungsratspräsidentin ist im Hinblick auf die Verhandlungen «verhalten optimistisch». Sie ist überzeugt, dass sich die Kantone und die Gesellschaft bewusst sind, dass es das Frauenhaus braucht. «Die Kantone müssen sich nun die Frage stellen, wie viel es ihnen wert ist, eine solche Institution am Leben zu halten.»

Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn – mit dieser Fotoserie gewann Sandra Ardizzone den Medienpreis 2018:

Kampf um Sockelbeiträge muss Politik führen

Das Frauenhaus war auch Thema am Frauenstreik am 14. Juni. Im Aargauer Manifest forderten die Streikenden Sockelbeiträge, wie es sie zum Beispiel im Kanton St. Gallen gibt. Diese Sockelbeiträge würden unabhängig von der Belegung fliessen und somit auch bei schwankender Auslastung für Planungssicherheit sorgen. Im kantonalen Betreuungsgesetz sind Sockelbeiträge allerdings nicht vorgesehen.

Für Sommer war deshalb von Anfang an klar, dass sie in den Verhandlungen mit den Kantonen bei den Tarifen ansetzen wird. «Als Stiftung haben wir gar keine andere Möglichkeit.» Was die Sockelbeiträge betreffe, müsse die Politik aktiv werden und eine Gesetzesänderung vorantreiben.

Das ist bisher nicht geschehen. Grossrätin Gertrud Häseli (Grüne) kündet aber an, dass ein entsprechender Vorstoss an der ersten Sitzung nach der Sommerpause am 27. August eingereicht werde.