Gleichstellung von Behinderten
«Inklusive Bildung ist bis auf weiteres ein Kampfgebiet»

Der neu gegründete Verein «Inklusion Aargau» lud zur Podiumsdiskussion zum Stand der Dinge im Kanton.

Jörg Meier
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Carmen, die Tochter von Vereinspräsident Eric Scherer, an ihrem ersten Kindergartentag im August 2018 mit ihrer Mutter Claudia Casanova. Bild: Sandra Ardizzone

Carmen, die Tochter von Vereinspräsident Eric Scherer, an ihrem ersten Kindergartentag im August 2018 mit ihrer Mutter Claudia Casanova. Bild: Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Eric Scherer ist Präsident von «Inklusion Aargau» und Vater einer Tochter mit Trisomie 21. Als Einstieg in die erste Veranstaltung des neuen Vereins erzählte er aus der Sicht eines Betroffenen, wie sehr im Aargau die Inklusion noch in den Kinderschuhen stecke. Zwar habe sich der Regierungsrat zum Grundsatz der Inklusion bekannt.

Jedoch sei die aktuelle Situation im Kanton Aargau für Kinder mit besonderen Bedürfnissen von Ungewissheit und Willkür geprägt. «Eltern müssen bereits ab dem ersten Kindergartenjahr Angst haben, dass ihr Kind nicht in die Regelschulen aufgenommen oder nur reduziert beschult wird», sagte Scherer und schilderte, wie seine Tochter erst in den Regelkindergarten durfte, nachdem er einen Rechtsanwalt eingeschaltet hatte. Dabei sei doch das Prinzip der Inklusion im Behindertengleichstellungsgesetz von 2004 genau geregelt; und die Schweiz habe zudem 2014 als 144. Staat die UNO-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet.

Inklusion steckt noch in den Kinderschuhen

Die Realität im Aargau aber sehe anders aus, sagte Scherer. «In unserem Kanton ist die Inklusion ein Glücksspiel.» So schaffe es nur jedes zehnte Kind mit Downsyndrom in eine Regelklasse. Entscheidende Faktoren seien etwa Wille und Ausdauer der Eltern im Kampf gegen die Bürokratie, ihre finanziellen Möglichkeiten, um sich das Recht erstreiten zu können, aber vor allem die Haltung von Schulen und Lehrpersonen im Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen. «Inklusive Bildung ist bis auf weiteres ein Kampfgebiet», resümierte Scherer.

Rund 50 Interessierte, meist betroffene Eltern oder Fachleute, besuchten die erste Veranstaltung des Vereins «Inklusion Aargau». Der Verein will sich für Kinder mit besonderen Bedürfnissen einsetzen, die im Aargau bisher keine Lobby hatten. Der grosse Besucheraufmarsch bestätige, dass der Verein einem Bedürfnis entspreche, sagte Vorstandsmitglied Claudia Casanova, welche die Podiumsdiskussion im «Aarauerhof» in Aarau moderierte.

Sie verstehe die Wut vieler Eltern, sagte Denise Widmer, Leiterin der Gesamtschule Suhr. Inklusion stecke tatsächlich noch in den Anfängen. In der Politik sei das Menschenbild noch nicht angekommen; monetäre Argumente dominierten. «Deshalb darf man nicht einzelne Lehrpersonen zum Sündenbock machen», sagte Widmer, «es sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Inklusion oft verunmöglichen.» Zudem sei Inklusion nicht bei jeder Beeinträchtigung möglich.

John Steggerda, Leiter der Pro Infirmis AG/SO, wies auf den Unterschied zwischen Integration und Inklusion hin: Die Inklusion bedeute mehr als nur integrative Schulung. Inklusion sei eine andere Wertorientierung, ein neues Gesellschaftsmodell, das erst im Entstehen sei. Gian-Claudio Crifo sprach aus der Sicht eines betroffenen Vaters. Er erzählte, wie belastend es für seinen autistischen Sohn, aber auch für die betroffenen Eltern sei, wenn es überall heisse «luege mer emol», wenn der Bub irgendwo mitmachen möchte: in der Regelklasse, in der Bibliothek, beim Fussball.

CVP-Grossrat André Rotzetter spielte den Ball auch ans Publikum zurück: «An der Situation ist auch das Stimmvolk mitschuldig», sagte Rotzetter, denn es habe im Aargau ein Parlament gewählt, das andere Prioritäten setze. Einig war sich die Runde, dass schulische Inklusion dann erreicht ist, wenn es die Sonderschule gar nicht mehr braucht. Die Stadt Basel macht es vor: Dort brauchen heute nur noch gerade 4 Prozent der Kinder eine separative Schulung. Im Aargau sind es noch immer rund 30 Prozent.

Grossratswahlen bieten die Möglichkeit zur Korrektur

Für Grossrätin Maya Bally (BDP) ist klar, dass eine solche «Schule für alle» entsprechende Strukturen, Ressourcen und Lehrpersonen braucht. «Sonst kann man den Kindern gar nicht gerecht werden», sagte Bally. Schulleiterin Denise Widmer zeigte auf, wie schwierig Inklusion an der Regelschule ist, wenn die Ressourcen fehlen, auch wenn die Lehrpersonen sich noch so sehr einsetzen. Zudem spürten die Schulen den akuten Lehrermangel. «Wir haben über ein Jahr lang eine schulische Heilpädagogin gesucht», sagte Widmer. «Auf die Ausschreibung erhielten wir eine einzige Bewerbung. Von einer nicht deutsch sprechenden Krankenschwester aus Osteuropa.»

Die intensiv geführte Debatte und die zahlreichen emotionalen Beiträge aus dem Publikum machten an der Podiumsdiskussion klar, dass da viel Arbeit auf den neuen Verein «Inklusion Aargau» zukommt. Schulleiterin Denise Widmer, früher auch SP-Grossrätin, gab den Anwesenden gleich einen ersten Auftrag mit: «Offensichtlich fehlt bisher der politische Wille im rechtsbürgerlich dominierten Grossen Rat. Nächstes Jahr sind Grossratswahlen. Ziehen wir die Konsequenzen und stellen wir die Weichen richtig.»