Im Kanton Aargau leben 119'000 Menschen, die über 65 Jahre alt sind. In rund 15 Jahren wird bereits mehr als ein Viertel der Aargauer Bevölkerung 65-jährig oder älter sein. Doch wer künftig einfach von «Senioren» spricht, wird dieser Altersgruppe nicht mehr gerecht. «Zum ersten Mal erleben wir zwei Generationen, die alt sind», sagt Christina Zweifel, Leiterin der kantonalen Fachstelle Alter und Familie beim Kanton. «Es ist bald schon üblich, dass jüngere Seniorinnen und Senioren ihre betagten Eltern betreuen oder pflegen.»

Deshalb spreche man in der Gerontologie vom dritten und vom vierten Lebensalter: Fitte Seniorinnen und Senioren, die keine Unterstützung brauchen, werden zum dritten Lebensalter gezählt. Menschen, die sich in der Phase der zunehmenden Fragilisierung und Hilfsbedürftigkeit befinden, gehören zum vierten Lebensalter.

Die beiden Generationen haben unterschiedliche Lebensgeschichten, Interessen und Ressourcen. Häufig ist das Einzige, was sie verbindet, die Tatsache, dass sie AHV-Bezüger sind. Diese Heterogenität des Alters habe zur Folge, dass die flächendeckende und gleichzeitig zielgruppenspezifische Information der über 65-Jährigen sich als grosse Herausforderung erweise, sagt Zweifel.

Dienstleistungen sind ungenügend koordiniert

Die Angebote und Dienstleistungen für ältere Menschen sind zahlreich, vielfältig und sehr unterschiedlich. Die Palette reicht etwa von der Unterstützung im Haushalt über Mahlzeiten- und Fahrdienste bis hin zu Besuchsdiensten. Auch die Angebote der ambulanten Pflege von gemeinnützigen und privaten Spitexorganisationen gehören dazu, aber auch gesellige Angebote wie Altersturnen oder Ferienreisen, Einsätze als Freiwillige oder die Hilfe im Umgang mit der täglichen Bürokratie.

Diese Vielfalt der Angebote, aber auch die Komplexität des Systems machen es für ältere Menschen schwer, den Überblick zu bewahren: So werden Teile der ambulanten Pflege über die Krankenversicherung bezahlt, gewisse Zusatzversicherungen bezahlen einen Beitrag an die Haushaltshilfe, andere nicht; der Fahrdienst des Roten Kreuzes fährt nur in medizinischen Fällen, gewisse Mahlzeitendienste liefern nur kalt. Die Reihe liesse sich leicht fortsetzen, sagt Christina Zweifel.

Erschwerend kommt hinzu, dass ältere Menschen eine Dienstleistung aufgrund eines Unfalls, einer Krankheit oder aufgrund schwindender Kräfte oft rasch brauchen und sich nicht immer frühzeitig informiert haben.

Das führt dazu, dass ältere Menschen vielfach überfordert sind, wenn es darum geht, die für sie passenden oder notwendigen Dienstleistungen zu organisieren. Obschon in vielen Fällen passende Angebote vorhanden wären.

Oft wüssten aber auch nicht einmal die verschiedenen Organisationen genau voneinander, wer was anbietet: «Die Akteure reden oft nicht genug miteinander», sagt Christina Zweifel. «Manchmal weiss die Spitex nicht, was Rotes Kreuz oder Pro Senectute alles anbieten, und umgekehrt.»

So erstaunt es auch nicht, dass eines der wichtigsten am 5. Aargauer Alterskongress formulierten Anliegen der Senioren ein besserer Zugang zu den relevanten Informationen über Beratungs- und Unterstützungsangebote war.

Anlaufstelle der Pro Senectute ist noch zu wenig bekannt

Im Pflegegesetz ist verankert, dass jede Gemeinde im Kanton Aargau eine Anlauf- und Beratungsstelle für Altersfragen stellen muss. Welche das ist und wie sich Gemeinden organisieren, ist hingegen frei. 170 der 210 Aargauer Gemeinden haben diese Aufgabe an die Pro Senectute delegiert und einen entsprechenden Leistungsvertrag mit Pro Senectute Aargau abgeschlossen. «Es ist wichtig, dass es eine Stelle gibt, bei der sich ältere Einwohnerinnen und Einwohner sowie deren Angehörige informieren können, welche Dienstleistungen existieren, welche Organisationen und Firmen sie anbieten», sagt Christina Zweifel.

Auch der Kanton habe ein grosses Interesse daran, dass ältere Menschen länger zu Haus wohnen und in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Zum einen, weil dies für die Betroffenen mehr Lebensqualität und Wohlgefühl bedeutet, und zum anderen sind langjährige Aufenthalte in Pflegeheimen mit hohen Kosten für alle Beteiligten verbunden.

Aber offensichtlich wissen viele ältere Menschen nicht, welche Informationen sie bei dieser von der Pro Senectute Aargau betriebenen Anlaufstelle abholen können; und die Pro Senectute verfügt nicht immer über alle Informationen über sämtliche Dienstleistungen im Dorf oder der Region. Warum ist das so?

«Da besteht tatsächlich ein richtiger Informations-Dschungel», bestätigt Xaver Wittmer, Fachverantwortlicher Sozialberatung der Pro Senectute Aargau. Das sei aber kein spezielles Phänomen, das nur Seniorinnen und Senioren betreffe. Sondern man kenne das auch aus anderen sozialen Bereichen: «Viele soziale Institutionen und Angebote sind von der Basis her entstanden, sie sind häufig auch von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich.» Die nachträgliche Koordination sei deshalb ziemlich anspruchsvoll.

Auch die Gemeinden könnten besser informieren

Sensibilisiert durch die Erkenntnisse aus dem fünften Aargauer Alterskongress hat der Kanton inzwischen gehandelt: Um die Anlauf- und Beratungsstelle für Altersfragen, welche die Pro Senectute Aargau im Auftrag von 170 Gemeinden betreibt, bekannter zu machen, hat man im Juni in Arztpraxen, Apotheken und Drogerien Visitenkarten mit der Telefonnummer der Anlaufstelle aufgelegt. 35 000 Karten mit der Nummer 0848 40 80 80 wurden insgesamt verteilt. Die Aktion laufe gut, sagt Christina Zweifel; bereits seien erste Nachbestellungen eingegangen.

Das sei eine gute Sache, findet auch Xaver Wittmer, weil gleichzeitig auch die Ärzte und Apotheker über die am häufigsten genutzten Anlauf- und Beratungsstellen informiert wurden.
Wittmer nimmt auch die Gemeinden in Pflicht: «Die Gemeinden könnten selber vermehrt aktiv werden und regelmässig publik machen, was es an Angeboten für ältere Menschen in den Gemeinden gibt und wo man sich informieren kann.»