In keinem anderen Kanton wurden in den letzten 130 Jahren mehr Armeeangehörige ausgebildet als im Aargau. Dank der drei Waffenplätzen Aarau, Brugg und Bremgarten war der Kanton lange Zeit ein fruchtbares Rekrutierungsfeld für das Militär. In den letzten Jahren gingen die Zahlen schweizweit aufgrund von Reform- und Abbaumassnahmen bei der Armee zurück. 2016 haben insgesamt 2440 Armeeangehörige im Aargau eine Rekrutenschule absolviert, das sind 14 Prozent weniger als noch 2010.

Diese Entwicklung steht jedoch in keinem Verhältnis zum bevorstehenden Rückgang im Jahr 2018: Dann wird sich die Anzahl ausgebildeter Rekruten im Aargau mehr als halbieren und auf etwa 1000 Personen zusammenschrumpfen. Der Hauptgrund für den Exodus ist die Verlegung der Infanterie-Schule aus Aarau, die im vergangenen Jahr fast 60 Prozent aller ausgebildeten Rekruten im Kanton ausmachte.

Der Waffenplatz Aarau muss bald ohne Infateristen auskommen.

Der Waffenplatz Aarau muss bald ohne Infateristen auskommen.

Am Montag werden zum allerletzten Mal in Aarau rund 550 angehende Füsiliere in die Sommer-RS einrücken. Nach über 200 Jahren ist am 20. September Schluss mit der infanteristischen Ausbildung im Aargau – so, wie schon 1872 jene der Artillerie und 1972 jene der Kavallerie in Aarau zu Ende gegangen war. In Militärkreisen wird der Wegzug ausserordentlich bedauert. Peter Balzer, Präsident der Aargauischen Offiziersgesellschaft spricht von einem «herben Verlust» für den ganzen Kanton. «Es wird uns ein Stück Nähe zur Aargauer Bevölkerung weggenommen. So, dass die Anstrengungen der letzten Jahre, die Armee den Menschen wieder näher zu bringen, verloren gehen.»

Balzer meint damit die Bemühungen der Armeespitze, die Bindung zwischen Militär und den Gemeinden beziehungsweise Städten zu stärken. «Zu meiner Zeit war die Zusammenarbeit viel intensiver. Die Rekruten und WK-Soldaten haben den Standortgemeinden bei diversen Arbeiten unter die Arme gegriffen.» Diese Präsenz habe gleichzeitig die Akzeptanz des Militärs in der Bevölkerung gestärkt, so Balzer. Wenn die Füsiliere im Herbst aus dem Kantonsbild verschwinden, vermindert sich somit auch der Zuspruch für die Armee im Aargau, befürchtet er.

30 Prozent weniger Umsatz

Der Verschiebung der Infanterie wirft auch die Frage auf, wie es mit dem Truppenübungsplatz Gehren in Erlinsbach und der Ortskampfanlage in Eiken weitergeht. Kreiskommandant Rolf Stäuble verweist auf die WK-Truppen, die diese Standorte weiterhin benutzen werden. Aufgrund der aktuellen Bedrohungslage Europas durch den islamistischen Terror werde die Ortskampfanlage in den nächsten Jahren sogar noch eine höhere Auslastung ausweisen als bisher.

Die Kaserne in Bremgarten hat ihre Blütezeit hinter sich.

Die Kaserne in Bremgarten hat ihre Blütezeit hinter sich.

Abgesehen vom militärischen Aspekt hat der Wegzug der Infanteristen auch einen Einfluss auf das Gewerbe der Stadt Aarau. Die Restaurants und Bars müssen auf hunderte durstige Rekruten verzichten. «Bei uns wird eine grosse Lücke entstehen», sagt Thomas Reichle, Inhaber des «Mr. Pickwick Pub». «Wenn die Füsiliere Ausgang hatten, machten sie rund 30 Prozent unseres Tagesumsatzes aus.» Ein kleiner Trost für das «Piwi» und Co.: Die RS mit 80 Militärmusikern bleibt voraussichtlich bis zum Ablauf des Waffenplatzvertrags im Jahr 2030 in der Stadt. Wie es dann mit der letzten verbliebenen Rekrutenschule in Aarau und den Waffenplatzeinrichtungen weitergeht, ist noch nicht definitiv entschieden (siehe Box unten).

Kaserne Brugg ist unbestritten

Selbst wenn der Militärstandort in Aarau über das Jahr 2030 hinaus bestehen bleiben sollte, verschieben sich die innerkantonalen Kräfteverhältnisse. Der Waffenplatz Brugg wird im nächsten Jahr zur neuen militärischen Hauptausbildungsstätte des Aargaus emporsteigen. Mit der Rekruten- und Unteroffiziersschule der Genietruppen beherbergt die Kaserne Brugg neu die meisten Armeeangehörigen im Kanton. Dies wird sich auch nicht so schnell wieder ändern: «Brugg ist als Standort für die Genisten unbestritten», ist Balzer überzeugt. Mit dem Geissenschachen und Wasserschlossgebiet verfügt die Stadt über ausgezeichnete Übungsplätze. Eine gleichwertige Alternative für diese Truppengattung existiere in der Schweiz nicht.

Der dritte Waffenplatz im Aargau gilt als Ersatzort für die Genisten in Brugg. In Bremgarten werden angehende Zugführer in der Offiziersschule ausgebildet. Ansonsten ist die Kaserne zeitweise vom Einsatzkommando der Katastrophenhilfe und von WK-Soldaten belegt. Der Onlineauftritt der Kaserne verdeutlicht, dass die Blütezeit des Freiämter Standorts vorüber ist. Wer die Startseite besucht, liest folgende Botschaft: «Herzlichen Dank für Ihre Treue. Die Seite wurde per 21. Januar 2017 vom Netz genommen.»

In Brugg werden neu am meisten Rekruten im Aargau ausgebildet.

In Brugg werden neu am meisten Rekruten im Aargau ausgebildet.

Die Zeiten sind vorbei, als noch auf allen drei Waffenplätzen im Aargau Rekruten und Soldaten für das Schweizer Heer ausgebildet wurden. Die Veteranen erinnern sich wohl noch bestens daran, als der militärhistorisch bedeutende Aargau über zwei grosse Verbände verfügte: Die traditionsreiche Felddivision 5, die nach 128 Jahren im 2003 aufgelöst wurde, und die Grenzbrigade 5, welche seit 1994 der Vergangenheit angehört. Sie waren in der Bevölkerung und in den einzelnen Regionen des Kantons stark verankert. Doch nicht nur militärische Verbände und Rekrutenschulen sind über die Jahre hinweg aus dem Aargau verschwunden, auch zahlreiche Zeughäuser wurden geschlossen sowie Munitionsdepots leergeräumt und unterirdische Anlagen aufgegeben.

Armee entwickelt sich weiter

Erleben wir zurzeit eine Entmilitarisierung des Aargaus? Peter Balzer will davon nichts wissen. Trotz dem Wegzug der Infanterieschule, der Ungewissheit über das Fortbestehen des Waffenplatzes Aarau und der rückläufigen Zahl von Rekruten gehe diese These zu weit. Mit der Weiterentwicklung der Armee (WEA) zieht im nächsten Jahr das Kommando der Ter Div 2 mit 25 Personen in die Kaserne Aarau ein. Es ist das regionale Bindeglied der Schweizer Armee zu sieben Kantonen in der Nordwest- und Innerschweiz. «Ein starkes Signal und Bekenntnis zum Kanton Aargau», freut sich Balzer. Ausserdem gewinne auch das Logistikcenter in Othmarsingen an Bedeutung, da es immer mehr Material beherberge.

Was die Armeereform sonst noch für Veränderungen für den Kanton Aargau bereithält, sei schwierig abzuschätzen. «Die Armee muss sich laufend weiterentwickeln, weshalb auch immer wieder Justierungen vorgenommen werden», sagt Balzer. Es könne gut sein, dass sich die Militärlandschaft im Aargau in ein paar Jahren wieder komplett anders präsentiere. Die Veteranen, Beizen und Restaurants würden sich darüber freuen.