Wenn die Neue Aargauer Bank zusammen mit dem Aargauischen Gewerbeverband zum KMU-Anlass einlädt, dann ist ein volles Haus garantiert. So war es auch bei der 15. Ausgabe, die sich mit dem Wandel der Unternehmenskultur im Zeitalter der Digitalisierung beschäftigte. Gut 400 Aargauer Unternehmer und einige Unternehmerinnen waren in den Campus-Saal nach Brugg gekommen und liessen sich dort aus erster Hand darüber informieren, warum die Qualität der Unternehmenskultur ein entscheidender Faktor dafür ist, ob die Transformation ins Zeitalter von «Industrie 4.0» gelingt.

In seinem Referat legte Richard Müller, Dozent für Betriebswirtschaft und Personalmanagement an der FHNW Olten, den Fokus auf drei Bereiche der Unternehmenskultur, die im Zusammenhang mit dem Wandel zur «Industrie 4.0» besonders wichtig sind: Vertrauen, Zusammenarbeit und Sinnhaftigkeit.

Was ist «Mansplaining»?

Müller plädierte für eine Kultur des Vertrauens. Wer Vertrauen spüre, arbeite motivierter und selbstständiger – und vertraue auch eher den anderen und dem Chef. Als konkretes Beispiel nannte Müller die Möglichkeit von Homeoffice; wer als Vorgesetzter kein Homeoffice zulasse, nur weil er fürchte, das werde ausgenützt, mache einen Fehler. Vertrauen lohne sich. Mindestens so wichtig ist, dass eine Kultur der Zusammenarbeit gepflegt werde. «Es gibt keine Innovation ohne Kooperation», sagte Müller. Es sei entscheidend, dass Teams in wechselnder Zusammensetzung professionell zusammen die Probleme angehen. Direkter Kontakt sei Mailverkehr in jedem Fall vorzuziehen.  Das «Silodenken» der Abteilungen habe ausgedient. «Kooperiere oder gehe», laute die Devise.

Wobei: Der Umgang miteinander muss auch bestimmten Regeln folgen. So plädierte Müller dafür, dass Konsens darüber bestehen sollte, dass nicht über abwesende Personen gelästert wird. Was in vielen Betrieben leider Alltag sei und viel Schaden anrichte. Neu für viele der vielen anwesenden Chefs war der Begriff «Mansplaining», den Müller den Unternehmern näher brachte: Wenn eine Frau im Team eine Sache erklärt, neigen viele Männer dazu, ihr ins Wort zu fallen und das Gesagte zu präzisieren, zu korrigieren. Vor allem im Geschäftsleben sei «Mansplaining» weit verbreitet, sagte Müller und er empfahl den Aargauer Unternehmern, auch einmal in ihren Betrieben darauf zu achten. Auch das habe viel mit Unternehmenskultur zu tun. 

Lob für Aargauer KMU

Die Digitalisierung vergrössere die Distanz zwischen einfacher Arbeit und hochkomplexer. Es sei unverzichtbar, dass möglichst alle Mitarbeitenden den Sinn ihrer Arbeit erkennen, so Müller. Es sei die Aufgabe der Vorgesetzten, den Mitarbeitenden deutlich zu machen, dass ihre Arbeit wichtig sei. «Eine Arbeit ignorieren ist wie sie zu shreddern», mahnte Müller. Deshalb gelte: «Erfolgreich ist, wer den Mitarbeitenden den Sinn der Arbeit vermittelt.»

Grundsätzlich aber hatte Müller auch Lob für die Aargauer KMU: Durchhaltewillen und Offenheit zeichneten die Aargauer KMU aus. «Sie haben die unglaubliche Fähigkeit, sich stets zu erneuern», sagte Müller. Der Wandel zur «Industrie 4.0» biete unter diesem Gesichtspunkt weit mehr Chancen als Gefahren.

Im anschliessenden Praxistalk unterhielt sich Moderator Kurt Aeschbacher mit zwei ganz unterschiedlichen Chefs: Hans-Jörg Aerni, CEO der Elco in Brugg, erzählte, wie ein traditionsreiches Familienunternehmen die Digitalisierung angepackt hat; Andreas Schwarz, Organisationsentwickler bei Digitec Galaxus, berichtete, wie man im Unternehmen, das nur dank der Digitalisierung entstehen konnte, stets mit Neuheiten experimentiere und der ständige Wandel zum Alltag gehöre. So gebe es kaum einen Mitarbeitenden, der länger als drei Monate die gleiche Tätigkeit am gleichen Arbeitsplatz ausführe. Typisch für das Unternehmen sei, dass oft und spontan Erfolge aller Art gefeiert würden. Hans-Joerg Aerni schliesslich liess sich von Kurt Aeschbacher entlocken, dass er Homeoffice gegenüber Vorbehalte habe und dass er täglich mindestens eine Stunde im Betrieb unterwegs ist und nichts anders tut, als mit den Angestellten kurze, spontane Gespräche zu führen, die er stets mit einer Frage beginnt.

Zum Abschluss versammelten sich die Anwesenden gut gelaunt zum reichhaltigen Networking-Apéro.