Bevölkerungsdichte
In Neuenhof haben die Einwohner zehnmal weniger Platz als in Mellikon

In Neuenhof müssen sich 57 Personen eine Hektare teilen, in Mellikon kommen fünf Einwohner auf dieselbe Siedlungsfläche. Die Aargauer Zeitung hat sich in den beiden Gemeinden umgesehen.

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In der Neuenhofer Siedlung Webermühle (links) wohnen Schweizer Südosteuropäer, Afrikaner und Südamerikaner Tür an Tür. Doch gerade mal fünf Einwohner pro bebauter Hektare werden in Mellikon gezählt.

In der Neuenhofer Siedlung Webermühle (links) wohnen Schweizer Südosteuropäer, Afrikaner und Südamerikaner Tür an Tür. Doch gerade mal fünf Einwohner pro bebauter Hektare werden in Mellikon gezählt.

AZ

Die beiden aargauischen Rekordhalter in der Besiedelungsdichte: Mellikon verzeichnet gerade mal fünf Einwohner pro bebaute Hektare. Neuenhof hingegen übertrifft alle – die Gemeinde verzeichnet 57 Einwohner pro bebaute Hektare.

Die Bevölkerungsdichte in der Stadt Baden

Die Bevölkerungsdichte in der Stadt Baden ist hoch. Auch stehen nur wenige Wohnungen leer und die Mietpreise steigen: Jetzt wird die städtische Wohnbaupolitik hinterfragt. Lesen Sie hier weiter.

Neuenhof: In der Agglo an der Limmat lebt es sich übereinander

Neuenhof könnte ein zweites «Swissminiatur» sein. Das Zentrum: Gemeindehaus, Post, Coiffeursalon Luigi – Migros, Coop, Raiffeisen. Das Menü 1 im Restaurant-Pizzeria Bahnhof: «Würzige Pouletschenkel aus dem Ofen mit Reis, inkl. kleiner grüner Salat».

Auf der Terrasse sitzt ein Handwerker im Overall. Er raucht, die Stange auf dem Bierdeckel ist halb leer, die az in seinen Händen halb gelesen. Drinnen, am Mittagstisch der Pro Senectute, immer am ersten Montag im Monat, ist der Schwatz mit dem Gegenüber wichtiger als das Menü.

Frieda Gut, 72, gefällts in der bevölkerungsdichtesten Gemeinde des Kantons: «Hier hats alles, was man braucht.» Und dann: «Auch viele Ausländer, aber das macht doch nichts.»

Frieda Gut wohnt in einem Einfamilienhaus am Waldrand. Damit ist sie in der Limmatgemeinde die Ausnahme. Denn die meisten Neuenhofer wohnen in dem, was den statistischen Spitzenplatz überhaupt erst möglich gemacht hat: im Mehrfamilienhaus. Gebaut wurden die meisten während des «Schweizer Wirtschaftswunders».

Zwischen 1950 und 1970 entstanden über 1700 neue Haushaltungen. Initiiert wurden sie von Unternehmen wie Brown Boveri & Cie., denen in Baden der Platz für günstige Arbeiterwohnungen ausging; ermöglicht von einem sozialdemokratischen Gemeindeammann, der Bau- und Wohngenossenschaften förderte.

Bevölkerungsdichte im Aargau (Einwohnern pro bebaute Fläche in 1 Hektar)

Von den gut 140 000 Hektaren des Kantons Aargau sind knapp 24 000 überbaut. Wenn man die gestern veröffentlichten Bevölkerungszahlen per Ende 2013 – der Aargau wuchs letztes Jahr um 1,3 Prozent – auf die bebaute Fläche umrechnet, erhält man einen Indikator dafür, wie nah wir beieinander wohnen. Die Unterschiede sind gross:

Top 10: Neuenhof 57, Obersiggenthal 50, Wettingen 48, Turgi 44, Oberrohrdorf 42, Fislisbach 42, Ennetbaden 42, Baden 42, Rudolfstetten-Friedlisberg 41, Niederrohrdorf 40,

Die 10 Gemeinden mit kleinster Dichte: Mellikon 5, Fisibach 8, Wisliskofen 8, Baldingen 9, Böbikon 9, Mandach 9, Attelwil 10, Effingen 10, Leibstadt 11, Rümikon 11,

In einem Mehrfamilienhaus wohnt Luise Morel, geborene Tirolerin, Pensionärin. «Unser Haus ist rund 90-jährig. Es steht unter Heimatschutz», sagt sie stolz. Zwar sei irgendwann die Autobahn zur Nachbarin geworden, «aber unsere Fenster sind ja schalldicht. Im Dorf ist alles da, was ich brauche.»

Für die Gemeinde ist der alte Wohnungsbestand heute ein Handicap. Laut Bauverwalter Peter Richiger haben über 70 Prozent aller Wohnungen 31⁄2 Zimmer oder weniger; viele Mieter dieser günstigen Wohnungen zahlen wenig Steuern. Jetzt wird die Ortsplanung revidiert, die Bevölkerung konnte mitreden. Denn das Dorf erlebt derzeit einen neuen Boom: 118 Wohnungen entstehen, Altbauten werden saniert.

Etwa in der Siedlung Webermühle. Hier führt José, 44, gebürtiger Iraner, den Quartierladen. Er sagt: «Die Wohnungen sind teurer geworden, darum sind einige Ausländer ausgezogen.» Sie machten aber eine falsche Rechnung: «Du kannst nicht 27 Jahre zum gleichen Mietzins wohnen und sofort jammern, wenn er zum ersten Mal erhöht wird.»

Im Zurzibieter Dorf Mellikon am Rhein kennt man sich

Beim Ortsschild grasen die braunen und braun-weiss gefleckten Kühe, ein Traktor tuckert über die Alte Landstrasse. Den Rhein im Norden, liegt Mellikon eingebettet zwischen saftigen grünen Wiesen und Wäldern. Mit fünf Einwohnern pro bebauter Hektare handelt es sich um die – mit Abstand – am lockersten besiedelte Gemeinde im Aargau.

Wohnblock in der Siedlung Webermühle
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Neuenhof erlebt einen neuen Boom; derzeit werden 118 neue Wohnungen gebaut
Heute gehören die Liegenschaften der Credit Suisse, derzeit werden sie saniert
In der Neuenhofer Siedlung Webermühle wohnen die Kontinente Tür an Tür
Im Quer in Neuenhof entstehen 67 Eigentumswohnungen
Das einzige, was die Blöcke in der Webermühle unterscheidet - die Nummern
Der Webermühli-Märt des Iraners José ist das gesellschaftliche Zentrum
Baukräne im Quer in Neuenhof

Wohnblock in der Siedlung Webermühle

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Weder von den vorbeidonnernden Lastwagen auf der Rheintalstrasse noch vom nahen Kalksteinbruch ist viel zu hören im Wohnquartier mit den ehemaligen Bauernhäusern und den neueren Einfamilienhäusern mit den gepflegten Gärten. Friedlich, aber nicht verschlafen scheint das Dorf, neugierig, aber nicht misstrauisch die Bevölkerung. «Mellikon ist gut und schön, klein und stark», sagt lachend die nicht mehr ganz junge Frau, die an diesem Vormittag zu Fuss unterwegs ist und keinesfalls mit Namen zitiert sein will. «Es passt.»

Ähnlich tönt es bei Hansruedi Anderfuhren. In seiner Werkstatt beim Dorfmuseum versieht er eine Sitzbank mit brauner Holzlasur. «Es lebt sich bestens hier. Wir sind eine aufgeschlossene Gemeinde, die Lebensqualität ist hoch.» Anderfuhren wohnt seit über sieben Jahren im Dorf, seit rund fünf Jahren ist er Mitglied des Gemeinderats. Bei 250 Einwohnern sei die Chance gross, einmal in irgendein Amt gewählt zu werden, sagt er mit einem Schmunzeln. «Es stellt überhaupt kein Problem dar, Leute kennen zu lernen», weiss er aus Erfahrung.

Stolze Tiere heissen die Besucher willkommen
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Natur und Industrie spielen eine wichtige Rolle in der Gemeinde
Mellikon verfügt sogar über einen Bahnhof
Hansruedi Anderfuhren ist Gemeinderat
In diesem Gebäude ist das Dorfmuseum untergebracht
Das Naherholungsgebiet befindet sich gleich vor der Haustüre
Das Gasthaus Jägerhof befindet sich an der Dorfstrasse
Gepflegte Gärten säumen die Strassen
An der Schulstrasse befinden sich das frühere Gemeindehaus sowie die Mehrzweckhalle
Blick auf die Schulstrasse
Auch eine Telefonkabine darf als Dekoration nicht fehlen

Stolze Tiere heissen die Besucher willkommen

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Die Bevölkerung sei weltoffen und engagiert. Nicht nur im politischen Bereich. Für die Organisation von Anlässen könnten in der Regel ohne weiteres genügend Freiwillige gefunden werden. «Der Zusammenhalt ist erfreulich. Wir schauen zueinander.» Als weitere Pluspunkte erwähnt er die intakte Infrastruktur samt eigener Badi, das Naherholungsgebiet gleich vor der Haustüre sowie das gute Einvernehmen mit den ansässigen Firmen.

Natürlich habe die relativ bescheidene Zahl von rund 250 Einwohnern auch Nachteile, räumt Anderfuhren ein. Ein Dorfladen, zum Beispiel, fehle. Wichtig sei deshalb der «Jägerhof», das stattliche Gasthaus an der Dorfstrasse. Es diene als Treffpunkt. Apropos Bevölkerungszahl: Ein moderates Wachstum werde durchaus angestrebt, sagt der Gemeinderat. Es gelte, die bereits eingezonten Parzellen zu überbauen.

Anderfuhren hantiert geschickt mit Pinsel und Holzlasur. Seine Begeisterung ist zu spüren – für seine Arbeit genauso wie für die Gemeinde.