Milizsystem
In Aargauer Gemeinden sind die Rentner an der Macht – das hat Vorteile, birgt aber eine Gefahr

Der Anteil der Gemeindeammänner und Gemeinderäte im Pensionsalter nimmt zu. Das hat durchaus Vorteile: Rentner haben für ein solches Amt Erfahrung und Zeit. Doch der Mangel an Jungen und Berufsleuten bringt das Milizsystem an seine Grenzen.

Frederic Härri
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Aargauer Pensionierte im Amt des Gemeindeammanns
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Seit 22 Jahren ist Peter Stadler als Gemeindeammann von Hirschthal tätig.
Mit 65 Jahren arbeitet Erika Schibli Vollzeit in ihrem Treuhandbüro, nebenbei ist sie Ammann von Wohlenschwil.
Jetzt noch auf Weltreise, danach stellt sich der 67-jährige Reto Merkli für das Amt in Tegerfelden zur Verfügung
Martin Heiz ist 69 und seit 32 Jahren Ammann von Reinach. Damit ist er der Dienstälteste im Kanton.
Seit 1998 im Gemeinderat, seit 13 Jahren Untersiggenthaler Gemeindeammann: Marlène Koller, 66.
Hans Peter Flückiger war lange Bezlehrer, seit zwei Jahren ist der 70-Jährige Ammann von Fischbach-Göslikon.
Im Zurzibiet ist er der Älteste: Ruedi Weiss, seit Anfang 2014 Stadtammann in Kaiserstuhl
Ueli Graf war Direktor der JVA Pöschwies, 2015 haben die Mülliger den 71-Jährigen zum Ammann gewählt.
Als 2018 Scherz und Lupfig fusionierten, wurde der Richard Plüss, heute 65 an die Spitze des Gemeinderats gewählt.
Gisela Taufer ist Gemeindepräsidentin von Zeiningen und schon seit 2002 im Gemeinderat dabei.

Aargauer Pensionierte im Amt des Gemeindeammanns

ZVG/AZ

Der 67-jährige Reto Merkli will es noch einmal wissen. Von 1988 bis 1998 leitete er als Gemeindeammann die Geschicke von Tegerfelden. Das ist lange her, zurzeit will im Zurzibieter Dorf niemand so recht Ammann werden. Seit Monaten findet man keinen Nachfolger für den demissionierenden Lukas Baumgartner. Merkli hat die mühselige Suche lange mitverfolgt. Letzte Woche nun hat er entschieden: Er bewirbt sich für den Posten. Merkli wird aller Voraussicht nach neuer Ammann werden – als Rentner. Damit ist er im Aargau kein Einzelfall.

Viele der aktuellen Gemeindeammänner sind im Pensionsalter. Jedes vierte Gemeinderatsmitglied ist im Aargau über 60 Jahre alt, wie aus dem aktuellsten Gemeindestrukturbericht des Kantons von 2017 hervorgeht. Und der Anteil dieser Altersklasse wächst: Bei der Erhebung vier Jahre zuvor waren es noch knapp 20 Prozent aller Gemeinderäte, die 60-jährig oder älter waren.

Beispiele von pensionierten Ammännern oder solchen, die im rentenfähigen Alter sind, finden sich in allen Bezirken. In ihrer Biografie, und darin, wie sie ins Amt gekommen sind, unterscheiden sie sich teilweise allerdings, wie eine Zusammenstellung unserer Regionalredaktionen zeigt.

Im Bezirk Brugg ist seit Juli 2015 ein ehemaliger Direktor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies Gemeindeammann: Ueli Graf, der seit 2014 mit seiner Frau in Mülligen wohnt. Der Parteilose war 67 Jahre alt, als er zum Mülliger Gemeindeammann gewählt wurde.

In der Fusionsgemeinde Lupfig (Lupfig und Scherz fusionierten 2018) amtet der 65-jährige Richard Plüss. Der SVP-Mann ist ein politisches Schwergewicht im Bezirk. So ist er nicht nur Ammann von Lupfig mit seinem bedeutenden Industrieareal, sondern führt als Präsident auch den regionalen Planungsverband Brugg Regio. Nach 20 Jahren im Grossrat trat er 2016 aus dem kantonalen Parlament aus. Neben seinen politischen Ämtern war Plüss Gewerbeschullehrer für Forstwarte und Förster. Im letzten Sommer ging er in Rente.

Der Rekordhalter ist schon seit 32 Jahren im Amt

Gleich zwei Frauen sind im Bezirk Baden schon seit knapp 22 Jahren in Gemeinderäten vertreten. In Untersiggenthal sitzt seit 1998 Marlène Koller im Gemeinderat. 2007 wurde sie von der Bevölkerung zur Frau Gemeindeammann gewählt. Die 66-jährige SVP-Politikerin ist auch im Grossrat aktiv. Nach der laufenden Amtsperiode will Koller nicht mehr zur Wahl als Gemeindeammann antreten, wie sie sagt. Wie lange Erika Schibli noch Ammann von Wohlenschwil bleiben möchte, weiss sie noch nicht. Im Dorf im Reusstal ist sie seit 1998 Gemeindeammann. Die 65-Jährige leitet ihr eigenes Treuhandbüro – noch immer Vollzeit.

Der Rekordhalter in Sachen Amtszeit heisst Martin Heiz. Der Freisinnige ist 69-jährig und schon 32 Jahre lang in oberster leitender Funktion in Reinach. In der grössten Wynentaler Gemeinde haben sie von Heiz noch nicht genug: Legislatur für Legislatur wird er mit einem Spitzenresultat wiedergewählt.

Auch schon lange dabei ist Peter Stadler (FDP). Der heute 71-Jährige ist seit 1998 Gemeindeammann von Hirschthal. Der ehemalige Oberst hat Infanterierekrutenschulen kommandiert und war bis 2014 eidgenössischer Schiessoffizier.

Hans Peter Flückiger wird dieses Jahr 70. Seit 2018 ist er Gemeindeammann von Fischbach-Göslikon, davor war er sieben Jahre lang Gemeinderat. Flückiger hat als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Geografie an der Bezirksschule in Bremgarten unterrichtet.

Gisela Taufer ist seit 18 Jahren im Gemeinderat von Zeiningen dabei. 2018 kämpfte die Freisinnige gegen einen anderen langjährigen Gemeinderat ums Gemeindepräsidium. Taufer setzte sich durch. Sie ist Präsidentin des Gemeindeverbands Abfallbewirtschaftung Unteres Fricktal. Mit 68 Jahren ist sie der älteste Fricktaler Ammann.

Diesen inoffiziellen Titel hat im Bezirk Zurzach Ruedi Weiss. Der Parteilose wurde 2013 in den Stadtrat von Kaiserstuhl gewählt, seit 2014 ist er Stadtammann. Im selben Jahr wurde er pensioniert. Davor hatte der heute 70-Jährige als Leiter Consulting für Informatikdienstleistungen gearbeitet.

Die Durchmischung im Gemeinderat ist wichtig

Renate Gautschy, Präsidentin der Gemeindeammännervereinigung, findet die Zunahme von Rentnern in der Gemeindepolitik eine «logische Entwicklung angesichts der immer längeren Lebenserwartung». Gautschy gehört selber zur «Rentnerfraktion» unter den Ammännern. Die 65-jährige FDP-Politikerin führt dieses Amt in der Gemeinde Gontenschwil schon seit über 20 Jahren aus und will auch noch einige Jahre weitermachen.

Renate Gautschy, Präsidentin Gemeindeammännervereinigung   

Renate Gautschy, Präsidentin Gemeindeammännervereinigung   

zvg

«Der grosse Vorteil von uns Älteren ist, dass wir nicht nur viel Erfahrung, sondern auch genügend Zeit mitbringen, um die immer komplexer werdenden Aufgaben in der Gemeindeexekutive zu erfüllen.» Gleichzeitig sei aber eine Durchmischung wichtig, betont Gautschy. «Wir müssen den Aufwuchs stärken.» Denn bei aller Erfahrung der Älteren bestehe bei diesen die Gefahr, alles besser wissen zu wollen. Jüngere würden neue Ideen einbringen, das sei wichtig für die Entwicklung einer Gemeinde.

Doch die Jungen fehlen. Zwar gab es von 2013 bis 2017 leicht mehr 30- bis 39-jährige Gemeinderäte. Mit weniger als acht Prozent aller Gemeinderäte ist der Anteil aber noch immer klein. Die grösste Veränderung gab es bei den 40- bis 49-Jährigen. Deren Anzahl ist von 30 auf 22 Prozent gesunken. Stattdessen gibt es jetzt immer mehr Gemeinderäte, die über 50 sind.

Regierungsrat Urs Hofmann, als Vorsteher des Departementes Volkswirtschaft und Inneres für das Gemeindewesen zuständig, verfolgt die Entwicklung kritisch. Im Jahresrückblick-Interview sagte Hofmann: «Es kann nicht die Lösung sein, dass nur noch Pensionierte oder Leute, die keiner anderen Berufstätigkeit nachgehen, ein Gemeinderatsamt übernehmen können.» Hofmann ist überzeugt, dass es für ein funktionierendes Milizsystem auch Berufsleute braucht, die nebenbei eine Aufgabe in der Gemeinde übernehmen.

«Pensionierte haben oft mehr Energie»

Mangel an Jungen Oliver Dlabac leitet beim Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) die Projektgruppe zur lokalen Demokratie. Dass Gemeinderäte durch Pensionierte präsidiert werden, findet er nicht per se schlecht: «Gegenüber jüngeren Gemeindevertretern und Mitbürgern unterscheiden sie sich teilweise stark punkto Energie und Anschlussfähigkeit.» Zudem seien das eingebrachte Wissen sowie Führungs- und Lebenserfahrung an sich gute Qualitäten.

Kritisch sieht Dlabac, dass in überalterten Gemeinderäten die Anliegen und Perspektiven der Jungen in den politischen Entscheiden weniger berücksichtigt werden. Deshalb seien auch Jüngere im Gremium entscheidend. Eine angemessene Repräsentation im Gemeinderat bringe zudem eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung und könne dazu führen, dass sich die politische Teilnahme in der Gemeinde erhöhe, meint Dlabac.

Welche Lösungen gibt es, um auch die unter 40-Jährigen für ein Kommunalamt zu begeistern? «Wichtig wäre es, Gemeinderäte durch die Verwaltung zu entlasten», sagt Dlabac. Mit kleineren Teilzeitpensen könnte das Amt besser mit Ausbildung, Berufseinstieg und Elternpflichten vereinbart werden. Allgemein findet es Dlabac entscheidend, die Jungen bereits früh in der Schule abzuholen und «für die Bedeutung von Gremien und politischen Prozessen zu sensibilisieren». Und: Mit Gleichaltrigen an seine erste Gemeindeversammlung zu gehen, falle immer leichter. (frh)

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