Verstopfte Autobahnen, überfüllte Züge, lange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen und überlastete Telefonnetze sind oft beklagte Symptome des Bevölkerungszuwachses. 634 206 Menschen lebten letztes Jahr im Aargau. Das sind ein Viertel mehr als noch vor gut 25 Jahren und gar fünfzig Prozent mehr als 1970. Es wird zunehmend enger, die Folge ist Dichtestress.

Mehr Menschen heisst mehr Tote. Die Mortalität sinkt zwar seit Jahrzehnten; wir leben länger und der Bevölkerungszuwachs beruht zu Teilen auf der Zuwanderung von jungen Menschen. Dennoch: Absolut sterben heute im Aargau jährlich 4600 Menschen, über ein Drittel mehr als 1970, seit 2000 stieg die Zahl um 12 Prozent (siehe Tabelle). Wird es also auch auf Friedhöfen eng?

Im Gegenteil. Es hat genügend bis zu viel Platz, das bestätigen verschiedene Aargauer Gemeinden. Der Sarg und das traditionelle, platzraubende Reihengrab haben ausgedient. «Es gibt eindeutig eine Tendenz zu Urnenbestattungen», sagt Thomas Stirnemann, Werkhofleiter Baden. Der Aarauer Friedhofleiter Hannes Schneider bestätigt: «Feuerbestattungen machen rund 85 Prozent aus.» Auch Rheinfelden macht praktisch keine Erdbestattungen mehr. In Zofingen liegt das Verhältnis seit Jahren gar bei 90 Prozent.

Die zwei Aargauer Krematorien in Baden und Aarau machten 2013 total bereits gut 3700 Einäscherungen – Tendenz steigend.

Viele Urnen werden aber nicht mehr auf Friedhöfen beigesetzt, alternative Bestattungsformen sind immer gefragter. Die Firma «Friedwald» bietet bereits seit 20 Jahren Bestattungen unter Bäumen an. Die Aargauer Gemeinde Wittnau plante 2013 selbst einen Waldfriedhof. «Immer häufiger wird gar nicht mehr in Gräbern bestattet», beobachtet auch Thomas Stirnemann. Stattdessen wird die Urne nach Hause genommen oder die Asche an speziellen Orten verstreut – auf Bergen, Seen, Gletschern. So stellt man in Rheinfelden einen Trend zu Flussbestattungen im Rhein fest, wie auch das Verstreuen der Asche im Wald, der an den Waldfriedhof angrenzt.

Beliebt sind auch Urnen-Gemeinschaftsgräber, wie Stirnemann erklärt. «Voraussichtlich brauchen wir schon in fünf Jahren ein neues.» Gegen null tendieren indes die Familiengräber, welche besonders viel Platz benötigen. Sie sind vor allem noch im Tessin, in der Romandie und in romanischen Ländern häufig. «In den letzten vier Jahren gab es in Baden gar keine neuen Familiengräber», so Thomas Stirnemann.

Die Ursachen für die Entwicklung sind vielseitig und vage: Geld, Zeitaufwand, die Entfernung von der Kirche, das höhere Alter oder die Selbstbestimmung. Für Pius Zimmermann, Leiter des Bestattungsamtes Zofingen, ist Letzteres der entscheidende Faktor. «Sterben ist kein Tabuthema mehr.» So hielten bereits viele ihre Wünsche frühzeitig testamentarisch fest. Da spielen auch die Kosten gelegentlich eine Rolle. «Heute möchte man den Nachkommen keine Bürde auferlegen», glaubt er. Die Mobilität – Verwandte leben heute in der Schweiz und der Welt verstreut – und das längere Leben – oft sind Nachkommen selbst schon in höherem Alter – machten die Grabpflege zudem über die Jahre schwieriger, meint Zimmermann.

Sterben die Friedhöfe also aus? Hannes Schneider verneint. «Die Bestattungen nehmen ja mit der Bevölkerungszahl zu.» Trotzdem soll bis 2039 vor dem Krematorium im Aarauer Rosengarten eine ganze Grünfläche frei sein. Wegen solcher Reservefläche muss auf lange Sicht nicht erweitert werden. In Baden war dies letztmals vor 25 Jahren nötig.

Aber die Form der Friedhöfe ändert sich, sie werden zu Naherholungsräumen – und schon als solche wahrgenommen. «Teile des Aarauer Friedhofes werden bereits gerne als Ort der Ruhe zum Verweilen genutzt», sagt Schneider. Der Badener Hauptfriedhof Liebenfels wurde sogar schon als Mix aus Friedhof und Parkanlage konzipiert. Baden, Rheinfelden und weitere Gemeinden erarbeiten zudem Entwicklungspläne, die alternative Bestattungsformen, wie Parkwaldbestattungen, berücksichtigt. Den Kremationstrend bereits vor 30 Jahren in die Planung der Friedhofgestaltung aufgenommen hat Zofingen. Und auch Aarau hat reagiert und 2013 ein neues Urnengrabfeld geschaffen.