Pilotprojekt
Immer weniger Gastro-Nachwuchs: Jetzt lockt der Branchenverband mit Stage im Nobelhotel

Gastro Aargau und die Berufsfachschule Baden schicken im Sommer erstmals Köche und Servicefachleute ins Ausland. Wer und was dahinter steckt – und wieso ein Golfhotel in Texas traurig ist.

Mario Fuchs
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Mit voller Konzentration sind diese Jungköche an der Arbeit. (Symbolbild)

Mit voller Konzentration sind diese Jungköche an der Arbeit. (Symbolbild)

Roberto Garcia

Der eine ist neu im Amt, voller Ideen und will sofort umsetzen. Der andere ist seit Jahren umtriebiger Rektor, konnte noch nie stillsitzen, und will vor seiner Pensionierung «nochmals ein paar Nägel einschlagen»: Mit Bruno Lustenberger, seit 2016 Präsident von Gastro Aargau, und Ruedi Siegrist, Rektor der Berufsfachschule Baden (BBB), haben sich die zwei richtigen gefunden.

Innert nur fünf Wochen hat das Duo ein Pilotprojekt entworfen. Der Einladung zur Infoveranstaltung folgten am Donnerstag rund 30 Gastrounternehmer in die BBB-Aula. Der Titel «Die Berufslehre wird mobil» tönte noch träge, der Inhalt war es nicht: Lernende im zweiten Lehrjahr sollen im Sommer während zweier Monate in Luxushotels und Vorzeige-Restaurants in Europa, Asien oder Nordamerika arbeiten.

Sie sollen so Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein steigern, sich vernetzen, andere Konzepte kennenlernen, mit Sprachkenntnissen und Ideen nach Hause kommen.

Vor allem aber sollen sie während ihres Stages online und, zurück im Aargau, in Betrieben und Schulen davon berichten. Das Ziel ist ein Grosses: den Jungen wieder Lust auf Gastro-Berufe zu machen.

Lassen sich nicht von Unklarheiten aufhalten: Berufsschulrektor Ruedi Siegrist (links) und Gastro-Aargau-Präsident Bruno Lustenberger vor einem Foto des Grand Hyatt Hong Kong, einer möglichen Destination für Aargauer Lernende.

Lassen sich nicht von Unklarheiten aufhalten: Berufsschulrektor Ruedi Siegrist (links) und Gastro-Aargau-Präsident Bruno Lustenberger vor einem Foto des Grand Hyatt Hong Kong, einer möglichen Destination für Aargauer Lernende.

Alex Spichale

Mit Informatikern erprobt

Gastro-Präsident Lustenberger sagte es so: «Heute suchen viele Schulabgänger keine Lehrstelle mehr, sondern einen anderen Weg. Da wollen wir eine neue Dynamik reinbringen.» In Baden ging im Kochberuf die Zahl der Ausgebildeten in den letzten vier Jahren um 18 Prozent zurück, im Service um 38 Prozent.

Dabei könne man auch in der Gastronomie «eine grosse Karriere machen», dafür müsse ein neues Bewusstsein geschaffen werden: «Die Jungen sollen ins Ausland gehen und dort Feuer fangen.»

BBB-Rektor Siegrist gab zu, dass man «diese Geschichte eigentlich nicht selber erfunden» habe. Mitunter wurde sie 2013 in einem Bericht von AFS, einer internationalen Organisation für Kulturaustausch, lanciert. Im Jahr darauf unternahmen die Badener mit AFS einen Versuch: Ein Informatiker lernte drei Monate im Team von Adobe in Delhi. Fazit: sehr positiv.

Die Überlegungen der Initianten gehen noch weiter: Lehrbetriebe, die ihren Lernenden einen Stage ermöglichen, könnten sich im Kampf um Talente attraktiv positionieren – und die Jungen sich mit ihrer internationalen Erfahrung für interessante Stellen nach dem Lehrabschluss empfehlen.

Wichtige Details noch ungeklärt

Diesen Sommer, geplant ist ab Juni, sollen die ersten zwei, drei ihren Stage absolvieren. Man wolle nicht, dass sie krampfen, sondern etwas lernen. Konkret: vier Tage Arbeit, ein Tag Berufsschule, zwei Tage frei – wie in der Schweiz.

Der Unterricht erfolgt auf einer E-Learning-Plattform, wichtige Lektionen gibts auf Video, Nachfragen via Mail. Interessenten gibt es ein Dutzend, aber man wolle «das Fuder am Anfang nicht überladen», wie Siegrist betonte.

Für das Pilotprojekt sollen «die Besten» ausgewählt werden. Aus dem gleichen Grund gibt es zuerst nur Einsätze von Aargauern im Ausland und keine Austauschlehrlinge im Aargau. Dann wird analysiert und im Idealfall ausgeweitet. Für Siegrist ist klar: «Die Möglichkeiten sind gross. Unsere Gastronomie hat auf der ganzen Welt einen sehr guten Ruf und ist top vernetzt.»

Für Werner Schumacher, in der BBB für die Köche verantwortlich, war es deshalb einfach, Partner zu finden. Stage-Plätze wurden zugesichert im Disneyland Resort und im Grand Hyatt in Hongkong. Im Chalet Mirabell in Meran. Im Restaurant Bräilöffel, Luxemburg, oder im Widmanns Löwen, Königsbronn.

Auch ein Nobel-Golfclub in Texas würde gern mitmachen – «aber jetzt haben wir einen blonden Mann im Weissen Haus, und mit den Arbeitsbewilligungen ist es grad ziemlich kompliziert.» Das gleiche Problem gibt es in Toronto oder Singapur. Schumacher: «Wir werden Lehrgeld bezahlen müssen, aber 95 Prozent der angefragten Betriebe sagen: sofort schicken!»

In einer Fragerunde wurde klar: Die Aargauer Betriebe sind begeistert, aber noch unsicher. Wesentliches wie Lohn, Versicherung, Arbeitsbewilligung, Kostenteilung sind noch nicht geklärt.

Lustenberger und Siegrist lassen sich davon nicht aufhalten. Sie wollen im Sommer starten. Lustenberger liess sich gar zur Aussage hinreissen, am Geld werde es nicht scheitern, der Verband würde dafür sorgen. Es ist die Euphorie derer, die für ihre Ideen brennen. Und Gastronomen dürften ja wissen, wie man das Anbrennen verhindert.