Fasnacht
Immer weniger Bälle und Masken – Hat die Fasnacht eine Zukunft?

Die fünfte Jahreszeit geht zu Ende. Und wie jedes Jahr bleibt die Frage: Wie geht es diesem Brauch? Eine Bestandesaufnahme im Aargau zwischen Glühweinstand, Krankenbett und Blasinstrumenten.

Mario Fuchs
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Gipfeli als Geri an der Fasnacht in Baden

Gipfeli als Geri an der Fasnacht in Baden

Alex Spichale
Gipfeli-Geri mit all seinen Attributen.

Gipfeli-Geri mit all seinen Attributen.

Alex Spichale

Der letzte Abend ist ein eiskalter. Die Bise bläst mit den Guggern um die Wette. Dienstag, 17. Februar, 20 Uhr, Cordulaplatz in Baden: Die Fasnacht geht zu Ende. Die «Bloser-Clique» hat eine Botschaft auf die Rücken ihrer Gewänder gestickt: «Sälber tschuld!» Man kann sie persönlich nehmen: Wer an die Fasnacht geht, ist selbst schuld – und wer nicht, sowieso. Helfen gegen die Kälte kann der kleine Stand vor der «Bodega». Glühwein, 4 Franken 50. Oder für Gfrörli: Glühwein mit Rum, 6 Franken.

Nicht auf dem Cordulaplatz, sondern zu Hause im Bett ist zu dieser Minute Beni Schmid. Bei einem Skiunfall ging sein Bein zu Bruch. Der Brödlimeister der Spanischbrödlizunft ist einer der höchsten Fasnächtler in der Stadt – und musste mitten in der Saison ersetzt werden. Schmid sagt: «Einerseits spüre ich natürlich grosses Bedauern – aber auch Stolz.» Er hat gemerkt: Seine Leute sind so gut eingespielt, dass alles perfekt funktioniert. «Es gab keine einzige Panne. Oder sie haben es mir noch nicht gesagt.»

Jeder hat einen Nachfolger

Der Brödlirat organisiert den traditionellen Teil der Badener Fasnacht: das Hohe Blutgericht und die Verbrennung des Füdlibürgers am Schmutzigen Donnerstag, Schnitzelbänke, den Fasnachtsumzug sowie den Kinderball. Rund 30 Räte investieren ihre Freizeit. In Baden gilt das Prinzip: Wenn die Arbeit auf viele Leute verteilt wird, bleibt weniger Aufwand für den Einzelnen. Nachwuchsprobleme sind den Zünftern ein Fremdwort: «Wenn einer aufhören will, kann er das jederzeit», sagt Beni Schmid. «Wir können fast jedes Jahr ein bis zwei Neue aufnehmen.»

Auf dem Cordulaplatz hat die Jugendgugge «Noteklecksler» den «Guggen-Corso» gestartet. Anzahl teilnehmender Guggen: zwei. In anderen Jahren waren es zehn. Hanspeter Sailer, Präsident des Vereins Fasnachtsgruppen Baden, sagt: «Dieses Jahr haben sich die Guggen anders disponiert.» Kein Abwärtstrend, sondern zu viele Veranstaltungen zur gleichen Zeit. Die «Noteklecksler» spielen «Tage wie diese». Niemand singt mit, aber alle wüssten den Text: «An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit.»

Die falsche Musik

Seit 1961 an die Badener Fasnacht geht das «Gipfeli». Gipfeli ist ein Mann mit Jahrgang 1948 und Wohnort Nussbaumen. Seinen Namen soll man nicht kennen, dafür seine Masken. Heuer ging Gipfeli als Geri. Samt «Stadtturm», der ihm aus der grünen Unterhose lugte, in der linken und untertiteltem Selfie auf dem Smartphone in der rechten Hand: «my ruin» – meine Ruine (respektive mein Ruin).

Gipfeli gewann am Umzug den ersten Preis der Einzelmasken. Die Konkurrenz war klein. Gipfeli sagt: «Die Leute wären noch da und eigentlich auch motiviert, aber der Aufwand lohnt sich nicht mehr.» Mit «Leuten» meint er andere Einzelmasken. «In den Achtzigern und Neunzigern waren wir zu siebt unterwegs. Bälle landauf, landab.» Am Tag gingen die Fasnächtler arbeiten: «Ein Bier, das wars. Man wollte ja der Maske Sorge tragen.»

Inzwischen gibt es viel weniger Bälle – und entsprechend weniger Masken. Gipfeli hat das Hauptproblem geortet: die modernen Partybands. «Früher hatte man klassische Tanzmusik. Vor der Demaskierung gabs zwei Tanzrunden. Zwischendurch ein paar Minuten Ruhe, da hab ich dann meinen Seich erzählt und meine kleine Show abgezogen. Dann Partnerwechsel und nach der Demaskierung drei Tanzrunden. Heute spielen Partybands bis zu einer Stunde ohne Pause. Als Maske kannst du das körperlich gar nicht mitmachen.»

Den Einzelmasken sei so die Lust genommen worden. Man könne es vergleichen mit einem FC: «Du hast eine Wiese, auf der du tschutten kannst. Irgendwann heisst es: Die Wiese ist nicht mehr genug gross. Dann kannst du noch hinter dem Haus jonglieren. Aber nach zwei Jahren verleidet dir das und du hörst auf.» Er hofft auf eine Trendwende: wieder Tanz- statt Partymusik.

Erfolg auf der alten Spur

Das umgesetzt haben die «Chaischter Haldejoggeli». Narrenvater Marco Zaugg erzählt, wie man eine Partyband engagiert habe, die Besucherzahlen sanken und man nach sechs Jahren wieder eine Tanzmusik engagierte. Der Wechsel «auf die alte Spur» habe den Erfolg zurückgebracht, sagt Zaugg – und die Einzelmasken, die jetzt für Stimmung sorgen.

Brugg hat keinen Ball mehr. Der Konfettispalterzunft fehlte es an Besuchern und an Helfern. Am Umzug stehen zwar jedes Jahr 20 000 begeisterte Zuschauer am Strassenrand, aber der Ball überlebte nicht. Zunftmeister Hugo Schmid liess bei seinem Amtsantritt im Jahr 2000 ins Protokoll schreiben: «Maximal drei Jahre».

Jetzt sind es 15 – eine Nachfolge ist ausser Sichtweite. Schmid sagt: «Die Jungen wollen nicht organisieren, sondern Guggenmusik machen.» Deswegen den Bettel hinzuwerfen, kommt für ihn nicht infrage. «Ich mache es immer noch sehr gerne.»

In Baden ist der Guggen-Corso auf dem Schlossbergplatz angekommen. Gemeinsam spielen die «Noteklecksler» und die «Schnüffler» die letzten Takte. Die Zuschauer hüpfen mit. Und haben den Liedtext auf den Lippen: «An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit.»

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