Das Gelächter und Gekrächze der Möwen ist für viele der Klang des Meers, der Klang von Ferien. Sie sind auch im Aargau zu hören, diese Möwenrufe, und zwar immer häufiger. Es ist keine Illusion: Die Mittelmeermöwe ist zu uns gekommen. Ihre Population wächst in der Schweiz seit Jahren, auch im Aargau. Statt an der Küste nach Muscheln und Tintenfisch zu picken, frisst die Möwe hier kleinere Tiere in Seen und Flüssen und Regenwürmer.

Es wird bei einigen die Sehnsucht nach dem Meer wecken, wenn sie die grossen Möwen am Himmel erblicken. Freuen tun sich aber längst nicht alle. Es gibt Ornithologen, die es mit Sorge betrachten, dass sich die Mittelmeermöwe hier breitmacht. Sie befürchten, dass diese Grossmöwe andere Vogelarten verdrängt.

Eine Mittelmeermöwe wiegt bis zu eineinhalb Kilo. Im Gegensatz dazu ist die Lachmöwe mit ihren 350 Gramm ein Fliegengewicht, gar nicht zu sprechen von der grazilen Flussseeschwalbe, die höchstens 150 Gramm schwer ist und an denselben Orten nistet wie die Mittelmeermöwen.

Durch ihre Dominanz hatte die Mittelmeermöwe aufwendige Bemühungen von Ornithologen zerstört: Viele Jahre lang brüteten 100 Lachmöwen-Paare und eine Flussseeschwalben-Kolonie am Klingnauer-Stausee.

Es wurden dafür extra Bruthilfen aufgestellt. Seit 2003 ist keine einzige Lachmöwe und kein Flussseeschwalben-Paar mehr da. Gut möglich, dass es an der Mittelmeermöwe liegt, die nun am Stausee brütet.

Die ersten Paare kamen im Jahr 2003. Und obwohl die Möwen oft in der Nähe ihrer Nistplätze bleiben, gibt es immer wieder mutige Paare, die sich aufmachen, um einen neuen Brutplatz zu finden und dort eine neue Kolonie im Aargau zu gründen.

Natürliche Entwicklung

Schadet der Einwanderer vom Meer unserer Vogelwelt? Die Aargauerin Claudia Müller von der Vogelwarte Sempach sagt, dass es der Lauf der Natur sei, dass Arten auf natürliche Weise einwandern. Und wo sich Arten ausbreiten, können andere verschwinden.

Trotzdem überlegen Ornithologen, ob im Klingnauer Stausee spezielle Nisthilfen gebaut und aufgestellt werden sollen, die so konstruiert sind, dass sie von den grossen Mittelmeermöwen nicht genutzt werden können und den beiden kleineren Arten dennoch Brutplätze bieten, sagt Müller. Die ursprünglichen Brutplätze der Flussseeschwalbe wurden durch die Gewässerkorrekturen zerstört.

Die Möwe kam vom Mittelmeerraum via Rhonetal in die Westschweiz. Dort gibt es heute die grössten Kolonien. Kaum Mittelmeermöwen gibt es in der Ostschweiz. Insgesamt leben rund 1000 Brutpaare in der Schweiz. In einigen Ländern vermehrt sich die Mittelmeermöwe stark. Ein möglicher Grund: Sie ernährt sich gern von Abfall, ist sie doch eine Allesfresserin – wie unsere Krähe.

Müller glaubt aber nicht, dass die Mittelmeermöwe im Aargau überhandnimmt. Die Brutplätze seien im Aargau mit seinen kleineren Gewässern beschränkt. Zudem sei das Nahrungsangebot hier nicht so attraktiv wie am Meer oder auch am Neuenburgersee, wo es einige Hundert Brutpaare auf kleinem Raum gebe.

Aktuell leben im Aargau etwa 150 Mittelmeermöwen an verschiedenen Standorten. Vier Paare brüten auf dem Flachdach des Paul-Scherrer-Instituts in Würenlingen. Claudia Müller sagt, dass ein solches Flachdach den natürlichen Brutplätzen der Mittelmeermöwen recht nahekomme. Am Meer nisten die Möwen oft auf Klippen – also ebenfalls in luftiger Höhe.