Aargau
Immer mehr Büsi und Hunde werden kremiert

Besitzer von Haustieren entscheiden sich vermehrt für eine Kremierung statt der Entsorgung in der Tierkadaverstelle. Sogar Schlangen, Schildkröten und Vögel werden eingeäschert. Vielen Besitzern hilft das über die Trauer hinweg.

Pascal Meier
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Mit der Evolution des Hundes vom Wächter zum treuen Gefährten und der Entwicklung der Katze von der wilden Mäusefängerin zum Familienmitglied hat sich die Einstellung zum Tod von Haustieren fundamental verändert. Fido und Schnurrli werden heute oft kremiert statt in der Mulde der Tierkadaverstelle entsorgt.

«Immer mehr Kleintierhalter möchten eine Kremierung», weiss Esther Sager. Sie ist seit 14 Jahren Beraterin im Tierkrematorium Seon, der grössten von acht Einrichtungen in der Schweiz. In drei Öfen werden täglich insgesamt rund 50 Tiere eingeäschert, pro Jahr über 12 000.

Das Tierkrematorium Seon
10 Bilder
Das Tierkrematorium Seon führt auch Trauergespräche
Pfoten-Gipsabdruck als Geschenk für den Tierhalter
Nach der Kremation werden die Knochenreste fein gemahlen
Verschiedene Urnen stehen zur Auswahl
Verschiedene Urnen stehen zur Auswahl
Die Asche des verstorbenen Tieres ist für den Versand bereit.
Die Asche des verstorbenen Tieres ist für den Versand bereit.
Gemeinschaftsgrab auf der Rückseite des Tierkrematoriums
Gemeinschaftsgrab auf der Rückseite des Tierkrematoriums

Das Tierkrematorium Seon

Pascal Meier

Das 16-köpfige Team arbeitet mit Tierärzten aus der ganzen Schweiz zusammen und hat errechnet, dass heute etwa jedes sechste Haustier kremiert wird. Der Boom beschränke sich nicht nur auf Hunde und Katzen: «Wir äschern auf Wunsch Schlangen und Echsen ein.» Auch Schildkröten, Meersäuli, Vögel, Igel und eine Vogelspinne habe man schon kremiert.

Zwischen den Tierarztpraxen schwankt dieser Anteil jedoch stark: In der «Tierklinik 24» in Staffelbach werden sogar 80Prozent der Haustiere, die durch Injektion von ihrem Leiden erlöst werden, später kremiert. «Die Tendenz zur Kremation ist ungebrochen», sagt Tierarzt Hansjakob Leuenberger, der seit 30 Jahren in der Tierklinik arbeitet. «In den 1990er-Jahren hat man darüber geschmunzelt, heute ist das bei uns die Regel.»

Die Kremierung eines Büsis kostet 150 Franken

Das sehen viele Tierhalter ähnlich. «Ein Tier ist ein Lebewesen, das man nicht einfach wegwirft», sagt eine Frau auf dem Parkplatz des Krematoriums Seon. Sie hat bereits mehrere Katzen einäschern lassen, die Entsorgung in der Tierkadaverstelle findet sie würdelos. «Vor allem, wenn man viele Jahre miteinander verbracht hat.»

Eine Kremierung sei zudem nicht teuer: Die Einzelkremation eines vier Kilo schweren Büsis schlägt mit 150 Franken zu Buche, ein 20 Kilo schwerer Hund mit 245 Franken. Die Preise richten sich nach Gewicht. Transportkosten, Urne und Spezialwünsche werden extra verrechnet.

Trauernde aus der ganzen Schweiz am Gemeinschaftsgrab

Die Kremierung ist in Seon auch Trauerarbeit. Auf diese hat man sich hier spezialisiert. «Der Tod eines Tieres kann den gleichen Trauerprozess auslösen, den wir beim Tod eines Menschen erleben», so Esther Sager, die als Mentaltrainerin Vorträge zum Thema hält. In Seon können Tierbesitzer deshalb verstorbene Büsi und Hunde vorbeibringen und mit geschulten Mitarbeitern Abschied nehmen. Neun von zehn Tieren werden zwar bei Tierärzten abgeholt, «der persönliche Abschied bei uns ist aber vielen ein Bedürfnis», so Sager.

Abschied genommen wird in einem der stilvollen Empfangsräume. Diese sind nach Feng-Shui eingerichtet, klein und in warmen Farben gehalten, was Geborgenheit vermittelt. Hier wird das Administrative besprochen: Ist eine Einzel- oder Sammelkremation gewünscht? Im ersten Fall erhält der Tierhalter die Asche zurück, im zweiten wird diese im Gemeinschaftsgrab beim Krematorium beigesetzt. Dieses wird von Menschen aus der ganzen Schweiz besucht. Trauernde zünden Kerzen an, legen Blumen nieder, weinen.

Asche wird oft verstreut

Die grosse Mehrheit bevorzugt jedoch die Einzelkremation und wählt eine Urne. Diese gibt es in Herzform, als Statue, Steine, Pyramiden. Eine Künstlerin bemalt Urnen auf Wunsch mit den Gesichtszügen des eigenen Tieres. Das möchten aber nur wenige. Kaum gefragt ist auch die Option, die Asche extern zum Diamanten verarbeiten zu lassen.

Am beliebtesten ist die schlichteste aller Varianten: das Stoffsäckli. Denn rund die Hälfte der kremierten Tiere wird nicht in einer Urne in der Wohnung stehen. Viele Besitzer verstreuen die Asche, etwa im Garten oder auf dem Lieblingsspazierweg.

Zurück bleiben nur Knochenreste

Die Gespräche, die das Krematorium-Team mit trauernden Tierbesitzern führt, gehen tief. Oft öffnen sich weitere Gräben. Menschen sprechen zuerst über ihr Büsi und weinen plötzlich wegen anderer Dinge. Etwa über den Verlust des Partners. «Wir nehmen Anteil, sind aber keine Psychologen», so Esther Sager.

Nach dem Gespräch verabschieden sich Trauernde von ihrem Tier, dies ungestört und so lange, wie sie wollen. Oft stehen ganze Familien vor dem Chörbli. Tränen fliessen. Die Kremation findet im anderen Gebäudeteil statt. 800 bis 900 Grad heiss ist es in den Öfen. Die Einäscherung eines Büsis dauert etwa 45 Minuten, jene eines 20 Kilo schweren Hundes über zwei Stunden. Anschliessend wird die Asche abgekühlt. Diese ist nicht feinkörnig, was ein verbreiteter Irrtum ist: Nach einer Kremation bleiben Knochenreste zurück, die gemahlen werden. Farblich unterschiedet sich die Asche zudem stark. Grund sind Erinnerungsgegenstände, die dem Tier mitgegeben wurden.

Die Asche schickt das Tierkrematorium dem Tierarzt zur Abholung zurück oder an den Besitzer. Auf Wunsch kann diese auch abgeholt werden. Wer möchte, kann in Seon bei der Kremation dabei sein, was oft verlangt wird.

Auch Tiere vom Ausland in Seon

Mit diesem Komplettangebot an Kremation und Trauerbegleitung hat das Seoner Tierkrematorium Erfolg. Kunden sagen, dass die Betreuung besser sei als in Krematorien für Menschen. Das Angebot ist so begehrt, dass das Seoner Team gar Tiere in Deutschland und Österreich abholt. «Schweizer Qualität wird auch hier geschätzt», sagt Esther Sager. Und auf diese achte man: Denn Tierhaltern sei es wichtig, die richtige Asche zu bekommen. «Das ist in den Gesprächen ein wichtiges Thema.» Deshalb erhält jedes Tier eine nummerierte Marke, die den ganzen Kremationsprozess mit dem Tier durchläuft und am Schluss in der Urne landet. «So können wir garantieren, dass keine Asche verwechselt wird.»

Trauerarbeit, Feng-Shui, Gemeinschaftsgrab, nummerierte Marken: Das Tierkrematorium überlässt nichts dem Zufall. Als Geschenk erhält jeder Tierhalter, der sein Tier selber ins Krematorium bringt, einen Pfoten-Gipsabruck. So verlässt mancher Seon etwas weniger traurig.

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