Hilfe vor Ort
Immer mehr Aargauer wollen nicht spenden – sie wollen vor Ort anpacken

Wer anderen helfen will, kann spenden. Oder: gleich vor Ort gehen. Immer mehr Aargauer tun das. Fünf erklären, warum

Mario Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
«Jenen, die wir erreichten, bedeutete unsere Hilfe sehr viel.» Stefan Dietrich an Weihnachten 2015 beim Kauf von Lebensmitteln und Hygieneartikeln für Flüchtlinge in Belgrad.
5 Bilder
«Gut wäre, wenn jetzt ein Schweizer Team nach Como fahren würde. Unser Fahrzeug wäre zu haben.» Christian Rüegg kochte in Piräus Suppe und Tee für Flüchtlinge.
«Hey, das ist unsere Chance», sagten sich Michael Büchler und Manuela Flory. Sie kündigten Job und Wohnung, jetzt helfen sie ein Jahr lang in einem Landspital auf Haiti.
Sie wollen anpacken statt spenden
«Ich wollte meine Fähigkeiten für etwas einsetzen, hinter dem ich absolut stehen kann.» Manuel Brunner Mitarbeiter Ärzte ohne Grenzen

«Jenen, die wir erreichten, bedeutete unsere Hilfe sehr viel.» Stefan Dietrich an Weihnachten 2015 beim Kauf von Lebensmitteln und Hygieneartikeln für Flüchtlinge in Belgrad.

Zur Verfügung gestellt

Wer regelmässig diese Zeitung liest, kann zum Schluss kommen: Der Aargau muss so etwas wie ein «Helferkanton» sein. Die Auswahl darauf hindeutender Schlagzeilen war im letzten Jahr gross: Freiämter hilft bei Cholera-Bekämpfung; weit über hundert Freiwillige melden sich, um Flüchtlingen zu helfen; fünf neue Häuser aus dem Aargau für Nepal. Und weiter: Aargauer brachten Flüchtlingen drei Tonnen Kleider; Zofingerin half über Silvester Flüchtlingen auf Samos; Oberentfelderin brachte 700 Rettungsdecken nach Lesbos.

Immer mehr Aargauer und vor allem Aargauerinnen entscheiden sich, selber dahin zu reisen, wo Menschen Not leiden. Geld zu spenden, genügt ihnen nicht (mehr) – sie eröffnen eigene Sammeltöpfe und werden belohnt: von Familie, Freunden, Arbeits- und Vereinskollegen. Vom KMU aus dem Dorf, das jetzt nebst der Tombola des Theaterkorps auch das Hilfsprojekt der Regisseurin berücksichtigt.

Auffallend: Viele helfen nicht im Stillen, sondern werben für ihre Aktionen, führen Online-Journale, lassen sich von Illustrierten ablichten. Quasi nach dem Motto «Tu Gutes und rede darüber», das sinnigerweise im Original auf dem Buchdeckel eines Public-Relations-Standardwerks stand. Ist das eine neue Helferkultur? Oder bloss eine andere, besser in den Zeitgeist passende oder eben an den Zeitgeist angepasste? Die az hat bei Freiwilligen, die in Krisengebiete reisten oder aktuell Einsätze leisten, sowie bei Hilfswerken nachgefragt.

Freiwillig, aber hauptberuflich

Vor anderthalb Jahren verliess Manuel Brunner aus Villmergen sein altes Leben mit Festanstellung bei der Credit Suisse. Inzwischen stand er für Médecins sans Frontières (MSF) bereits in Tansania und im Libanon im Einsatz. «Ich wollte meine Fähigkeiten für etwas einsetzen, hinter dem ich absolut stehen kann», sagt der 27-Jährige, als die Internet-Telefonleitung zustande kommt. Man verbringe so viel Zeit im Job – so sei für ihn klar gewesen: «Ich will nicht als Freiwilliger helfen, sondern hauptberuflich.» Im Feld ist er mit zwei Assistenten verantwortlich für das Finanz- und Personalwesen. Dass es in Europa einen Trend gebe, sich etwa für Flüchtlinge zu engagieren, sei schön. Es gebe aber viele, «die aus einer Emotion heraus helfen wollen, aber bald die Lust verlieren.» MSF etwa habe massiv zu wenig Leute – vor allem solche, die länger blieben. Ein Einsatz dauere in der Regel ein halbes Jahr, die meisten verliessen die Organisation danach wieder. Er habe auch Angst gehabt, den Schritt nicht genug überlegt, eine romantische Vorstellung von der Entwicklungshilfe gehabt zu haben. «Bei mir hat sich das zum Glück nicht bewahrheitet. Wohl, weil ich mich vier Jahre lang eingelesen und alles gut überlegt hatte.» Schliesslich habe er sich gedacht: «Wenn ichs jetzt nicht probiere, bereue ich es mein Leben lang.»

«Finden das gut»

Gerade junge Menschen helfen lieber selber, als Geld zu spenden. Spüren das die etablierten Hilfswerke? Nein, sagt Stefan Gribi, Sprecher von Caritas Schweiz: «Einen Vertrauensschwund stellen wir nicht fest. Wir verzeichneten im letzten Jahr das zweithöchste Spendenergebnis überhaupt.» Das sei insbesondere auf die Flüchtlingskrise zurückzuführen. Dass die Flüchtlingskrise private Initiativen fördere, sei «eine erfreuliche Entwicklung». Auch Lorenz Kummer, Sprecher von Swissaid, sagt: «Wir finden es gut, wenn sich Private persönlich engagieren.» Das habe aber nicht zur Folge gehabt, dass die Spenden rückläufig geworden wären, man befinde sich etwa auf Vorjahresniveau. «Ich interpretiere es so», sagt Kummer: «Das eine geht nicht zulasten des andern. Eher ist es so, dass sich viele zusätzlich einsetzen wollen, weil sie sehen, dass das Krisengebiet plötzlich ganz nah gekommen ist, weil man die Gegend vielleicht aus seinen Ferien kennt.» (rio)

Auch aus dem Freiamt in die Welt aufgebrochen sind Manuela Flory (Bünzen) und Michael Büchler (Tägerig, beide 27). Auf dem Blog «M&M in Haiti» berichten sie über ihren Einsatz im Hôpital Albert Schweitzer in Deschapelles im ländlichen Artibonite-Tal. 130 Betten, 500 Mitarbeitende, ein Einzugsgebiet von rund 300 000 Bewohnern. Das Aargauer Paar hat sich seinen Hilfseinsatz selber organisiert, sie als Ergotherapeutin, er als Fachmann in der Administration. In der Schweiz ist es Samstagabend, in Haiti Samstagvormittag – die zwei haben gerade frei und Zeit für ein Videotelefonat mit der az. «Ich habe früh die Bücher von Lotti Latrous verschlungen», erzählt sie. «Und ich hatte einen Berufsschullehrer, der früher für das IKRK unterwegs war. Das hat mich inspiriert», sagt er. Als sie sich kennen gelernt und gemerkt hatten, dass sie den gleichen Wunsch hegten, hatten sie sich gesagt: «Hey, das ist unsere Chance.» Sie kündigten Jobs, Wohnungen, Natel-Abonnements. Warum haben sie sich entschieden, vor Ort zu gehen, statt beispielsweise dem Schweizer Hilfswerk zu spenden, das das haitianische Spital mitfinanziert? «Wir wollten mit unseren beruflichen Fähigkeiten etwas bewirken und aus der Komfortzone ausbrechen», sagt Manuela. Wenn man sehe, wie die von Armut geplagten Haitianer den Alltag meisterten, würden die meisten Probleme, die man in der Schweiz kenne, ziemlich klein. Das Online-Journal schreiben die beiden vor allem für die Familien und Freunde in der Schweiz und nicht, um sich selber darzustellen. «Wichtig ist einzig», sagt Michael, «dass unsere Arbeit hier weiterlebt, wenn unser Jahr vorbei ist.»

Nicht die Menschheit retten

Als im Herbst 2015 Zehntausende Flüchtlinge auf der Balkanroute nach Europa kamen, erinnerte sich Stefan Dietrich an die Jugoslawienkriege der Neunzigerjahre. Damals fuhr der Deutsche, der seit Jahren in Bremgarten lebt, Hilfstransporte über die Grenze: «Ich wollte sehen, wo das Material hinkommt, mit allen positiven und negativen Eindrücken.» Diesmal war die Situation für ihn eine neue: Er war kein ungebundener Student mehr, sondern Vater dreier Kinder, Lehrer und SP-Bezirksparteipräsident. Zudem absolvierte er gerade eine Weiterbildung. «Ich hatte nur wenig Zeit und wollte diese möglichst effizient einsetzen.» Nach wie vor hatte er gute Kontakte in Slowenien, Kroatien, Serbien. Die nächsten Familienferien wurden zur Erkundungstour: «Wir fuhren die nördliche Balkanroute ab. Für uns war klar: Da muss man etwas tun.» Zurück in Bremgarten, gründete er zwecks Arbeitsteilung und Transparenz mit Stefanie Meyer und Gleichgesinnten den Verein «Help now». Im November folgte der erste Transport, vor allem mit Winterkleidern. Vor Ort wurden Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft und übergeben. Geld zu spenden, hätte Dietrich nicht gereicht. «Ich musste etwas tun. Mir ist klar, dass man damit die Menschheit nicht rettet. Aber jenen, die wir erreichten, bedeutete unsere Hilfe sehr viel.» Die grossen Hilfswerke leisteten gute Arbeit, seien aber träger. In Facebook-Gruppen könne man blitzschnell absprechen, was wo benötigt werde. Jetzt überlegt sich «Help now» die Fusion mit ähnlichen Vereinen. Gemeinsam, so hofft Dietrich, könnte man noch mehr bewirken.

«Gut wäre, wenn jetzt ein Schweizer Team nach Como fahren würde. Unser Fahrzeug wäre zu haben», sagt Christian Rüegg, 27, Gartenbauer in Berikon. Unter der wunderbaren Wortkreation «Soup-Port» fuhr er mit Freunden im vergangenen Winter nach Griechenland. Im Hafen von Piräus kamen 6000 Flüchtlinge an – pro Tag. Das «Soup-Port»-Team hatte eine mobile Küche eingerichtet und bis zu 2000 Portionen Suppe und Tee für die oft unterkühlten Ankömmlinge gekocht. Statt wie sonst «im Winter an einem Strand zu hängen». «Zuerst wollten wir in den Balkan. Aber da waren schon viele andere, also entschieden wir uns spontan für Griechenland», erzählt Rüegg. Vorgängig hatte man sich informiert, welche Probleme auftauchen könnten, was es an Regeln im Umgang mit Flüchtlingen gibt. «Wir haben sogar ein Konzept geschrieben», sagt Rüegg. «Im Nachhinein wäre das nicht nötig gewesen, aber wer weiss, vielleicht lief auch deshalb alles so einwandfrei.» Nur dem Fernsehen habe man aus dem Weg gehen müssen: «Viele wollen einfach ihre Bilder haben. Das hat uns abgelöscht.» Stattdessen Geld zu spenden, wäre für das Team «die schlimmste Option» gewesen: «Es geht ums Vertrauen. Ich will niemanden anschwärzen. Aber je grösser eine Organisation, desto schwieriger die Finanzkontrolle.»

Drei Monate blieben die jungen Aargauer in Piräus. Jetzt, in der wärmeren Jahreszeit, müssen sie wieder in Schweizer Gärten arbeiten. Das Küchenfahrzeug steht in Berikon. Auf Facebook ist es ausgeschrieben – gratis. Aber nur für den richtigen Zweck.