Die Frau zu erreichen, ist nicht so einfach. Meistens hat sie Flugdienst. Dann ist sie irgendwo in der Luft, hoch über einem Ozean. Mit Piloten, Patienten, einem Arzt und allem, was es in einer fliegenden Intensivstation sonst noch braucht – aber ohne Handyempfang.

«Gerade im Sommer bin ich wenig zu Hause. Dann fliegen alle Schweizer Bürger in die Ferien, und wir haben mehr zu tun», sagt Yvonne Horisberger, stellt zwei Tassen Kaffee und ein Kännchen Milch auf den Tisch.

An diesem Augustdonnerstag hat sie gerade keinen Flugdienst. Sie wäscht, geht spazieren, schaut zu den Katzen, Hasen und Hühnern, die in und um das ruhig-grün gelegene Haus im Zentrum von Reitnau leben. An den Wänden hängen Poster und Sticker von Delfinen, Seehunden, Rochen: Die Mitbewohnerin ist eine Meeresforscherin.

Meistens weiss Yvonne Horisberger am Vorabend, wann sie das Rollköfferchen packen und die Normalität hinter der Haustür zurücklassen muss. Je nach Dienst bleiben ihr vor einem Abflug eine oder zwei Stunden Zeit, um zur Rega-Basis am Flughafen Zürich zu kommen.

Ausser in offizielle Kriegsgebiete fliegen die Rega-Jets überallhin. Wo sie schon überall war, weiss die 45-Jährige aber nicht: «Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich meinen Job gut mache.»

Auf einer Flugroute werden in der Regel mehrere Patienten transportiert. Je nach Flugdauer sind zwischen zwei und vier Piloten dabei, die sich abwechseln.

Zusammen mit einem Arzt muss die gebürtige Interlaknerin an Bord alles im Auge und im Griff behalten. Wie gut das geht, kommt darauf an, wer transportiert wird: «Wenn jemand einen nicht lebensbedrohlichen Bruch hat, ist es natürlich lockerer, als wenn wir eine verletzte Familie fliegen, die in den Ferien bei einem Unfall ein Mitglied verloren hat.»

Sie weiss: «Ich muss immer voll konzentriert bleiben. Denn man ist ziemlich alleine da oben.» Mit den Piloten sei es manchmal «wie im Skilager»: Man werde zusammengeschweisst, gerade, wenn man schwere Schicksale miterlebe.

Wie auf einer Intensivstation

Zur Rega kam Yvonne Horisberger, nachdem sie sieben Jahre auf der Intensivstation gearbeitet und sich weitergebildet hatte. Seit bald 14 Jahren fliegt die Single-Frau nun um die Welt. «Der Beruf ist beliebt in unserem Metier, aber man muss es wirklich gerne machen und sehr flexibel sein.»

Ihre Aufgaben an Bord könne man mit jenen einer Intensivstation vergleichen: «Ich führe die Therapie weiter, passe sie wenn nötig an.» Man versuche auch, die Patienten zu pflegen und bei Intubierten Mundpflege zu machen. Gerade auf kurzen Flügen sei das aber sekundär.

Es braucht nicht immer zwingend einen der drei Rega-Ambulanzjets. Erlaubt es der Zustand des Patienten, kann der Rücktransport auch in einem Linienflugzeug erfolgen: Ein mobiles Bett wird über heruntergeklappte Sitzreihen gebaut, ein Vorhang schützt vor Gaffern.

«Der Patient ist dennoch ziemlich ausgestellt, denn bei Start und Landung müssen die Vorhänge geöffnet bleiben.»

Speziell in Erinnerung geblieben ist ihr eine Erdumrundung: Eine Crew brachte einen Patienten aus Abu Dhabi nach Zürich, die nächste Crew flog weiter nach Kalifornien, wo der Mann «abgeliefert» wurde, und nach einer Übernachtung und weiteren Flugstunden wurden in Australien zwei Patienten für die Schweiz aufgeladen. «Da hatte ich ein Durcheinander. Kein Wunder, bei so vielen Zeitzonen!»

Der Gefahr aus dem Weg gehen

Das grösste Risiko ist der Transport vom Spital zum Jet. «In der Regel werden wir von einer Ambulanz am Flughafen abgeholt und ins Spital gebracht.» Dort müsse man erst den Patienten suchen, nicht jedes Spital sei gut organisiert.

Bevor eingeladen wird, spricht das Rega-Team mit Pflegenden und behandelnden Ärzten, beschafft sich alle Berichte, bespricht mit dem Patienten, wie es weitergeht. «Die Leute sind immer glücklich, wenn wir kommen.»

In kritischen Ländern hole man die Patienten nicht ab. Aus Sicherheitsgründen werden sie aufs Flugfeld gebracht. Lokale Ambulanzfahrer kommen besser mit den holprigen Strassen zurecht und werden von Truppen oder Kriminellen respektiert. «Wir sind eine offizielle Organisation, wie das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen, deshalb könnten wir potenzielle Entführungsopfer sein.»

An diesem Augusttag hat Yvonne Horisberger noch ein paar Stunden, bevor sie die Normalität wieder hinter der Haustür zurücklässt. Vorher geht sie schwimmen, mit Schnorchel und Flossen im Vierwaldstättersee. In der Badi müsse man immer sofort wenden. Das sei doch langweilig.