Wochenkommentar
Im «Pillenkrieg» sind die Apotheker in der Offensive

Der Wochenkommentar zu den Volksinitiativen für und gegen die Medikamentenabgabe durch Ärzte.

Thomas Röthlin
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Pillen

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Schweiz am Sonntag

Am 22. September stimmen wir im Aargau über zwei Vorlagen zum gleichen Thema ab. Das Spezielle dabei: Wir können auf unsere Stimmabgabe verzichten, leer einlegen, zweimal Nein stimmen (so wie der Grosse Rat diese Woche), einmal Ja stimmen, zweimal Ja stimmen – und alles bleibt beim Alten.

Nur wenn wir der Ärzte-Initiative «Ja zur ärztlichen Medikamentenabgabe» zustimmen und die Gegen-Initiative «Miteinander statt Gegeneinander» der Apotheker ablehnen, ändert sich etwas.

Nur dann nämlich wird auch im Kanton Aargau die sogenannte Selbstdispensation eingeführt. Bei einem doppelten Ja obsiegt die Apotheker-Initiative, weil sie in die Verfassung geschrieben werden soll. Die Ärzte-Initiative hingegen will das Gesundheitsgesetz ändern, und Gesetze sind der Verfassung untergeordnet.

Selbstdispensation ist, wenn uns der Arzt ein von ihm verschriebenes Medikament gleich selbst aushändigen darf. Wir müssen nicht unbedingt eine Apotheke aufsuchen.

Der Apothekerverband schimpft das politische Ansinnen der Ärzte eine PR-Offensive. Er befürchtet, dass 50 der 110 Apotheken schliessen müssten und 500 Arbeitsplätze verloren gingen.

Um den steigenden Gesundheitskosten und dem Hausärztemangel zu begegnen, brauche es das «Miteinander der Medizinalberufe».

Die Apotheker wollen deshalb, dass Ärzte wie bisher nur in drei Fällen Medikamente abgeben dürfen: 1. im Notfall, 2. wenn der Patient die Pille sofort schluckt und 3. wenn die nächste Apotheke zu weit weg ist.

Der Ärzteverband findet das «nicht mehr zeitgemäss». Die neue «Wahlfreiheit» sei im Sinn der «mündigen Patienten» und erspare ihnen «zusätzliche Umtriebe». Als Nutzniesser äussern sich die Ärzte vorsichtig.

Sie fordern «faire Wettbewerbsbedingungen» und räumten 2009 ein: «Die Frage der Wirtschaftlichkeit der Medikamentenabgabe konnte bisher nicht abschliessend geklärt werden.»

Die Apotheker haben da eine klare Meinung. Sie zitieren eine Studie, wonach in Kantonen mit Selbstdispensation die Medikamentenkosten pro Einwohner bis zu 243 Franken höher sind. Der Grund: Ärzte verschrieben teurere Medikamente, weil sie so mehr verdienten.

Auf die Zahlen der Apotheker können wir uns nicht verlassen. Schon 2004 behauptete der Krankenkassenverband Santésuisse das Gegenteil: Der Aargau sei teurer als Luzern mit Selbstdispensation.

Weil uns der «Pillenkrieg» aber nicht nur ans Portemonnaie, sondern wortwörtlich auch ans Lebendige geht, ist neben den Kosten die Qualität wichtig. Hier trumpfen die Apotheker mit schlagenden Argumenten auf: Nur sie könnten Verschreibungsfehler erkennen und korrigieren.

Nur sie könnten den Patienten auf Wechselwirkungen zwischen Medikamenten aufmerksam machen, die von verschiedenen Fachärzten verschrieben wurden.

Und nur sie würden statt des teuren verschriebenen Medikaments das billige Generikum aushändigen, weil ihr Verdienst nicht von der Marge abhänge.

Das sitzt. Hinzu kommt die Versorgungsstruktur. Die in der Aargauer Zeitung am Dienstag abgebildete Karte zeigt: Es gibt kaum Gemeinden, die weder im Einzugsgebiet einer Apotheke liegen noch einen Arzt in der Nähe haben, der ausnahmsweise Selbstdispensation betreiben darf.

Das heisst: Die Medikamentenabgabe ist heute gut organisiert und auf die geografischen Eigenheiten des Kantons zugeschnitten.

Die Karte stammt von den Apothekern. Wenn uns die Ärzte bis im Sommer davon überzeugen wollen, warum ein gut funktionierendes System abgeschafft werden soll, müssen sie einen Zacken zulegen. Und uns vor allem glaubhaft machen, dass es ihnen nicht nur ums Geld geht.

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