Psychiatrie
«Im Gefängnis ist es besser»: Ein Tag in der Psychiatrie Königsfelden

Die Patienten der forensischen Station P4-2 der Psychiatrischen Klinik Königsfelden haben ein Verbrechen begangen, das mit einer psychischen Störung in Zusammenhang steht. Hier sollen sie resozialisiert werden.

Dominic Kobelt**
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zvg/Palma Fiacco

Stefan Langer blickt über seine Schulter, wartet, bis die erste Tür der Schleuse zu ist, und öffnet dann die zweite. Er trägt einen weissen Kittel und eine Brille, er könnte Pfleger in einem beliebigen Krankenhaus sein. Auch der Gang, den er durchläuft, vermittelt Krankenhaus-Atmosphäre, der Boden ist aus hellbraunem Linoleum, leicht zu reinigen.

Rund ein Dutzend Patienten, fast alles Männer, sitzen im Aufenthaltsraum der forensischen Station P4-2, es ist 8.30 Uhr. Einige schauen auf, als Langer den Raum betritt, andere scheinen ihn gar nicht wahrzunehmen. Keiner von ihnen ist freiwillig hier.

P4-2 ist eine von zwei forensischen Stationen der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, diejenige mit höherer Sicherheitsstufe. Trotzdem ist es keine Hochsicherheitsstation, hier versucht man die Täter zu resozialisieren. Der Mörder von Lucie wurde nicht aufgenommen, es gibt keine verwahrten Täter. Der Gang beschreibt ein grosses U, zur Linken die Patientenzimmer, die durch zwei Türen gesichert sind, zur Rechten etwa die Waschküche und das sogenannte Fixierzimmer.

«In den renovierten Zimmern ist die Toilette so gebaut, dass man sie auch mit viel Kraft nicht herausreissen kann», wird Langer später bei einem Rundgang sagen, während er am Spülkasten aus Chromstahl mit den abgerundeten Ecken rüttelt. Langer sagt: «Wer auf P4-2 ist, hat ein doppeltes Problem: Er ist nicht nur kriminell, sondern auch krank.»

«Im Gefängnis ist es besser»

Es ist kurz nach 9 Uhr. Nachdem Langer die Patienten begrüsst hat, sitzt er im Personalraum und studiert eine Akte. Es klingelt. Zwei Männer der Kantonspolizei warten im Gang. Langer muss eine Ärztin in das Zimmer eines jungen Mannes begleiten, der in Untersuchungshaft ist. Wegen Suizidgefahr kam er zur Krisenintervention in die Klinik und soll nun zurück ins Gefängnis nach Lenzburg. Bevor dies geschieht, muss abgeklärt werden, ob sein Zustand das zulässt.

Der junge Mann, keine dreissig, sitzt auf der Bettkante, fährt sich mit den Händen durch die blonden Locken, fixiert einen Punkt am Boden. Er trägt einen grauen Trainer. Ob er Suizidgedanken habe, fragt ihn die Ärztin. «Nein, das war früher.» Im Gefängnis sei es aber besser als hier, er fühle sich einsam, trotz Betreuung. «Ist Ihnen denn der Kontakt mit anderen Personen wichtig?» Der junge Mann zupft mit der rechten Hand an den Fingern der linken. «Ja, aber nicht zu viele», sagt er. «Zwei oder drei wären gut.»

Es sei ein Dreiecksverhältnis zwischen Justiz, Patient und Therapie, das in der forensischen Behandlung zu berücksichtigen sei, erklärt Langer. Die Patienten haben vom Gericht eine Massnahme auferlegt bekommen, wie lange jemand hier drinbleibt, entscheidet letztlich das Gericht. «Die Justiz stützt sich sehr auf die Gutachten», sagt Langer.

Herr Müller hasst den Stock

Es ist 10.40 Uhr, als Herr Müller* versucht, sich in die Schleuse zu zwängen. Er ist gross, schlank, sein Haar ist etwas zerzaust. Eine Pflegerin hält ihn zurück, ihre Kollegin kommt ihr zu Hilfe. «Wo ist ihr Stock, Herr Müller? Sie wissen, dass sie nicht ohne Stock aus dem Zimmer dürfen.» Herr Müller hat sich mehrmals Frauen genähert, sie berührt, gestreichelt. Er kennt den natürlichen sozialen Abstand nicht, der für einen gesunden Menschen selbstverständlich scheint und ist «leicht minderintelligent», wie eine Pflegerin erklärt. Der Gummistock soll ihn daran erinnern, warum er hier ist und wie gross der Abstand zwischen ihm und den Mitmenschen sein soll. Herr Müller hasst den Stock.

Patienten, welche die forensische Station P4-2 wieder verlassen dürfen, haben zehn Stufen durchlaufen. Müller ist auf Stufe eins, er darf nur mit Begleitung in den Garten, der von einem Maschendrahtzaun eingegrenzt wird. Ein athletischer Mann würde es schaffen, über den Zaun zu klettern, aber nur noch bis Mitte Februar, dann zieht die Station in ein neues Gebäude, der Garten wird versenkt, der Zaun wird höher und schwieriger zu überwinden.

Auf Stufe fünf darf man mit einem Betreuer das Areal verlassen, darf in der Migros einkaufen. Auf Stufe zehn ist ein Übernachtungsurlaub möglich. Wer sich an die Regeln hält, kann eine höhere Stufe beantragen – neben dem Fortschritt in der Behandlung wird die Fluchtgefahr berücksichtigt und die Höhe des Risikos, dass bei einer Flucht jemand gefährdet würde. Hat die Behandlung Erfolg, dann kommen die Patienten in eine andere Abteilung mit geringerer Sicherheitsstufe. In seltenen Fällen wird jemand direkt in die ambulante Behandlung entlassen.

Von angespannten Backenmuskeln

Das Restaurant im Begegnungszentrum ist um die Mittagszeit voller Leute. Langer isst deshalb im Personalraum, wir teilen uns eine Packung Knabbergebäck und ein paar bunte Maoam-Kaubonbons. Um 13 Uhr kommt am selben Tisch das zwölfköpfige Pflegeteam zusammen und tauscht sich darüber aus, was in der letzten Schicht passiert ist. Ein Patient hat Mühe damit, Dinge wegzuwerfen, und sammelt neuerdings Feuerzeuge und Urinbecher.

Ein anderer sei «unterschwellig genervt», habe öfters angespannte Backenmuskeln, berichtet eine Pflegerin. Es gibt aber auch positive Entwicklungen, eine Frau sei besonders fröhlich gewesen, habe über Waschpulver und Umweltschutz referiert. Sie sei «lebendiger in der Mimik» als noch vor ein paar Tagen.

Neben den Beobachtungen des Pflegeteams sind zur Beurteilung der Patienten die Therapien massgebend. So die Ergotherapie, wo Patienten mit handwerklichen und gestalterischen Aufgaben psychisch stabilisiert werden sollen. «Es geht dabei nicht darum, dass sie möglichst gut Tomaten anpflanzen oder Karten basteln können», erklärt Langer. «Es geht um das deliktrelevante Verhalten, zum Beispiel, ob jemand andere Menschen manipuliert.» Andere wichtige Aspekte von Therapien seien auch, jemandem nicht immer gleich das zu geben, was er verlangt, ihm Grenzen zu setzen und Strukturen aufzubauen.

Wenn Langer mit den Patienten spricht, wirkt er bestimmt. Er hört aufmerksam zu, seine Antworten sind sachlich, unaufgeregt, unverhandelbar. Wie schafft man es, einem Pädophilen oder einem Vergewaltiger so ruhig gegenüberzutreten? «Private Aspekte treten in den Hintergrund. Ich muss nicht verurteilen, sondern beurteilen», sagt Langer, der viele Jahre Erfahrung in der Forensik hat. «Manchmal hilft es mir, wenn ich mir klarmache, was meine Aufgabe ist. Das ist mein Anker.» Bei der Beurteilung stehe die Sicherheit der Bevölkerung im Vordergrund. Auf die Genfer Therapeutin angesprochen, die von einem Patienten auf dem Weg zur Reittherapie ermordet wurde, meint der Stationsleiter: «Das war sehr tragisch. Auch wir haben uns gefragt, wie so etwas passieren konnte.»

Manchmal singt und tanzt er

Um 14 Uhr beginnt eine Supervision – eine genaue Beurteilung eines Patienten, in der darüber diskutiert wird, wie eine Behandlung weiter verlaufen soll. Das Team lässt sich dabei von einem externen Psychiater, dem Supervisor, beraten.

Eine Pflegerin schildert die Details: Herr Meili* ist seit anderthalb Jahren auf der forensischen Station. Sein Fall wird in ein paar Wochen vor Gericht verhandelt, vorgeworfen wird ihm Körperverletzung, Raub und Nötigung. Er sei sportlich und kreativ, sagt die Pflegerin. Er hat andere Patienten angegriffen, kann aber auch nett und charmant sein.

Seine Stimmung wechselt manchmal minütlich, in der Nacht schläft er oft mit Kleidern und bei Licht, weil er Angst hat. Manchmal singt er – er hat eine Bluesstimme – manchmal tanzt er. «In den paar Minuten, in denen er tanzt, kann man erahnen, wie er wäre, wenn er nicht krank wäre», sagt die Pflegerin.

Besonders in den Nächten, in denen zwei Frauen die Aufsicht über die Station hatten, ist Herr Meilis Verhalten negativ aufgefallen. Manchmal läuft er auf dem Gang auf und ab, hört Hip-Hop. Hip-Hop macht ihn aggressiv. In anderen Nächten unterhalte er sich stundenlang mit einem narzisstischen Koch über Musik, berichtet die Pflegerin.

Die Ärzte diskutieren, ob es noch ungenutzte Möglichkeiten in der medikamentösen Behandlung gebe. Der Supervisor stellt fest: «Andere Patienten haben mehr Potenzial. Er besetzt einen guten Therapieplatz, den wir lieber einem motivierteren Patienten zur Verfügung stellen würden.»

Das Problem: Herr Meili wollte nie in Behandlung, aber er fühlt sich vermutlich wohl und sicher in Königsfelden. Deswegen möchte er vielleicht gar keine Fortschritte machen, vermuten seine Betreuer. Positiv wird dagegen seine kreative Ader hervorgehoben. In der Vorweihnachtszeit bastelt er Karten für das Behandlungsteam.

Am Weihnachtsabend steht auch im Aufenthaltsraum der forensischen Station ein Tannenbaum und ein Pfarrer kommt vorbei. Die Feier sei aber religionsoffen, es geht ums gemütliche Zusammensein, sagt Langer. Auch ein Festessen aus der Küche darf nicht fehlen. Wein wird natürlich nicht ausgeschenkt, angestossen wird mit Sirup. Und wenn es die Gruppenkonstellation zulässt, werden auch Weihnachtslieder angestimmt.

Um 18 Uhr schliesst Langer die zweite Schleusentüre hinter sich. Es ist schon dunkel, das Licht fällt durch die gesicherten Fenster auf den Vorplatz. Von aussen sieht das Gebäude nicht aus, wie wenn hier Mörder oder Vergewaltiger eingesperrt wären. Nur ein quadratisches, weisses Haus.

*Name von der Redaktion geändert

** Der AZ-Redaktor absolvierte die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Dies ist seine Diplomarbeit.