Im Jahr 1985, als Elisabeth Schmid (CVP) als erste Frau zur Präsidentin des Grossen Rats gewählt wurde, kam es im Aargauer Kantonsparlament zu komischen Szenen. «Am Anfang sagten die Grossräte wie bisher immer ‹Herr Präsident, meine Damen und Herren›. Sie mussten sich zuerst daran gewöhnen, dass eine Frau den Vorsitz hat», erinnerte sich Schmid, die kürzlich verstorben ist, im vergangenen Herbst.

Dies hat sich inzwischen geändert, dennoch gibt es weiterhin deutlich weniger Frauen als Männer in der Aargauer Politik. In den letzten 30 Jahren war das Grossratspräsidium nur gerade neun Mal in Frauenhand, der Frauenanteil im Grossen Rat liegt bei gut einem Drittel und im fünfköpfigen Regierungsrat sitzt mit Susanne Hochuli (Grüne) nur eine Frau.

Drei starke Frauen in Bern

Anders sieht die Situation in Bern aus: Dort sind die Aargauer Frauen mit Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) sowie den Ständerätinnen Pascale Bruderer (SP) und Christine Egerszegi (FDP) sehr prominent vertreten. Wie haben die drei Frauen dies geschafft? «Ich sehe kein ‹Aargauer Phänomen› hinter dieser Entwicklung, sondern sowohl bei unserer Bundesrätin als auch bei den beiden Ständerätinnen vielmehr das persönliche Profil als ausschlaggebendes Kriterium», sagt Regierungsrätin Susanne Hochuli.

Stefanie Heimgartner, Grossrätin und Präsidentin der SVP Frauen Aargau, hat ihre eigene Erklärung: «Doris Leuthard, Christine Egerszegi und Pascale Bruderer sind starke Frauen, die hinstehen, ihre Meinung vertreten und damit in der Politik, die auch heute immer noch eine Männerdomäne ist, Erfolg haben.» Heimgartner ist der Meinung, dass es zu wenige Frauen gebe, «die den nötigen Mut haben, um selbstbewusst aufzutreten, sich durchzusetzen und sich in der Politik ihren Platz zu holen.»

Egerszegi: Mut nicht verlieren

Doch wie erklären die drei Aargauerinnen im Bundeshaus den markanten Unterschied zwischen Aarau und Bern, wenn es um die Frauenvertretung geht? Doris Leuthard äussert sich auf Anfrage nicht dazu.

Christine Egerszegi sieht ihre Hartnäckigkeit als Erfolgsrezept. «Ich war häufig die erste Frau in einer gewissen Position und musste mit Skepsis und Widerständen zurechtkommen.» Egerszegi rät anderen Frauen, sich durch Misserfolge nicht entmutigen zu lassen und sich weiterhin zu engagieren. «Auch Männer erreichen ihre Ziele nicht immer gleich im ersten Anlauf», gibt sie zu bedenken.

Bruderer: Politik und Familie

Ihre Ständeratskollegin Pascale Bruderer sagt zur Situation in Bern: «Das ist wohl eine Momentaufnahme, eine Konstellation, die sich auch wieder ändern kann.» Erklären kann Bruderer die Aargauer Frauenpower im Bundeshaus nicht. «Tatsache ist, dass wir alle drei in Funktionen sind, wo keine extremen Positionen und lauten Parolen gefragt sind, sondern mehrheitsfähige Lösungen und die Fähigkeit zum Brückenbauen.»

Bruderer sagt, ihr habe es geholfen, dass ihre Partei sowohl Frauen als auch junge Leute aktiv fördert. «Dennoch sehe ich Handlungsbedarf, wenn Politik für Frauen noch attraktiver werden soll», sagt Bruderer. Wichtig sei eine politische Diskussionskultur, «die hart in der Sache sein darf, aber dennoch von Anstand und Respekt geprägt ist».

Nicht wenige Frauen würden durch den polemischen Stil und persönliche Angriffe abgeschreckt. Zudem müssten die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen verbessert werden – «das gilt für Beruf und Politik», fordert sie.