Fall Malm

Im Aargau wurde Arzt Ingo Malm die Berufsbewilligung entzogen – jetzt ist er auch in Hamburg ein Thema

Ingo Malm (64) war seit seiner Verurteilung in der Schweiz in mehreren deutschen Bundesländern als Arzt tätig.

Ingo Malm (64) war seit seiner Verurteilung in der Schweiz in mehreren deutschen Bundesländern als Arzt tätig.

Im Aargau wurde dem Mediziner die Berufsbewilligung entzogen, in Deutschland war er als Arzt tätig. Jetzt treffen aber auch die Hamburger Behörden Abklärungen im Fall Malm.

Normalerweise werden Beschuldigte bei einem Prozess nach ihrer beruflichen Tätigkeit und ihrem Einkommen gefragt. Dies ist nötig, damit das Gericht bei einem Schuldspruch eine angemessene Geldstrafe festlegen kann. Bei der Verhandlung gegen Ingo Malm, die vor gut einem Monat am Bezirksgericht Bremgarten stattfand, war dies anders.

Der deutsche Arzt, der wegen Betrugs, Urkundenfälschung, ärztlicher Tätigkeit ohne Bewilligung, Veruntreuung von Quellensteuern und Misswirtschaft verurteilt wurde, war bei der Befragung wortkarg. Malm sagte nur, er arbeite derzeit in Deutschland, für weitere Fragen verwies er auf ein Dokument zu seinen finanziellen Verhältnissen, das er dem Gericht eingereicht hatte.

«Ich könnte an meiner Arbeitsstelle Probleme bekommen»

Auf die Nachfrage von Gerichtspräsident Raimond Corboz erklärte Malm, er erreiche von Zürich aus seinen Arbeitsplatz in Deutschland gut mit dem Flugzeug. Ob er in einem Spital, einer Praxis oder einer anderen Institution tätig ist und welche Funktion er dort genau ausübt, liess Malm unbeantwortet. «Ich könnte an meiner Arbeitsstelle Probleme bekommen, wenn Details publik würden», begründete Malm.

Dabei dürfte es um die Frage gehen, ob der mehrfach vorbestrafte Arzt in Deutschland praktizieren darf, obwohl ihm im Aargau im September 2014 die Berufsausübungsbewilligung entzogen wurde. Recherchen der AZ legen nun nahe, dass Ingo Malm seither in mehreren deutschen Bundesländern als Arzt tätig war.

Offiziell bezeichnet sich der Mediziner als «Facharzt für Allgemeinmedizin» der bayerischen Landesärztekammer. Als Mitglied ist Malm dort aber nicht gemeldet. Laut einer Sprecherin sei der Arzt vor über einem Jahr aus Bayern nach Baden-Württemberg gezogen. Dort hiess es, auch die Behörden in Stuttgart befassten sich nicht mit der ärztlichen Zulassung von Ingo Malm. Es habe jedoch «eine Anfrage gegeben, die zuständigkeitshalber an die Approbationsbehörde in Schleswig-Holstein weitergeleitet wurde», teilte eine Regierungssprecherin mit.

Deutsche Behörden beantworten konkrete Fragen nicht

Im norddeutschen Kiel ist das Landesamt für soziale Dienste für die Zulassung von Ärzten zuständig. Man gehe den Hinweisen im Fall Malm im Austausch mit anderen Behörden nach, sagt Christian Kohl, Sprecher im schleswig-holsteinischen Ministerium für Gesundheit und Soziales, auf Anfrage .

Auf die konkreten Fragen der AZ, ob Ingo Malm in seinem Bundesland als Arzt tätig ist und eine gültige Approbation hat, gibt es allerdings keine Antworten. Personendaten, die vom Landesamt für soziale Dienste «zur Überprüfung der Erteilung, der Rücknahme und des Widerrufs der Berufserlaubnis erhoben und verarbeitet werden, können wegen des Datenschutzes nicht weitergegeben werden», hält Kohl fest. Ein paar Tage später ergänzt der Sprecher, für die Zulassung von Ingo Malm sei das Bundesland Hamburg zuständig.

Malm arbeitet nicht in Hamburg, Behörde ist dennoch zuständig

Dennis Krämer, Sprecher der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, hält fest: «Eine in der Bundesrepublik ausgestellte ärztliche Approbation gilt deutschlandweit, ohne dass es einer gesonderten Zulassung einzelner Bundesländer bedarf.» Ärzte müssten ihre Tätigkeit lediglich bei der für ihren Arbeitsort zuständigen Ärztekammer anmelden. Dabei müssten sie unter anderem ihre Approbationsurkunde als Nachweis der Berufsausübungsberechtigung vorlegen.

Krämer sagt weiter, Ingo Malm sei derzeit in Hamburg nicht ärztlich tätig. Warum ist dann die Behörde dort für seine Zulassung zuständig? Der Sprecher erläutert: «Bei Ärzten, die ihren Beruf in Deutschland häufig wechselnd in ärztlich geleiteten Einrichtungen ausüben, ist jene Behörde zuständig, welche die Approbation seinerzeit erteilt hatte.» Die erste ärztliche Zulassung erhielt Malm in Hamburg, die dortige Behörde werde deshalb Hinweisen zu seinem Fall «auch im Austausch mit schweizerischen Behörden nachgehen», kündigt Krämer an.

Bisher flossen wohl keine Informationen nach Deutschland

Ob es im Aargau Anfragen der deutschen Behörden zum Fall Malm gab, ist unklar. Corina Trevisan, Sprecherin der Aargauer Gerichte, teilt der AZ mit, solche Informationen unterstünden dem Amtsgeheimnis. «Anfragen von Dritten fallen unter den nicht öffentlichen Teil eines Verfahrens, öffentlich sind jeweils nur die Gerichtsverhandlung und das Urteil.» Sie sagt weiter, bei Urteilen gebe es für die Aargauer Gerichte keine gesetzliche Grundlage für eine Meldepflicht an ausländische Behörden.

Jelena Teuscher, Sprecherin beim Gesundheitsdepartement, hat keine Kenntnis von Anfragen aus Deutschland zu Malms ärztlicher Zulassung. Der Kanton habe auch 2014 keine deutschen Behörden informiert, dass Malm die Berufbewilligung entzogen wurde. Man habe im Medizinalberuferegister einen Eintrag gemacht sowie die massgebenden Stellen und Behörden in der Schweiz informiert, sagt sie. «Weder war zu jenem Zeitpunkt erkennbar, dass Ingo Malm in Deutschland tätig sein wollte, noch wäre uns eine zuständige deutsche Behörde bekannt gewesen», begründet Teuscher.

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