Aargau
Im Aargau wird eine neue Volksinitiative gegen Lehrplan 21 aufgegleist

«Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» heisst eine neue Volksinitiative von aktiven und ehemaligen Lehrkräften und Grossräten. «Theorie sei fast inexistent, Bastelanleitungen und Spielideen dafür omnipräsent», kritisieren sie.

Hans Fahrländer
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Elfy Roca, Lehrerin und Heilpädagogin aus Oberrohrdorf: «Vor allem schwächere Schüler geraten mit dem Lehrplan 21 unter die Räder.»
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Start der Unterschriftensammlung für die Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21»
Für das Initiativkomitee liegt im Lehrplan 21 der Hund begraben.

Elfy Roca, Lehrerin und Heilpädagogin aus Oberrohrdorf: «Vor allem schwächere Schüler geraten mit dem Lehrplan 21 unter die Räder.»

Chris Iseli

Von den Regierungsparteien stellt die SVP das grösste Kontingent, prominentestes Mitglied ist Nationalrätin Sylvia Flückiger. Die Mitgliederliste von «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» enthält keine Parteien und Organisationen, sondern ausschliesslich Privatpersonen.

Ende der umfassenden Bildung

«Der Lehrplan 21 baut auf dem Konzept des Konstruktivismus auf», sagte Elfy Roca, Lehrerin und Heilpädagogin aus Oberrohrdorf, an der Medienkonferenz Für das Lehren und Lernen bedeute dies: Jedes Kind muss seine Wirklichkeit selber konstruieren und sein Wissen selber entdecken, der Lehrer ist kein Stoffvermittler mehr, sondern nur noch ein Anreger, der «Lernumgebungen» schafft. «Damit verabschiedet sich der Lehrplan 21 vom Ziel einer umfassenden Bildung für Kinder und Jugendliche, vor allem schwächere Schüler
geraten mit diesem Konzept unter die Räder», betonte Elfy Roca. «Unsere Kritik richtet sich somit gegen den grundsätzlichen Ansatz dieses Dokumentes. Dass die Regierung seine Einführung verschoben hat, ändert nichts an diesem Ansatz. Deshalb lancieren wir die Initiative jetzt», ergänzte sie.

Jungfreisinnige: Staatskunde-Initiative reaktiviert

Das Stimmvolk wird im Aargau auch darüber zu entscheiden haben, ob Staatskunde als eigenständiges Schulfach in der Kantonsverfassung verankert werden soll. Das fordert eine von den Jungfreisinnigen 2010 eingereichte Initiative, die im Hinblick auf den Lehrplan 21 sistiert wurde. In einem Grundsatzentscheid sprachen sich die Jungfreisinnigen nun an ihrem Parteitag in Beinwil am See für die Aufhebung der Sistierung aus. Dies, weil nach eingehender Prüfung des Lehrplans 21 klar sei, dass darin kein gleichwertiges Pendant zu ihrer Initiative vorgesehen sei: Der Staatskundeunterricht drohe innerhalb dreier verschiedener Kompetenzbereiche zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Und auch die Verschiebung der Einführung des Lehrplans bis 2020 durch den Regierungsrat veranlasste die Jungfreisinnigen zur Aufhebung der Sistierung. Der Parteitag beauftragte das InitiativKomitee, Gespräche mit der Staatskanzlei zum weiteren Vorgehen aufzunehmen. Erste Abklärungen hätten ergeben, dass eine Abstimmung im November 2015 möglich ist. (MOu)

«Es» hat schon begonnen

Harald Ronge, Mathematik- und Biologielehrer an der Bezirksschule Bremgarten, betonte, die Wegbereiter des Lehrplans 21 seien heute schon aktiv – zum Beispiel mit dem Oberstufen-Mathematiklehrmittel. Man müsse also nicht auf das definitive Dokument warten, man kenne dessen Geist und Wertesystem bereits. Theorie sei fast inexistent, Bastelanleitungen und Spielideen dafür omnipräsent. «Das ist nicht einfach ein schlechtes Lehrmittel, das wurde bewusst so verfasst», so Ronge. Er beklagte zudem eine weitgehende Einebnung der Lehrmittel für die verschiedenen Leistungszüge. Auch dies sei bewusst gesteuert – schliesslich verliessen nur noch «Oberstufenlehrer» die Pädagogische Hochschule, keine Bezirks- oder Reallehrer mehr.

«Schlafende Mehrheit wecken»

Bruno Nüsperli, alt Grossrat aus Aarau und Gründer des reformkritischen Schulforums Schweiz, geisselte nicht nur die «Atomisierung des Wissens» und den Verlust des Fächerkanons im Lehrplan 21, sondern auch seine ideologische Unterfütterung. Statt wertfreier Wissensvermittlung gebe es eine gezielte Beeinflussung der Jugendlichen. Zudem beklagte er das undemokratische Vorgehen der Lehrplanmacher und ihrer politischen Väter: «Es gibt keine breite offene Debatte, keine Mitsprache von Volk und Parlament – deshalb lancieren wir diese Initiative. Wir hoffen damit eine schlafende Mehrheit, die wenig oder nichts über den Lehrplan 21 weiss, zu wecken.

Eine abschliessende Fächerliste

Die Initiative verlangt die Neuformulierung des Artikels 13 des aargauischen Schulgesetzes. Demnach soll insbesondere eine abschliessende Fächerliste aufgeführt werden – was die Einführung des Lehrplans 21 verhindern würde. An Weihnachten will man die 3000 Unterschriften beisammen haben.

Zurück zur Frage: Aus welcher Ecke kommt denn das Begehren? Die Komiteemitglieder taxierten diese Frage beinahe als unanständig: «Wir lassen uns nicht in eine politische Ecke drängen, wir kommen aus ganz verschiedenen Ecklein», so Nüsperli. SVP-Grossrat René Bodmer aus Arni ergänzte: «Genau dies wollen wir nicht: dass unser Anliegen auf Personen und Parteien und Herkunftsrichtungen reduziert wird. Es geht uns allein um die Sache.»