Von eigentlichen Kriegshandlungen blieb die Schweiz zwischen 1914 und 1918 verschont. Dennoch gab es im 1. Weltkrieg allein im Aargau rund 750 Tote. Die Menschen fielen der Spanischen Grippe zum Opfer, die im letzten Kriegsjahr in der Schweiz wütete. «Im Aargau traten die ersten Krankheitsfälle, die als Grippe bezeichnet wurden, Ende Mai 1918 auf», schreibt Willi Gautschi in seiner «Geschichte des Kantons Aargau».

Zuerst hielten die Behörden die Krankheit für eine normale Grippe, wie sie auch damals regelmässig auftrat. Erst im Sommer wurde klar, dass es sich um eine hochansteckende Seuche handelte, die in zahlreichen Fällen tödlich endete. Die kantonale Sanitätsdirektion reagiert: Am 11. Juli wurde in den Zeitungen eine Mitteilung publiziert, um die Bevölkerung über die Grippe zu informieren. Nur elf Tage später erliess der Regierungsrat ein allgemeines Versammlungsverbot. Danach wurde der Schulbetrieb eingestellt, Gottesdienste verboten und Fabrikbesitzer verpflichtet, Vorkehrungen zu treffen, um Ansteckungen unter Arbeitern zu verhindern.

Höhepunkt im Oktober 1918

Der kantonale Sanitätsdirektor war optimistisch, «in etwa drei Wochen die Massnahmen mildern oder ganz aufheben zu können». Doch er sollte sich täuschen: Zwar ging die Zahl der Grippefälle bereits im August wieder deutlich zurück, doch im Herbst erfasste eine zweite, deutlich stärkere Grippewelle den Aargau. In einer einzigen Woche, vom 20. bis 26. Oktober, wurden 6641 Fälle gemeldet, 85 davon endeten tödlich.

Todesanzeigen aus dem «Aargauer Tagblatt» vom Oktober 1918.

Todesanzeigen aus dem «Aargauer Tagblatt» vom Oktober 1918.

Gautschi weist darauf hin, dass alle Grippezahlen mit Vorsicht zu betrachten seien. «Da viele leichtere Fälle nicht zu ärztlicher Behandlung führten oder der Arzt umgangen wurde, um nicht Absonderungsmassnahmen ausgesetzt zu werden, blieb die Zahl der angezeigten Grippeerkrankungen während der ganzen Epidemie bedeutend unter der Zahl der wirklichen Erkrankungen.»

Notlazarette in den Regionen

Am grössten war die Ansteckungsgefahr laut einem Rechenschaftsbericht des Regierungsrats in den Industriezentren und deren Arbeiter- und Angestelltenvororte. «Bei den Arbeitern in den Städten, Werkstätten und Eisenbahnen war die Ansteckungsgefahr naturgemäss grösser als da, wo der Landwirt sich fast ganz auf seinen Hof zurückziehen konnte», ist dort nachzulesen.

Weil die bestehenden Spitäler nicht ausreichten, um die vielen Patienten aufzunehmen, wurden in mehr als 20 Gemeinden regionale Notlazarette eingerichtet. Auch die kantonale Krankenanstalt, das heutige Kantonsspital Aarau, baute seine Kapazitäten aus. Schon Ende Juli wurde eine amerikanische Sanitätsbaracke für Grippekranke angeschafft und im Park des Spitals aufgestellt. Weil der Transport der Kranken in die Spitäler und Notlazarette oft zu umständlich war, bauten viele Gemeinden die Hauskrankenpflege aus.

Tanzverbot wurde umgangen

Zudem wurde das Versammlungsverbot im Oktober 1918 auf «Volksversammlungen, Volksfeste, Vereinszusammenkünfte, Theater- und Kinovorführungen, Kirchweihfeste, Tanzbelustigungen und dergleichen» ausgedehnt. Dagegen wehrte sich der Hägglinger Gemeindeammann Josef Huber. Er sprach sich mit Blick auf die Fasnacht 1919 für eine Aufhebung des Tanzverbots aus – dieses werde ohnehin umgangen.

«In Bauernstuben, in Wirtsstuben, in alten engen Lokalen und Spelunken wird bei Handorgel und Phonograph getanzt, im engen Knäuel, dicht aneinander, im Staub und unter denkbar ungünstigsten Verhältnissen», schrieb Huber an den Regierungsrat. Dieser blieb aber hart. Das Versammlungsverbot wurde erst nach der Fasnacht allmählich gelockert.

Ende Mai 1919 war die Grippe-Epidemie praktisch vorbei – politische Versammlungen blieben aber verboten, was den Gewerkschaften überhaupt nicht passte. Dies sei nicht nachvollziehbar, teilten sie der Regierung mit. «Es sei denn, man erbringe uns den Beweis, dass die Ansteckungsgefahr nur in Lokalitäten und an Versammlungen der Arbeiterschaft besteht».

Für Seuchen schlecht gerüstet

Nach dem Abklingen der Spanischen Grippe führte die Regierung eine Prüfung des Sanitätswesens im Kanton durch. Eine Umfrage zum Stand «präparatorischer Massnahmen zur Bekämpfung gemeingefährlicher Epidemien» brachte ein unerfreuliches Resultat. Festgestellt wurde ein Mangel an Pflegepersonal, in zwei Bezirken gab es gar keine Pflegemittel für den Epidemiefall, in sechs Bezirken fehlten Dampfdesinfektionsapparate, permanente «Absonderungshäuser» für Kranke gab es im ganzen Kanton nur drei.

Insgesamt sei der Aargau gegen eine allfällige Cholera- oder Ruhrepidemie, die nach Kriegsende möglich sei, sehr schlecht gerüstet. Diese blieb glücklicherweise aus, dennoch richtete der Kanton überall sogenannte Krankenmobilienmagazine mit Pflegematerial ein, um für künftige Seuchen gerüstet zu sein.